Anlegen in Zeiten von Niedrigzinsen

„Besser Fonds als einzelne Aktienwerte“

In Zeiten von Niedrig- und Negativzinsen können Aktien und Fonds eine gute Alternative sein. Doch was ist die einfachste Variante für den klassischen Sparer, um mehr aus seinem Geld zu machen?
11.03.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Florian Schwiegershausen und Lisa Boekhoff

Hörner oder Tatze? Anleger an der Börse beschäftigen Bulle und Bär immer wieder. Für steigende Kurse steht traditionell der Bulle, der Bär symbolisiert fallende Kurse. Doch wie kamen die Tiere zu dieser Bedeutung? Im 17. Jahrhundert soll es in der Nähe der Börse in London Schaukämpfe gegeben habe. Und die Börsianer sollen schließlich das Kampfverhalten der Tiere in ihren Sprachgebrauch übernommen haben: Der Bulle greift mit seinen Hörnern von unten nach oben an, der Bär richtet sich dagegen auf und kämpft nach unten.

Gerade zum Wochenanfang hatte der Bär das Sagen: Der Deutsche Aktienindex Dax sackte wegen des Coronavirus um fast acht Prozent ab. Am Dienstag konnte er sich wieder etwas erholen. Die Entwicklung zeigt, dass Aktien oder Aktienfonds keine kurzfristigen Anlagen sein sollten. So sieht es auch Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen: „Ich sollte einen Zeitraum von mindestens zehn bis 15 Jahren einplanen. Wenn man sich die Rendite über 30 Jahre anschaut, kann man nur gewinnen.“ Das Problem ist laut Oelmann die Psychologie: „Wir sehen die Kurse oben, wir steigen ein. Dann passiert etwas und wir werden relativ schnell nervös. Wir handeln da oft genau gegen jede Empfehlung.“ Doch neben dem Aktienkurs zählt auch die jährlich ausgeschüttete Dividende. Laut DZ Bank zahlten die 98 Firmen, die im Dax, MDax und TecDax notiert sind, im vergangenen Jahr zusammen eine Dividende in Höhe von mehr als 47 Milliarden Euro aus. Verglichen mit 2018 war dies aber ein Minus von vier Prozent.

Aktien gelten – trotz wiederkehrender Turbulenzen an den Märkten – als Chance, um den Wert des Geldes zu halten oder zu vermehren in Zeiten von Niedrig- und Negativzinsen. Doch auch hier gilt, nicht all seine Ersparnisse in Aktien zu investieren. Wertpapiere sollten nur eine Option sein, um auf diese Weise das Risiko der Anlage zu streuen. Das Problem der Deutschen ist laut Vorständin der Verbraucherzentrale aber eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Aktien: „Viele tun sich mit dem Gedanken überhaupt schwer, denn viele haben auch schon schlechte Erfahrungen gemacht: Anfang der 2000er mit Einzelaktien oder auch beim Börsencrash in den Jahren 2008 und 2009.“

Für den Normalverbraucher rät Annabel Oelmann: „Ich sollte nicht in eine Einzelaktie investieren.“ Das erfordere auch, immer wieder die Kurse zu verfolgen. Wer sich eher einmal im Jahr mit seiner Anlage beschäftigen möchte, für den seien Aktienfonds die bessere Anlagemöglichkeit. Damit werde das Risiko breiter gestreut. Das Angebot an Fonds ist vielschichtig. Wichtig sind die Risikoklassen. Die meisten Geldinstitute teilen Wertpapiere in fünf Risikoklassen auf: Risikoklasse eins ist eher für denjenigen, für den die Sicherheit gegenüber der Rendite im Vordergrund steht. Bei Risikoklasse fünf handelt es sich dagegen um absolut spekulative Werte, bei denen aber auch mit einer höheren Rendite zu rechnen ist.

Bei Aktienfonds ist zwischen zwei Varianten zu unterscheiden. Zum einen gibt es die aktiv gemanagten Fonds, bei denen Mitarbeiter tagtäglich ein Auge auf die Entwicklung des Fonds haben und entsprechend eingreifen. Was Oelmann an dieser Variante nicht gefällt: „Die können teuer sein: Denn für das Management ist als Erstes ein Ausgabeaufschlag fällig. Da können schon die ersten fünf Prozent weg sein. Dazu kommt die jährliche Verwaltungsgebühr, das können um die 1,5 Prozent der Anlagesumme sein. Das ist viel Geld.“ Nach Abzug der Kosten müsse die Inflationsrate trotzdem noch geschlagen werden. „Kosten sind der Hauptrenditefresser. Darauf muss ich als Erstes achten“, ergänzt die Vorständin. Für höhere Gewinne müsse man sich also um niedrigere Kosten bemühen.

Daher favorisiert Oelmann für den klassischen Sparer passiv gemanagte Fonds. Das sind Indexfonds oder auch ETFs (Abkürzung für "Exchange-Traded Fund"). Sie orientieren sich meist an einem bestimmten Aktienindex. ETFs werden über die Börse gehandelt. Oelmann sieht als Vorteil für Anleger: „Ihr ETF-Anteil entwickelt sich immer genauso wie der Index, den er abbildet. Abzüglich der Kosten versteht sich, die bei Indexfonds in Form von Transaktionskosten und Verwahrungsgebühren entstehen." Die Kosten sind hier aber niedriger als bei aktiven Fonds. "Ich habe keinen Ausgabeaufschlag und die Verwaltungskosten pro Jahr liegen irgendwo zwischen 0,1 und 0,5 Prozent", erläutert die Finanzexpertin der Verbraucherzentrale.

Wer auf ETFs setzt, kann einen Schritt weitergehen. Es gibt Experten, die auf den norwegischen Staatsfonds schwören, den es seit 1998 gibt. Er setzt auf Nachhaltigkeit und soll für das Land Vermögen schaffen, wenn irgendwann die Ölquellen versiegt sind. Anleger können den Fonds nicht kaufen. Einige versuchen aber, ihn über sechs verschiedene ETFs abzubilden. Der langjährige Finanzredakteur Clemens Bomsdorf hat sich in seinem Buch „So werden Sie reich wie Norwegen“ damit beschäftigt.

Eine neue Variante von immer mehr Geldinstituten sind „Robo-Advisor“. Sie handeln automatisch per Algorithmen und künstlicher Intelligenz. Die Anleger müssen bei der Anmeldung ihre Risikoklasse angeben und können jeden Monat eine bestimmte Summe auf das Depot einzahlen. Durch die Automation liegen hier die Verwaltungskosten ebenfalls niedrig: bei vielen zwischen einem und zwei Prozent des Anlagevermögens. Der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel kritisierte aber gerade zum Wochenanfang, dass diese Robo-Advisor auf eine Situation wie jetzt durch den Coronavirus nicht vorbereitet seien und nachträglich entsprechende Algorithmen bräuchten. Bei aktiv gemanagten Fonds gebe es da eben noch den Kontrollfaktor Mensch.

Was Aktien oder Fonds angeht, sagt Oelmann: "Mir ist wichtig, dass wir umdenken." Sie verweist auf vermögenswirksame Leistungen, die einige Unternehmen ihren Mitarbeitern vertraglich zusichern und die sich an der Börse einsetzen ließen: "Bestenfalls stocke ich den Betrag beispielsweise auf 25 oder 50 Euro auf. Gerade für junge Menschen ist dies eine gute Möglichkeit, um erste Erfahrungen zu sammeln.“ Sowieso sei es besser, in kleinen Beträgen pro Quartal oder Monat zu beginnen: "Auch damit streue ich das Risiko im Gegensatz zu einer großen Einmalanlage." Einige der Robo-Advisor sind bereits auch für vermögenswirksame Leistungen zertifiziert.

Für den Start braucht es natürlich auch ein Aktiendepot. Das gibt es zum Beispiel bei der Hausbank. Ein aktueller Vergleich des Ratgeberportals Finanztip hat ergeben, dass Direktbanken und Online-Broker eine kostengünstige Alternative sein können. Einige von ihnen verlangen bei ETFs pro Transaktion weniger als fünf Euro.

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