Bilanz am Bremer Automarkt

Weniger Nachwuchs in den Kfz-Werkstätten

Ausgefallene Jobmessen und nicht stattgefundene Praktika könnten zu Problemen in den Kfz-Werkstätten führen. Auch in diesem Jahr steht die Kfz-Branche vor Herausforderungen.
12.04.2021, 19:50
Lesedauer: 4 Min
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Weniger Nachwuchs in den Kfz-Werkstätten
Von Stefan Lakeband
Weniger Nachwuchs in den Kfz-Werkstätten

Vergangenes Jahr haben in Bremen deutlich weniger Jugendliche eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker begonnen.

Julian Stratenschulte/dpa

Er ziehe eine „bittere Bilanz“, sagt Hans Jörg Koßmann beim Blick auf die Ausbildungszahlen. Corona habe auch die Kfz-Branche und den Nachwuchs getroffen. Der Rückgang bei neuen Lehrstellen im vergangenen Jahr sei dramatisch, so der Obermeister der Bremer Kfz-Innung. Vor allem der Austausch mit den Jugendlichen habe gefehlt.

So seien im vergangenen Jahr viele Ausbildungsmessen und Jobbörsen ausgefallen. Und das seien in der Regel gute Möglichkeiten für Betriebe, auf potenzielle Lehrlinge zu treffen. „Zudem hatten im vergangenen Jahr viele Unternehmen Angst, Fremde ins Autohaus zu lassen“, sagt Koßmann. Zu groß sei die Angst vor einer Infektion gewesen, zu schlecht die Versorgung mit Corona-Tests. Hinzu sei die sinkende Zahl an Schulabgängern gekommen.

Großer Rückgang bei Automobilkaufleuten

In Summe führte das zu einem Minus von 22,5 Prozent beim Beruf des Kfz-Mechatronikers. Statt 213 wie im Vorjahr wurden 2020 nur 165 neue Ausbildungsverträge geschlossen. Prozentual größer war der Rückgang bei den Automobilkaufleuten. Er lag bei fast 31 Prozent – von 39 auf 27 Ausbildungen. „Mit Blick auf die Fachkräftelage der Zukunft ist diese Entwicklung dramatisch“, sagt Koßmann, „mit Blick auf die wirtschaftliche Lage der Ausbildungsbetriebe eine nachvollziehbare Reaktion.“ Er glaubt aber auch, dass 2020 eine Ausnahme war. Mittlerweile könne in den Betrieben getestet werden, auch Praktikanten würden vielerorts wieder erste Arbeitserfahrung sammeln, die oft zu einer anschließenden Lehre führt.

Unsicher ist aber noch, wie sich das Servicegeschäft – dazu zählen etwa Reparaturen in Werkstätten – in diesem Jahr entwickelt. Denn auch hier gab es 2020 einen Rückgang. Die Häufigkeit von Verschleißreparaturen ist von 0,51 auf 0,44 pro Fahrzeughalter gesunken. „Das Ergebnis einer auch geringeren Fahrleistung“, kommentiert Koßmann. Und diese habe auch zu weniger Unfällen geführt, was man natürlich einerseits begrüße. Andererseits sei dadurch das Geschäft mit der Reparatur von Unfallschäden zurückgegangen.

Werkstattauslastung deutlich gesunken

Im Schnitt seien die Bremer vergangenes Jahr 11.029 Kilometer gefahren. „Die klassischen Vielfahrer gab es nicht“, so der Obermeister der Kfz-Innung. Dafür würden andere Leute, die vor der Pandemie weniger Auto gefahren seien, mehr mit dem Pkw unterwegs sein – wohl aus Angst vor einer Ansteckung im öffentlichen Nahverkehr. „Diese Effekte heben sich aber nicht auf“, sagt Koßmann, sodass das Service-Geschäft weiter schwer bleibe. Dementsprechend sei die Werkstattauslastung teils um zehn Prozentpunkte gesunken. Aktuell liege sie – auch wegen des saisonüblichen Reifenwechsels – bei ungefähr 80 Prozent.

Insgesamt wurden am Bremer Automarkt 1,71 Milliarden Euro umgesetzt, vier Prozent mehr als im Jahr zuvor. Treiber dieses Wachstums waren vor allem Gebrauchtwagen und E-Autos. Neuzulassungen verloren hingegen. Das hat der Kfz-Landesverband Niedersachsen-Bremen am Montag mitgeteilt. „Es gibt an der Weser zwei Verlierer: den Handel mit neuen Pkw und den Service“, sagt Verbandspräsident Karl-Heinz Bley. Aber: „Es gibt zwei Gewinner: den Handel mit gebrauchten Pkw und die mit hohen Subventionen stark gemachte Elektromobilität.“

Einbruch bei Pkw-Neuzulassungen

Die Branchenbilanz weise bei den Neuzulassungen an der Weser Einbußen von 16,5 Prozent auf. 17.607 Autos wurden neu zugelassen. Allein in den ersten beiden Corona-Monaten März und April mit dem ersten Lockdown seien die Pkw-Neuzulassungen um rund 46 Prozent zurückgegangen.

Gebrauchte Autos hatten im Corona-Jahr 2020 hingegen einen „Lauf“, wie Bley sagt. Einerseits habe der bremische Markt zu den wenigen Bundesländern gezählt, die die Besitzumschreibungen mit Steigerungen abschlossen, andererseits habe der Fachhandel seinen Marktanteil auf 70 Prozent (Vorjahr: 67) ausbauen können. 50.638 Halterwechsel, davon 35.447 im Handel, seien eine „erstaunliche Bilanz“. Der Privatmarkt habe von 33 auf 30 Prozent Marktanteil eingebüßt. Dies seien 15.191 (Vorjahr: 16.335) Besitzumschreibungen.

Wachstum bei Fahrzeugen mit Elektromotor

Der Durchschnittspreis für neue Pkw stieg von 33.990 auf 36.340 Euro im Jahr 2020. Nach einer Erhebung der Deutsche Automobil Treuhand seien vor allem die zahlreichen Fahrerassistenzsysteme und die Verschiebung in den Segmenten ursächlich "für den kontinuierlich gestiegenen Preis“, sagt Bley.

Ein noch deutlicheres Wachstum gab es bei Fahrzeugen mit Elektromotor. Dank der mit 9000 Euro sehr hohen Innovationsprämie seien die Zulassungszahlen der Elektromobilität explodiert, so der Verbandschef. 911 (Vorjahr: 380) reine batteriebetriebene Neuwagen und 1659 (Vorjahr: 339) Plug-in-Hybride spiegelten „das süße Gift der Subvention“ wider. Bley sagt, es werde oft vergessen, dass sowohl Plug-in-Hybride als auch sogenannte Mildhybride einen Verbrenner nutzen.

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Zur Sache

Skeptischer Blick auf 2021

Der Ausblick auf das Jahr 2021 für die Bremer Kfz-Branche fällt laut Karl-Heinz Bley, Präsident des Kfz-Landesverbands Niedersachsen-Bremen, verhalten aus. „Das wird ein Jahr mit vielen Unwägbarkeiten.“ In Januar und Februar habe man Einbußen gesehen. Ob man die Ergebnisse des ersten Corona-Jahres bei den Neuzulassungen und Besitzumschreibungen erreichen könne, sei „mit Stand heute, fraglich“. Neben dem Lockdown spiele auch die Konsumlaune der Bürger eine wichtige Rolle. Eine Frage sei, so Bley, ob von dem „für unsere Branche so wichtigen Frühjahrsgeschäft noch etwas übrig bleibt“.

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