Laut Handelskammer

Bremen verliert 100 Millionen Euro durch Abwanderung ins Umland

Bremen verliert laut Handelskammer 100 Millionen Euro jährlich, weil immer mehr Menschen ins Umland abwandern. Deshalb fordert die Kammer mehr Bauland – etwa in der Osterholzer Feldmark.
17.01.2020, 13:29
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Bremen verliert 100 Millionen Euro durch Abwanderung ins Umland
Von Peter Hanuschke
Bremen verliert 100 Millionen Euro durch Abwanderung ins Umland

Die Osterholzer Feldmark ist aus Sicht der Handelskammer sehr gut für Bauland geeignet – auch unter ökologischen Aspekten.

Christian Walter

Das Land Bremen verliert laut Handelskammer jährlich 100 Millionen Euro an fiskalischen Einnahmen durch Wanderungsverluste. Bremen habe zwar einen leichten Bevölkerungszuwachs vor allem durch Zuwanderung aus dem Ausland – davon ein Großteil Geflüchtete. Aber gerade junge Familien ziehe es von Bremen ins niedersächsische Umland, weil sie dort Bauplätze im mittleren Preissegment fänden, die es in Bremen nur selten gebe, so Matthias Fonger, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer. „Der Senat muss gegen diese Entwicklung steuern.“ Laut Bauressort sei das bereits geschehen.

Auch ökologische Gesichtspunkte sprächen für eine größere Ausweisung von Bauland – etwa in der Osterholzer Feldmark. Dieses Areal dürfe kein Tabuthema mehr sein. Dass der rot-grün-rote Senat unter anderem die Osterholzer Feldmark als Baugebiet in seinem Koalitionsvertrag ausschließe, sei absolut unverständlich. „Wir reden hier nicht über ein Naturschutzgebiet – dafür hätten wir ja Verständnis.“ Und eine Bebauung dort aus ökologischer Sicht abzulehnen, weil man nicht mehr Versiegelung haben möchte, ziehe auch nicht. Zum einen finde die Versiegelung dann im Umland statt und zum anderen gebe es mehr Pendlerverkehre, die die Umwelt belasten. Außerdem gebe es um die Osterholzer Feldmark bereits eine gute Infrastruktur. So könne etwa der Mahndorfer Bahnhof genutzt werden.

"Es ist inzwischen langweilig und abgedroschen, dass sich die Handelskammer immer wieder ausgerechnet die Osterholzer Feldmark und Brokhuchting für ihre Kritik heraussucht", sagt Bau- und Umweltsenatorin Maike Schaefer (Grüne) dieser Zeitung. Das seien Areale, die ökologisch von hoher Bedeutung seien und zu Recht nicht für Bebauung zur Verfügung stünden. "Inhaltlich kann man nur feststellen, dass die Handelskammer völlig ignoriert, dass Bremen derzeit Flächen für 30000 Wohneinheiten ausgewiesen hat – etwa im Hulsberg-Quartier, bei Hachez oder im Tauwerk- oder Tabak-Quartier." Hinzu komme, dass es etwa 3000 genehmigte Wohneinheiten gibt, die derzeit durch die Bauindustrie gar nicht fertig gestellt werden können.

Lesen Sie auch

Es sei zwar schon in den vergangenen Jahren etwas passiert, aber es sei definitiv zu wenig Bauland ausgewiesen worden, so Fonger. Politik müsse darauf nun reagieren. Um nicht nur über gefühlte Werte zu sprechen, die im Zusammenhang mit Abwanderung stünden, „haben wir eine Analyse erstellen lassen, um endlich mal die Folgen mit realen Werten zu unterlegen. Die stellen wir natürlich gerne der Politik zur Verfügung.“ Ziel müsse es sein, einmal objektiv über die Thematik sprechen zu können. „Die Analyse der Handelskammer stimmt bedenklich und untermauert den anhaltenden Trend der Abwanderung von Bremen ins Umland“, sagt Carsten Meyer-Heder, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion und Landesvorsitzender der CDU Bremen, auf Nachfrage des WESER-KURIER. „Eine wachsende Stadt sieht für mich anders aus.“ Auf diese negative Entwicklung habe der Senat keine Antworten. Weder in seinem Koalitionsvertrag sei davon die Rede, noch lasse sich aus seinem Handeln schließen, das er daran etwas verändern könne.

Laut Analyse mussten Bremen und Bremerhaven zunehmend deutliche Einwohnerverluste an das Umland hinnehmen. Die Stadt Bremen hat demnach in den vergangenen zehn Jahren seit 2009 netto rund 14.500 Einwohner ans Umland verloren. Aus Bremerhaven seien im selben Zeitraum etwa 2000 Einwohner mehr ins niedersächsische Umland gezogen als umgekehrt.

Die Abwanderung habe auch negative gesellschaftliche Folgen, so Fonger. Da gerade Familien mit Kindern ins Umland zögen, würden die in Bremen fehlen. Und das sei ein großer Nachteil für die Sozialstruktur.

Die, von der Handelskammer errechneten 100 Millionen Euro an Einnahmen, die Bremen jährlich durch die Abwanderung verliere, seien nur ein Teil des Werteverlustes, so Meyer-Heder. Vielmehr verliere Bremen dadurch soziales Engagement: „Eltern, die sich in Kindergärten, Schulen und in der Nachbarschaft einbringen, junge Leute, die kreativ sind oder Menschen, die sich allgemein freiwillig in der Gesellschaft engagieren. Die alle gehen Bremen verloren und das stimmt mich traurig.“ Man müsse diesen Trend nicht nur abbremsen, sondern umkehren. „Dafür benötigen wir eine attraktive und bedarfsorientierte Baupolitik mit der Möglichkeit für Familien, Studenten und älteren Menschen hier ihr bezahlbares Zuhause zu finden.“ Man benötige eine Stadtentwicklung, die mutig sei und die die Viertel zu Anziehungsmagneten mache. „Und für Unternehmen müssen Gewerbeflächen bereitgehalten und für Mütter und Väter ausreichende verlässliche Kinderbetreuung sowie eine qualitativhochwertige Schulbildung angeboten werden.“

Lesen Sie auch

„Grundsätzlich kann man der Handelskammer Recht geben: Abwanderung ins Umland ist nicht gut – nur leider stimmt die Analyse nicht, weil sie die Realität hinsichtlich der vielen Bauprojekte und der Überlastung der Bauindustrie nicht berücksichtigt“, sagt Schaefer. „Dennoch ein sehr wichtiges Thema, dass ich in meinem Termin am kommenden Montag mit der Handelskammer ansprechen werde.“

Die Altersstruktur der ins Umland abwandernden Personen zeigt laut Analyse, dass vor allem Personen im Alter von 25 bis 50 Jahren, häufig mit Kindern, ihren Wohnsitz ins niedersächsische Umland verlagerten. In dieser Altersgruppe werde das Gros der Erwerbseinkommen erwirtschaftet. Sie sei somit besonders relevant für das Steueraufkommen. Anders als in den meisten deutschen Großstädten wirke sich die Verlagerung des Wohnsitzes vom Stadtstaat Bremen ins direkte Umland nicht nur negativ auf das Aufkommen der Gemeindesteuern aus, sondern führe auch zum Verlust von den Steuereinnahmen, welche den Ländern zustehen. Besonders deutlich zeigt sich dies laut Analyse bei der Lohn- und Einkommensteuer, welche nicht am Arbeitsort, sondern am Wohnort veranlagt wird. Die insgesamt einbehaltene Einkommensteuer falle zu 15 Prozent an die Wohnort-Gemeinde und zu je 42,5 Prozent fallen an das Bundesland und den Bund. Insgesamt erhalten die öffentlichen Haushalte des Stadtstaates also 57,5 Prozent der Einnahmen, welche bei Fortzug des Steuerzahlers über die Stadt- und Landesgrenze verloren gehen.

Lesen Sie auch

Hinzu komme eine negative Wirkung des Bevölkerungsverlustes auf die Höhe der Ausgleichszahlungen im Rahmen des Bund-Länder-Finanzausgleichs. Im bisherigen und auch im künftigen Ausgleichssystem,

welches ab diesem Jahr zur Anwendung komme, werde die Höhe der Ausgleichszahlungen durch die Höhe der Finanzkraft je Einwohner bestimmt. „Je weiter diese in einem Bundesland unterhalb des Bundesdurchschnitts liegt, desto höher fallen die finanziellen Zuflüsse aus dem Finanzausgleichssystem aus“, so die Analyse. Eine sinkende Einwohnerzahl bewirke, dass die Einnahmen der öffentlichen Haushalte – also die Finanzkraft – je Einwohner steigen. Folglich führe ein Einwohnerverlust in der Summe zu geringeren Ausgleichszahlungen aus dem Bund-Länder-Finanzausgleich.

„Insgesamt würden die bremischen Haushalte heute deutlich höhere Einnahmen verzeichnen, wenn in den letzten Jahren weniger Personen ihren Wohnsitz ins Umland verlagert hätten“, stellt Fonger fest. Zwar sei davon auszugehen, dass der Fortzug von Einwohnern in das niedersächsische Umland auch zu einer Reduktion öffentlicher Aufwendungen geführt habe, beispielsweise durch weniger Kinder in bremischen Kitas und Schulen. Doch da die meisten der abgewanderten Personen weiterhin in Bremen und Bremerhaven arbeiten und die dortige Infrastruktur wie Gesundheits-, Kultur-, Freizeit- oder höhere Bildungseinrichtungen nutzen, bleibe zumindest ein Teil der Kosten bestehen. Zudem verursachten viele Einpendler steigende Infrastrukturkosten, „weil sie aus dem Umland mit dem Auto zur Arbeit in die Stadt fahren.“

Lesen Sie auch

Berechnungen über die ausgabenseitigen Effekte veränderter Einwohnerzahlen von Bremen und Bremerhaven seien in der Analyse nicht berücksichtigt. In der Summe könne aber davon ausgegangen werden, dass durch den Wanderungsverlust an das niedersächsische Umland entstehende Einnahmerückgänge die möglichen Kosteneinsparungen deutlich übersteige.

+++ Dieser Artikel wurde um 16.34 Uhr aktualisiert +++

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+