Interview mit SWB-Chef und BUND-Chef Wie die Energieversorgung nach dem Kohleausstieg aussehen könnte

Die Kohle verschwindet. Und was kommt danach? Ein Interview mit Martin Rode vom BUND Bremen und SWB-Chef Torsten Köhne über den Kohleausstieg, Zukunftsaussichten und mehr Fernwärme und Solarenergie für Bremen.
09.04.2021, 05:00
Lesedauer: 9 Min
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Wie die Energieversorgung nach dem Kohleausstieg aussehen könnte
Von Lisa Schröder
Unternehmen wir eine Zeitreise. Herr Köhne, wie sieht die Stromerzeugung in der Zukunft bestenfalls aus?

Torsten Köhne: Die Stromerzeugung der Zukunft sollten wir europäisch und nicht nur national denken. Es gilt, die verschiedenen Formen der erneuerbaren Energien zusammenführen. Im Norden haben wir viel Wind und können die Windenergie an Land und auf See ausbauen. Und weiter im Süden gibt es mehr Sonne, Fotovoltaik kann dort in der Regel besser genutzt werden. Welcher Aspekt meist zu kurz kommt: Wenn wir antizipieren, dass wir ein industrialisiertes Land bleiben, dann mache ich mir Gedanken um den Strombedarf. Es wird unterstellt, dass der Strombedarf nicht nennenswert steigt. Ich glaube das nicht. Und das ist ein Risikofaktor.

Woher kommt die Wärme?

Köhne: Dort liegt die noch größere Herausforderung, denn heute sind wir bei der Wärmeerzeugung weltweit sehr stark fossil gebunden – mit viel dezentralem Erdgas, Öl oder Kohle. Unser Umstieg auf Müllverbrennung und Gas ist ein toller Schritt für Bremen, aber es muss natürlich weitergehen. Im urbanen Raum geht es nach meiner Ansicht um die Fragen: Wie viel Fernwärme kriegt man auf die Straße? Und womit wird die Wärme erzeugt? Der Traum wäre, dass wir dort regenerativ unterwegs sind.

Herr Rode, wie sieht Ihr Ideal aus? Und wie weit sind wir von diesem Ideal entfernt?

Martin Rode: Wir sind sehr weit davon entfernt. Wenn ich die Zielvorstellung von Herrn Köhne höre, liegen wir gar nicht stark auseinander. Wir werden ein Industriestaat bleiben und einen sehr hohen Energiebedarf haben. Und wir werden insbesondere in europäischen Erzeugungsverbundsystemen denken müssen und die jeweiligen Stärken nutzen. Wir sollten aber auch hier im Norden alle Potenziale für die Solarenergie nutzen – selbst wenn der Wirkungsgrad geringer ist. Wir müssen auch beim Energiesparen massiv vorankommen. In der Industrie sind die Effizienzgewinne zwar erheblich, aber meistens werden sie durch Produktionszuwächse überkompensiert.

Und was sollte aus Ihrer Sicht bei der Wärme getan werden?

Rode: Wir müssen den Wärmebedarf durch die Gebäudesanierung senken. Und Fernwärme und Nahwärme müssen in Zukunft eine viel größere Rolle spielen. In Bremen sind wir da nicht ganz schlecht aufgestellt, aber wir müssen noch viel mehr hinkriegen. In diesem Kontext ist wichtig, dass wir nicht immer nur über Neuerzeugung sprechen. Wir können unglaublich viel Abwärme, die bisher ungenutzt ist, ins Netz bringen. Ich teile die Ansicht, dass wir bei der Wärme eine höhere Hürde haben, auf Erneuerbare umzustellen, weil wir viel weiter am Anfang stehen. Dagegen haben wir beim Strom einen Quantensprung hingekriegt, der vor 20 Jahren noch als undenkbar galt.

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Zurück in die Gegenwart. Ihr Kohlekraftwerksblock 6 im Hafen soll im Juli stillgelegt werden. In der ersten Auktion zum Kohleausstieg haben Sie den Zuschlag dafür bekommen. Gibt es schon einen Tag X?

Köhne: Ja. Am 7. Juli wird der Block 6 endgültig stillgelegt. Aktuell befindet er sich in Betriebsbereitschaft. Für einen Energieversorger, der über Jahrzehnte Kohlestrom produziert hat, ist der Ausstieg ein ganz schwieriger Prozess. Da geht es um Arbeitsplätze, da geht es durchaus um Emotionen, bei Block 6 auch um 1,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, die wir dann nicht mehr emittieren. Das entspricht über zehn Prozent der Gesamtemissionen in Bremen. Das ist viel.

Im Hafen endet die Geschichte der Kohle. In Hastedt und Farge, wo Onyx Power ein Werk betreibt, endet sie zunächst nicht. Der Schlussstrich dürfte Sie dennoch freuen. Kommt der Abschied aber ein bisschen spät?

Rode: Es ist eine große Leistung, dass die Kohlekommission sich auf den Ausstieg geeinigt hat. Wir sehen aber sehr kritisch, wie die Bundesregierung den Kohleausstieg umsetzt. Er wird teuer und dem Klimaschutz nicht gerecht. Der Ausstieg müsste viel schneller passieren. Stattdessen fangen wir mit den Kraftwerken an, die zeitnah sowieso vom Netz gegangen wären, weil Kohlestrom im Prinzip nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Für die SWB ist der Zuschlag sicherlich gut, aber nicht für den Kohleausstieg, wenn Braunkohlekraftwerke, die besonders viel CO2 emittieren, länger laufen. Das hat etwas mit dem Strukturwandel in den Regionen zu tun. Natürlich müssen die Menschen mitgenommen werden. Für das Klima ist das jedoch die falsche Schwerpunktsetzung.

Herr Köhne, Sie nicken. Teilen Sie die Kritik?

Köhne: Ich finde den Kohleausstieg richtig, aber die Art und Weise als ökologisch besonders toll zu verkaufen, das finde ich grenzwertig. Moorburg in Hamburg ist so ziemlich das modernste Kohlekraftwerk auf der Welt. Das wird jetzt nach knapp sechs Jahren stillgelegt, genauso wie ein neueres Kraftwerk in NRW. In Jänschwalde in Brandenburg läuft dagegen ein Braunkohlekraftwerk weiter – dabei sind die Emissionen dort wesentlich höher.

Rode: Ich sehe es genauso. Was aber bedacht werden sollte, die Investitionen in die neuen Kohlekraftwerke sind getätigt worden, als schon zu sehen war, der Weg dieser Technologie ist zu Ende. Und trotzdem sind sie auf Teufel komm raus durchgesetzt worden! Das ist bei der SWB anders. Als in den 2000er-Jahren ein neues Kohlekraftwerk gebaut werden sollte, hat die SWB auf den massiven öffentlichen Protest reagiert und sich schließlich dagegen entschieden.

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Herr Köhne, wie geht es mit dem Kohlekraftwerk in Hastedt weiter? Werden Sie das bei der nächsten Ausschreibung anbieten?

Köhne: Das wissen wir noch nicht. Vielleicht setzen wir auf andere Fördermechanismen zum Ausstieg. Das Schicksal des Kraftwerks ist aber völlig klar. Entweder wird es im zweiten Halbjahr 2022 oder im Sommer 2023 stillgelegt, wenn der Ersatz fertig ist und die Versorgung gesichert. Das gasbasierte Blockheizkraftwerk wird aller Voraussicht nach in der zweiten Hälfte 2022 fertig sein, die Fernwärmeleitung zum Müllheizkraftwerk vermutlich später.

Gas und Müll folgen auf die Kohle. Wie beurteilen Sie den Umstieg aus ökologischer Sicht?

Rode: Das ist natürlich genau das Problem. Wir haben im Zielszenario eingangs beide die erneuerbaren Energien genannt. Und davon reden wir an dieser Stelle nicht. Eigentlich darf die Müllmenge, wie wir sie heute haben, perspektivisch gar nicht entstehen. Zwar wird es wohl immer eine Restmüllmenge geben. Ob es dann sinnvoll ist, die zu verbrennen? Daraus erschließt sich klar die Frage: Wie kriege ich in ein solches System Erneuerbare rein? Wie sieht die Strategie der SWB zur Dekarbonisierung aus?

Köhne: Das finde ich schön, Herr Rode. Auf der Oberfläche würde ich ja sagen: Da hat der Mann recht! Doch wenn es einer machen soll, gibt er an mich ab. Also ich denke schon, dass es ein Unterschied ist, ob man Wärme aus Abfall oder Erdgas produziert. Erdgas ist ein fossiler Brennstoff, der aber deutlich weniger CO2 als Steinkohle emittiert. Das ist eine Übergangstechnologie für die nächsten Jahre. Das Müllheizkraftwerk sehe ich anders. Wir sind uns sicher einig, dass es ökologisch sinnvoll ist, dass weniger Müll entsteht. Doch solange er da ist, sollten wir ihn nutzen. Der Umstieg auf Müll und Gas ist ein ziemlicher Schritt. Wir haben ausgerechnet, dass man zur Speicherung von so viel CO2 44 Millionen Bäume in Bremen pflanzen müsste.

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Und wie geht es weiter? Im vergangenen Jahr sind Sie von der Klima-Enquete nach dem Konzept für ein klimaneutrales Bremen 2035 gefragt worden. Ihre Antwort: „Dafür haben wir kein Konzept.“

Köhne: Man kann ganz viel über 2035 oder 2050 reden. Das sind aber derart lange Zeitläufe, dass ich mir nicht zutraue, zu sagen, was dann ist. Wir finden, dass bei der Realisierung von Fortschritten das gemacht werden muss, was geht. Das heißt nicht, dass man Langfristziele aus dem Auge verlieren sollte. Doch für die nächsten Jahre ist zu konstatieren: Es gibt keine regenerative Lösung für die Wärme – erst recht nicht bezahlbar. Das ist im Moment technisch nicht möglich.

Wie sehen Ihre Langfristziele denn aus?

Köhne: Unsere Strategie setzt im Wesentlichen darauf, dass wir das System der Wärmeerzeugung verändern. Bisher hat man einen großen Wärmeerzeuger und speist Wärme heiß ins Netz ein – bei 130 Grad Wassertemperatur. Wir müssen aber dahinkommen, dass wir dezentrale und möglichst regenerative Einspeisemechanismen schaffen. Außerdem können wir Abwärme nutzen, die sowieso da ist, wie beim Müll.

Das Netz muss dafür entsprechend groß sein.

Köhne: Genau. Wir haben an vielen Ecken dieser Stadt wärmeintensive Produktionsprozesse. Dort liegt aber nicht immer eine Leitung, um die Wärme ins Netz zu bekommen. Das Stahlwerk produziert beispielsweise massiv Abwärme, es liegt jedoch weit weg von der nächsten Wärmeeinspeisung. Wir müssten das Netz also weiter ausbauen. Wenn es nach mir geht auch über die Weser, um etwa das Tabakquartier, die Hochschule oder das Gelände von Hachez und Mondelez mit Fernwärme zu versorgen. Das ist eine langfristige Strategie, die wir noch nicht bepreist haben. Was wir bepreist haben, sind die 6,7 Kilometer Fernwärmeleitung von der Uni an die Kurfürstenallee für 60 Millionen Euro.

Die Ausweitung wäre also ziemlich teuer.

Köhne: Das kostet wahnsinnig viel Geld. Was wir jetzt die nächsten drei Jahre machen, bringt das Unternehmen bereits an den Rand der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Im Vergleich mit anderen Energieversorgern sind wir ziemlich vorneweg mit unseren Investitionen.

Im Interview mit der „FAZ“ äußerte sich der scheidende Eon-Chef Johannes Teyssen im Rückblick auf seine Branche. „Wir haben zu lange an der alten Welt festgehalten“. Würden Sie dem zustimmen?

Köhne: Als wir unser Kohlekraftwerksprojekt geplant haben, was wir zum Glück beerdigt haben, da bin ich voll bei Herrn Rode, gab es geradezu einen Hype um Kohlekraftwerke. Jeder Politiker und Branchenvertreter war davon überzeugt. Das zeigt: Hinterher ist man immer schlauer.

Rode: Die Branche ist sehr heterogen, von den Stadtwerken bis zu den Großen. Natürlich ist es so, dass die Energiewende insbesondere von den Konzernen massiv behindert worden ist. Ohne ein unglaubliches Bürgerengagement hätte es sie nicht gegeben. Das ist, freundlich formuliert, verpennt worden – bewusst nicht gewollt. Das finde ich einen wichtigen Gesichtspunkt bei der Frage, wie es nun weitergeht. Wir dürfen nicht nur auf einzelne Konzerne gucken.

Was meinen Sie damit?

Rode: Von einem Unternehmen wie der SWB kann man nicht erwarten, dass es ganz Bremen in die neue Richtung bringt. Es braucht auch viel Kraft aus der öffentlichen Hand und, was mir noch viel wichtiger ist, aus der Gemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger. Das verdrängen wir gerne, obwohl es da unglaublich viel Potenzial und Kapital gibt. Zugleich werden die Bewegungsspielräume der öffentlichen Haushalte in den nächsten Jahren schmerzhaft kleiner. Wir müssen also über andere Wege nachdenken, Dinge in der Fläche in Bewegung zu setzen. Das Thema „Solar City Bremen“ ist zum Beispiel gesetzt, es passiert aber erschreckend wenig.

Wie wollen Sie einen Anschub auslösen?

Rode: Es geht um viel Geld. Da dürfen wir auf keinen Fall immer nur zur Stadt und zur SWB schauen. Es müssen Bürger und auch die Unternehmen am Ausbau der Solarenergie mitwirken. Die öffentlichen Immobilien sind in dieser Frage von zentraler Bedeutung, weil sie Vorbildcharakter haben. Nach unserer Auffassung wird das derzeit jedoch noch nicht erfüllt.

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Ist es nicht generell ein Problem, dass wir mit Übergangslösungen leben müssen, weil das Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren raus ist?

Rode: Wir haben mal ein hohes Tempo gehabt. Der Aufbau ist ziemlich gebremst worden. Das liegt an den Rahmenbedingungen. Eine Solaranlage aufs eigene Dach zu bringen, ist teils ganz schön schwer geworden.

Köhne: Wobei der Fortschritt bei der Fotovoltaik weit gediehen ist, sodass sich die Anlage auch ohne Zuschuss vom Staat rechnet. Oft kommt mir das zu kurz. Warum also nicht das Geld aufs Dach legen? Davon wird man zwar nicht reich, doch das wird man vom Sparbuch auch nicht. Ich finde es komisch, dass das nicht öfter passiert und in der Tat sehr wenig bei Immobilien in öffentlicher Hand. Manchmal liegt es natürlich an den Voraussetzungen. Es gibt aber auch ein Moment der Trägheit. Mein Gefühl ist sogar, dass es derzeit weniger Dynamik gibt – auch wegen Corona.

Die Nachfrage nach grünem Strom wächst. Die Autobranche befindet sich auf dem Weg zu mehr E-Mobilität. Wo soll der ganze Strom herkommen? Kann Wasserstoff, der zurzeit regelrecht gehypt wird, eine Lösung sein?

Rode: Es ist schon richtig, dass Wasserstoff in Zukunft insbesondere bei großtechnischen Prozessen und besonderen Formen von Mobilität eine zentrale Rolle spielen wird. Wasserstoff ist jedoch sehr aufwendig in der Herstellung und sollte nur dort eingesetzt werden, wo es keine Alternativen gibt. Die ganze Diskussion über Wasserstoff in der Normalmobilität ist absurd. Das ist nicht darstellbar.

Köhne: Ich finde, grundsätzlich kommt es auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis an – und zwar nicht nur in Euro gerechnet. Was ist also der beste Klimaschutz im Verhältnis zum Aufwand? Und da muss man konstatieren, dass Wasserstoff einen hohen Umwandlungsverlust hat. Wasserstoffanwendungen sollte es darum nur dort geben, wo Alternativen gar nicht möglich sind.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Torsten Köhne

ist Vorstandsvorsitzender des Bremer Energiekonzerns SWB. Der Jurist verantwortet dort den Bereich Technik.

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