Rabatte im Tausch für Daten Big Data erobert die Autoversicherung

Erste Haftpflicht-Policen - sogenannte Telematik-Tarife - räumten Rabatte ein, wenn Fahrer freiwillig Einblicke in ihre Daten gewährten. Doch Experten sind skeptisch.
17.01.2019, 21:52
Lesedauer: 4 Min
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Big Data erobert die Autoversicherung
Von Peter Mlodoch

Das Angebot klingt verlockend: Man gewährt seinem Auto-Versicherer Einblicke in seinen Fahrstil, dafür gibt es einen satten Rabatt bei der Haftpflicht-Police. Telematik-Tarife nennen die Assekuranzen diese Deals, mit denen die Unternehmen bei ihren Kunden eine Vielzahl von Daten abgreifen und dies im Gegenzug mit Preisnachlässen belohnen. Passend zum Verkehrsgerichtstag in Goslar in der nächsten Woche rührt die Branche die Werbetrommel für solche Modelle, denkt bereits an einen massiven Einsatz auch in anderen Sparten, etwa bei Kranken-, Gebäude- oder Hausratversicherungen. Verkehrsrechtsanwälte und der Automobilclub ADAC warnen allerdings vor einer allzu offenherzigen Preisgabe der Daten.

Die neue Studie „Big Data: Bürgerschreck oder Hoffnungsträger“ des von der Huk Coburg ins Leben gerufenen Goslar-Instituts mahnt dagegen einen selbstbewussten Umgang mit persönlichen Daten an. Mündige Verbraucher dürften sich nicht länger nur als Schutzobjekt betrachten, sondern sollten sich als „Datengeber, Datenspender oder gar Datenhändler“ verstehen.

Viele Möglichkeiten für neue Smart-Services-Angebote

„Die Grundskepsis gegenüber Big Data kippt, wenn konkrete, nutzenstiftende Anwendungen genannt werden“, heißt es in dem 200-seitigen Papier, das unter anderem auf einer repräsentativen Umfrage fußt und das dem WESER-KURIER vorliegt. Am kommenden Donnerstag will sich der „Goslar Diskurs“ des Instituts im Klosterhotel Wöltingerode mit den Ergebnissen der Wissenschaftler, zu denen auch Niedersachsens frühere Wirtschaftsministerin Susanne Knorre zählt, mit prominenter Unterstützung befassen. Ex-Außenminister Sigmar Gabriel spricht ein Grußwort.

Die Assekuranz schielt dabei natürlich auf künftige Geschäftsmodelle in der digitalen Welt. „Für die Versicherungswirtschaft bietet ein sicherer, aber zugleich selbstbewusster Umgang mit Daten viele Möglichkeiten für neue Smart-Services-Angebote“, erklärt der Studienautor Fred Wagner, Professor am Institut für Versicherungslehre der Universität Leipzig. „Nur so kann sich die Rolle der Versicherer grundlegend vom bloßen Kostenerstatter für Schäden in Richtung Schadenmanager oder gar Schadenverhüter verändern.“

Die Huk Coburg, nach eigenen Angaben mit über 11,6 Millionen versicherten Kraftfahrzeugen Marktführer, bietet bereits erste Policen nach diesem Muster an. Das Programm „Smart Driver“ für junge Fahrer unter 25 Jahren, die als Hochrisikogruppe für Verkehrsunfälle gelten, gewährt für „besonnenes Fahrverhalten“ hohe Prämienabschläge. Eine eigens ins Auto eingebaute Box zeichnet eine Vielzahl von Daten wie Tempo, Beschleunigung, Bremsmanöver und Tageszeiten auf.

„Wir setzen den Fahranfängern eine Art technischen Begleiter ins Auto“, erklärt Unternehmenssprecher Thomas von Mallinckrodt. Ergibt die Auswertung der Daten tatsächlich eine vernünftige Fahrweise, sind für den Versicherten Rabatte von bis zu 30 Prozent drin. Knapp 80 000 junge Kunden habe man mit diesem Modell gewinnen können, berichtet von Mallinckrodt. „Unsere Erwartungen wurden absolut übertroffen.“

Andere Unternehmen sind dagegen aus ähnlichen Modellen wieder ausgestiegen oder haben sie wie die öffentlichen Versicherungen ÖVB und VGH in Bremen und Niedersachsen erst gar nicht angeboten. „Der technische Aufwand und der Nutzen fallen auseinander“, erklärt deren Sprecher Christian Worms.

Die Huk Coburg denkt aber schon weiter und will den Rabatt-Deal noch in diesem Jahr allen Kunden unabhängig vom Alter anbieten. Dann allerdings überwacht eine mit dem Smartphone gekoppelte Vignette an der Windschutzscheibe via GPS den Fahrstil. „Das kann jeder Fahrer für sich auf seiner App nachverfolgen“, sagt der Sprecher.

Keine Kontrolle mehr

Der Datenschutz sei gewährleistet: Die Auswertung erfolge über einen eigenen Dienstleister, die Versicherung erhalte lediglich den „Score“, also den für mögliche Rabatte maßgeblichen Punktestand der jeweiligen Kunden. „Wir wissen also nicht, wo Sie wann unterwegs waren“, versichert von Mallinckrodt. Und erst recht melde man der Polizei keine Verkehrsverstöße.

Dennoch rät Verkehrsrechtsexperte Jörg Elsner vom Deutschen Anwaltverein (DAV) zur Vorsicht. Natürlich könne sich jeder Verbraucher für einen solchen Tarif entscheiden. „Er muss aber wissen, was er da tut. Er rückt seine Daten ohne eigene Kontrollmöglichkeit raus und muss damit rechnen, dass diese gegebenenfalls auch gegen ihn selbst verwendet werden können.“ Der Rechtsanwalt verweist darauf, dass eine Staatsanwaltschaft bei einem schweren Unfall mit Todesopfern durchaus die aufgezeichneten Fahrdaten beschlagnahmen lassen könnte, um die Schuldfrage zu klären.

Markus Schäpe, Chefjurist beim ADAC, zweifelt den Wert für die Verkehrssicherheit an. „Warum sollte ein Autofahrer vorsichtiger fahren, nur wenn er ein solches System eingebaut hat?“ Zudem sei völlig unklar, welche Daten wie lange und zu welchem Zweck gespeichert, ob vielleicht nicht doch Bewegungsmuster oder sogar Konsumverhalten erfasst würden. „Wo liegt das Interesse der Versicherer tatsächlich?“

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Die Studie des Goslar-Instituts zeigt etliche weitere Geschäftsfelder auf, in den die Assekuranz die immer größere Datenflut ihrer Kunden für sich nutzen kann. Krankenversicherungen etwa belohnen eine digital überwachte gesunde Lebensweise mit Prämienrabatten oder Amazon-Gutscheinen. Vernetzte Geräte im Haushalt von der Heizung bis zum Kühlschrank, die per App von außen kontrolliert und gesteuert werden, generieren im großen Umfang digitale Informationen.

Gleiches gilt für Rauchmelder, Feuchtigkeitssensoren in Rohrleitungen oder Smartphone-gesteuerte Schließ- und Überwachungssystem. Mittels Datenanalyse könne man das Wohnumfeld genau ausleuchten, Sach- und Haftpflichtrisiken samt Deckungshöhe erfassen und zielgenaue Angebote erstellen, heißt es in der Studie. Gleichzeitig beugen intelligente Geräte möglichen Gefahren wie Einbrüchen, Bränden oder Wasserschäden vor. Und natürlich – auch das erwähnen die Wissenschaftler – sinkt bei dieser Form der Kontrolle das Risiko von Versicherungsbetrug beträchtlich.

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