Interview mit der Rheinmetall-Vorständin

„Bremen vermarktet sich geschickt in Berlin“

Seit einem Jahr ist Susanne Wiegand Geschäftsführerin von Rheinmetall Electronics in Bremen. Was sie über die Hansestadt denkt und die Rolle des Standorts – auch für die Ausstattung der Bundeswehr.
05.05.2019, 18:45
Lesedauer: 8 Min
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„Bremen vermarktet sich geschickt in Berlin“
Von Florian Schwiegershausen
„Bremen vermarktet sich geschickt in Berlin“

Die Chefin von Rheinmetall Electronics, Susanne Wiegand, sieht es angesichts der politischen Lage in der Welt als notwendig an, dass Deutschland mehr in die Verteidigung investiert.

Karsten Klama

Frau Wiegand, durch Ihren Wechsel von German Naval Yards zu Rheinmetall Electronics sind für Sie einstige Konkurrenten nun zu potenziellen Kunden geworden – wie schnell kann man da umschalten?

Susanne Wiegand: Das geht schon sehr schnell, wir gehen ja professionell miteinander um. Außerdem kommt es in unserer Branche häufig vor, dass Unternehmen in dem einen Projekt Wettbewerber und im anderen Projekt Partner sind, wenn sie zum Beispiel in einem Konsortium agieren. Das verbindet natürlich auch.

Wie groß ist derzeit bei Rheinmetall Electronics der Anteil zivil und militärisch an den gut 700 Millionen Euro Umsatz?

Der zivile Anteil schwankt von Jahr zu Jahr, er liegt im Mittel bei etwa 15 Prozent. Den Großteil des Geschäfts machen wir im Defence-Bereich, also zum Beispiel mit militärischen Simulatoren, Sensoren oder Infanterieausrüstung für unsere Bundeswehr.

Inwiefern versuchen Sie, den zivilen Teil auszubauen?

Der Rheinmetall-Konzern hat ja mit Automotive eine große zivile Sparte im Bereich der Automobilzulieferung. Hier haben wir Cluster zwischen Defence und Automotive, insbesondere beim autonomen Fahren und bei der künstlichen Intelligenz. So kommt bei Automotive-Anwendungen auch unsere Sensorik aus Bremen zum Einsatz. Allerdings gilt auch, dass Defence-Produkte auf strenge militärische Regularien ausgelegt sind, was sich natürlich auf den Preis auswirkt. Somit ist man im kommerziellen Bereich, wo es stärker um den Preis geht, nicht per se wettbewerbsfähig, auch wenn man tolle Technik hat.

Weitere Projekte im zivilen Bereich?

Mit der Deutschen Flugsicherung DFS haben wir kürzlich eine Lösung präsentiert, bei der es um den Schutz ziviler Flughäfen vor Risiken durch Drohnen geht – mittlerweile vielerorts eine große Gefahr für den Flugverkehr. Mit unseren Aufklärungssensoren und Führungssystemen können wir einen wertvollen Beitrag für mehr Sicherheit in der zivilen Luftfahrt leisten. Bei unserem Projekt „Remote Tower“, das wir ebenfalls mit der DFS betreiben, geht es um den ferngesteuerten Tower. Mit Saarbrücken haben wir jetzt den ersten internationalen Flughafen, der keinen eigenen Tower mehr braucht, sondern ferngesteuert betrieben wird. Im Remote Tower Control Center in Leipzig arbeiten Fluglotsen, für die unsere Sensoren und Kameras in Saarbrücken sozusagen ihre Augen sind. Als nächstes bekommen Dresden und Erfurt vergleichbare Lösungen. In einer zweiten Phase könnte dieses System auch in Bremen zum Einsatz kommen. Aber das liegt in der Hand der Deutschen Flugsicherung.

Gerade, wo die Flugsicherung händeringend Nachwuchs sucht: Wie sieht es bei Ihnen denn aus mit Fachkräften und Nachwuchs am Bremer Standort?

Wir wollen Absolventen und Fachkräfte gerne dazu ermutigen, sich bei uns zu bewerben. Wir finden zwar die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die wir brauchen, doch der Kampf um die besten Köpfe wird immer schwieriger, auch beim Azubi-Nachwuchs. Konzernweit haben wir rund 50 000 Bewerbungen pro Jahr, und das zeigt ja, dass Rheinmetall durchaus als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen wird. Auf betriebliche Ausbildung legen wir viel Wert. Um die hochspezialisierten Fachkräfte zu bekommen, die wir benötigen, bilden wir sie aus, arbeiten mit Universitäten zusammen und bieten duale Studiengänge an. Denn die Akademiker-Quote ist bei uns schon hoch, wir haben viele Spezialisten.

Wie gut ist Ihr Bereich Simulation ansonsten für den zivilen Markt tauglich, beispielsweise in der Windkraft?

Da macht die Simulation in einigen Bereichen durchaus Sinn. Aber in der Windkraft gibt es einen hohen Kostendruck, der die Chancen für Simulation mindert. In der Verteidigungstechnologie hingegen ist Simulation unverzichtbar und auch ein bedeutender Sicherheitsfaktor. Simulatoren erlauben im Training eben auch, Fehler zu machen, und helfen Kosten zu reduzieren. Wir sind in allen Teilstreitkräften der Bundeswehr aktiv – zum Beispiel bei Schiffen, U-Booten, Hubschraubern und Transportflugzeugen, aber auch bei Panzerfahr- oder Schießsimulatoren. Wir können Simulatoren vernetzen, um ganze Heeresverbände unterschiedlicher Standorte in Übungsszenarien einzubeziehen.

Mit welchem Ziel sind Sie denn vor einem Jahr bei Rheinmetall Electronics angetreten?

Rheinmetall hat mir ja eine Aufgabe mit umfangreicher Verantwortung anvertraut. Innerhalb der Division Electronic Solutions, die ich leite, macht der Standort Bremen ungefähr die Hälfte aus, bezogen auf Mitarbeiterzahl und Umsatz. Aber es ist innerhalb des Gesamtportfolios von Rheinmetall bislang noch ein ergebnisschwacher Teil. So ist es mein allererstes Ziel, das Geschäft gerade hier in Bremen wettbewerbsfähig aufzustellen und das Unternehmen in eine sichere Zukunft zu steuern. Wir haben auch schon ein sehr vernünftiges Jahr 2018 hingelegt, und der positive Trend wird sich fortsetzen. Wir sind auf dem richtigen Weg bei der Profitabilität.

Wie oft sind Sie in Bremen angesichts der verschiedenen Standorte und Aufgaben?

Im Schnitt sind es wohl zwei Tage pro Woche, denn neben Bremen hat die von mir geführte Division mit Zürich und Rom noch zwei große Standorte im Ausland. Und dann gibt es noch eine Vielzahl kleinerer Niederlassungen weltweit, an denen ab und zu Präsenz erforderlich ist. Hinzu kommen Meetings in der Konzernzentrale in Düsseldorf, Messe- und natürlich auch Kundenbesuche. Die Tage in Bremen sind für mich besonders wertvoll.

Wovon waren Sie in Bremen positiv überrascht?

Zuallererst von den Menschen hier im Unternehmen. Wir haben eine tolle Belegschaft, auf die ich stolz bin. Die Führungsmannschaft hier zeigt viel Verantwortung und hohes Engagement. Ich sage mal so: „Sie hat Drehzahl und Blutdruck.“ In dieser Ausprägung ist das schon außergewöhnlich. Ein Stück behördliches Denken gibt es aber auch, das möchte ich gerne zurückdrehen. Aber eine Organisation mit 1200 Mitarbeitern, so wie wir sie hier haben, muss natürlich geführt werden, und das geht nicht ganz ohne Regeln und Hierarchien.

Und was überrascht Sie an der Stadt Bremen?

Als ich 2003 nach Hamburg ging, wurde ich mit dem Vorurteil konfrontiert: „Nach Bremen geht man nicht!“ Aber die Stadt ist wirklich sehr schön mit der Altstadt, die zu Recht UNESCO-Weltkulturerbe ist. So wie dem Schnoor und mit der Altstadt, die einen unschlagbaren Charme haben. Ich habe mich auch überall, wo ich mich in Bremen bislang bewegt habe, sicher gefühlt. Auch mit der angenehmen Wesensart der Menschen hier komme ich sehr gut klar.

Angesichts der Bürgerschaftswahl demnächst in Bremen – was wünschen Sie sich denn von der neuen Regierung in Bezug auf Rheinmetall Defence?

Als Industrieunternehmen wünscht man sich natürlich, dass die Regierung die Wirtschaft im Blick hat und entsprechend handelt. Wir wünschen uns eine gute Infrastruktur, denn davon leben wir alle. Wir wünschen uns natürlich auch, dass die Stadt ein Anziehungspunkt für junge Leute ist, dass die Uni gut ist. Denn wir konkurrieren hier schon ein Stück weit mit Hamburg.

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Wie gut ist der Draht zur Landesregierung?

Sehr gut. Man ist konstruktiv, gut, hilfsbereit und kompetent. Der Wirtschaftssenator hat sich hier schon mehrfach engagiert – ob bei Besuchen oder auf Messen, oder auch beim Vernetzen mit anderen Industrievertretern in der Region. Als ich noch in Schleswig-Holstein war, hatte ich bereits bewundernd gesagt, dass die Bremer sehr geschickt darin sind, sich in Berlin zu vermarkten und ihre Position zu behaupten. Das macht Bremen – zumal als kleiner Stadtstaat – deutlich besser als andere Bundesländer.

Wenn die Politiker beim Unternehmensbesuch auch nicht den Hintereingang nutzen.

Das habe ich hier in Bremen nicht erlebt, obwohl es das gibt. „Mit Rüstung gewinnt man keine Wahlen“, heißt es manchmal. Und tatsächlich habe ich in der Vergangenheit durchaus Politiker aller Couleur kennengelernt, die versucht haben, sich möglichst nicht mit der Rüstungsindustrie sehen zu lassen. Dass man in Bremen zum Thema steht, finde ich gut und richtig so. Alles andere wäre auch ein Stück verlogen. Denn unsere Produkte sorgen ja dafür, dass unsere Soldatinnen und Soldaten überhaupt ihre Aufgaben ausführen können. Wir müssen immer in der Lage dazu sein, Frieden und Sicherheit verteidigen zu können.

Und bei Ihnen im Freundeskreis – müssen Sie da über Ihren Job noch Diskussionen führen?

Natürlich gibt es Diskussionen, wir haben ja auch ein spannendes Thema. Während meiner Zeit im Schiffbau haben sich manche Menschen in meinem Umfeld daran festgehalten, dass man ja auch Jachten baut und nicht nur Marineschiffe. Da hat Rheinmetall mit Panzern, Waffen und Munition natürlich eine andere Wahrnehmung, und manchmal wird das hinterfragt. Viele Menschen hierzulande denken nicht über Sicherheitsvorsorge nach, für sie ist es selbstverständlich, dass wir hier in einer konfliktfreien friedlichen Welt leben. Dazu sage ich: Dass wir in Mitteleuropa seit über 70 Jahren Frieden und Wohlstand haben, verdanken wir auch der Bundeswehr und der militärischen Sicherheitsgarantie unserer Partnerländer. Solange die Welt so ist, wie sie ist, müssen wir etwas dafür tun, weiterhin friedliche und sichere Lebensverhältnisse zu haben. Das erwarten auch unsere Partnerstaaten von uns. Schauen Sie in die Schweiz: Das Land ist neutral, aber die Menschen haben dort ihre Überzeugung, dass diese Neutralität militärisch verteidigt werden muss.

Es macht den Eindruck, dass sich Ihre Branche insgesamt ein wenig der Öffentlichkeit öffnet und nicht hinter den Mauern werkelt.

Gerade wir bei Rheinmetall pflegen eine sehr offene Kommunikation. Aus voller Überzeugung, aber als Aktiengesellschaft müssen wir das auch. Natürlich gibt es bei uns Technologien, die sind geheim oder unterliegen gewissen Sicherheitsstandards. Ich glaube aber, die Bereitschaft, zu zeigen, was wir machen, die war schon immer da. Vielleicht war draußen nicht immer das Interesse dafür vorhanden, aber ich habe den Eindruck, das ändert sich derzeit. Schließlich kann man ja nicht gänzlich die Augen davor verschließen, dass die Welt nicht an allen Ecken friedlich ist. Da muss sich auch Deutschland die Frage stellen, wie es in Allianzen wie der NATO agieren will – ob es also weiterhin oft lieber die anderen Länder machen lässt.

Danach sieht es ja nicht mehr aus.

Ja. Und wenn man beschließt, mitzumachen, dann braucht es auch das beste Material, um unsere Soldaten zu schützen und um sicherzustellen, dass sie auch wieder heil nach Hause kommen. Eine leistungsfähige rüstungsindustrielle Basis in Deutschland gehört dazu, damit unsere Streitkräfte gut ausgerüstet werden können. Wäre es eine sinnvolle Alternative, jährlich viele Milliarden an Steuergeldern für die militärische Beschaffung ins Ausland fließen zu lassen und uns abhängig von anderen zu machen? Nein, ganz sicher nicht. Zumal wir über einen Hochtechnologiebereich mit zigtausenden überaus wertvollen Arbeitsplätzen sprechen.

Die Bundeswehr hat ja Nachholbedarf.

Das ist ja auch das Ergebnis von 30 Jahren sogenannter Friedensdividende nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – Verkleinerung der Streitkräfte, Sparen an der Ausrüstung und Streichungen bei der Ersatzteilbeschaffung. Allerdings tut man sich jetzt angesichts des großen Nachholbedarfs schwer mit den Beschaffungsprozessen. Zwar gibt es jetzt mehr Geld, aber es müssen erst mal die Strukturen und Prozesse so adjustiert werden, damit wir die Bundeswehr wieder fit machen können für ihre erweiterten Aufgaben – mit angemessener Ausstattung. Dafür muss das ganze System neu aufgestellt werden, das jahrzehntelang auf Gegenprozess ausgerichtet war.

Die Fragen stellte F. Schwiegershausen.

Info

Zur Person

Susanne Wiegand (47)

wurde in Kassel geboren und wuchs im Frankfurter Raum. In Frankfurt am Main studierte sie BWL. Seit März 2018 gehört sie dem Bereichsvorstand von Rheinmetall Defence an, leitet die Division Electronic Solutions und ist Geschäftsführerin der Rheinmetall Electronics GmbH in Bremen. Zuvor führte sie zehn Jahre lang die Werften der German Naval Yards in Kiel.

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