Bremens Dehoga-Chef zur Lage seiner Branche

„Ich bin enttäuscht von der Politik“

Detlef Pauls besitzt mit seinem Bruder zwei Hotels in Bremen. Seit März hat er - wie viele andere Hoteliers - schwer gelitten. Warum er sich auch politisch im Stich gelassen fühlt, schildert er im Interview.
04.09.2020, 10:23
Lesedauer: 5 Min
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„Ich bin enttäuscht von der Politik“
Von Silke Hellwig
„Ich bin enttäuscht von der Politik“

Hotelier Detlef Pauls trotzt der Corona-Krise, wünscht sich aber mehr staatliche Unterstützung für seine Branche.

Frank Thomas Koch

Herr Pauls, Sie sagen, dass die staatliche Hilfe für Gastronomen und Hoteliers nicht ausreicht. Inwiefern?

Detlef Pauls: Das beginnt bei den Soforthilfen. Wir haben nichts davon bekommen, weil unsere beiden Betriebe zusammen 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben. In Bremen ist bei dieser Hilfe bei 50 Beschäftigten Schluss. Das halte ich für schwierig, weil jemand, der 120 Mitarbeiter hat, die Krise nicht automatisch leichter bewältigt als einer mit 48 Beschäftigten.

Das Kurzarbeitergeld wird Ihnen aber vermutlich helfen, oder?

Das stimmt. Aber anders als die Politiker glauben machen wollen, ist das keine großherzige Gabe vom Staat. Das Kurzarbeitergeld haben unsere Beschäftigten selbst erarbeitet und in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Daraus erhalten sie es jetzt zurück. Nur wer beim Staat angestellt ist, bekommt es aus Steuern finanziert. Das halte ich im Übrigen auch für ein nicht zu rechtfertigendes Ungleichgewicht: dass bei Beschäftigten des öffentlichen Diensts das Kurzarbeitergeld auf bis zu 100 Prozent aus Steuergeldern aufgestockt wird. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen dagegen mit 60 oder 67 Prozent ihres Gehalts, mit weniger Trinkgeld und ohne Nacht- und Sonntagszuschlag auskommen. Was rechtfertigt diesen Unterschied?

Wie sieht es mit Überbrückungshilfen aus?

Auch das ist ein Thema, das mir nicht einleuchtet: Wie kann es sein, dass die Bedingungen und Umstände von Bundesland zu Bundesland variieren, obwohl das Geld vom Bund kommt? Außerdem wimmelt es auch hier von Ungerechtigkeiten: Um die Hilfen zu bekommen, darf man nur die Ausgaben einrechnen, die man quasi im Corona-Zeitraum hatte. Wir bezahlen aber beispielsweise am Anfang des Jahres unsere Versicherungen. Anstatt diese Summe zu zwölfteln, was nur fair wäre, wird sie gar nicht anerkannt. Würden wir die Versicherungen im Juni bezahlen, sähe es anders aus, dann würde die komplette Summe eingerechnet. Das macht keinen Sinn und ist nur ein Beispiel von vielen.

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Sie überleben also momentan ganz ohne staatliche Hilfe?

Wir haben einen KfW-Kredit beantragt, den wir irgendwann natürlich zurückzahlen müssen. Das ist also eine Unterstützung, die später zu einer zusätzlichen Belastung wird. Es kann sein, dass wir im Herbst Überbrückungshilfen bekommen, aber in den vergangenen Monaten haben wir im Grunde zu gut gewirtschaftet, um sie zu erhalten. Hätte ich eine Woche geschlossen, die Mitarbeiter nach Hause geschickt, nichts bei unseren Lieferanten geordert und keine Umsatzsteuer erwirtschaftet, hätte ich Geld vom Staat beantragen können. Das kann doch nicht richtig sein, und es widerspricht meinem Verständnis von Unternehmertum. Ich habe schließlich Verantwortung gegenüber meinen Mitarbeitern, den Kunden und den Lieferanten.

Eines Ihrer beiden Häuser ist das Hotel Munte am Stadtwald, samt Wellnessbereich. Auch dort gibt es Schwierigkeiten.

Bremen ist meines Wissens mit Hamburg eines der Bundesländer, in denen der Saunabetrieb am längsten untersagt war. Das war für uns schwierig, weil unsere Hotelgäste auch zu uns kommen, um unsere Wellness-Angebote wahrzunehmen. Warum sollen sie ein Hotel in Bremen buchen, wenn sie im Nachbarland wieder in die Sauna dürfen, aber in Bremen nicht? Ich habe mich an das Gesundheitsressort gewandt und um eine Erklärung gebeten, weil ich nicht wusste, wie ich die Bremer Regel den Kunden erläutern sollte.

Und? Wie sah sie aus?

Ich habe keine zufriedenstellende Antwort bekommen. Mit einer logischen Begründung kann ich leben. Aber mir war nicht begreiflich, dass Alltagsmasken bei 60 Grad gewaschen werden, um Viren abzutöten, aber ein Saunagang verboten bleibt, trotz Temperaturen von 90 Grad. Ich bin froh, dass die Saunen seit diesem Donnerstag wieder öffnen dürfen.

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Sie sind gewissermaßen doppelt getroffen: Ihnen fehlen Übernachtungen durch Touristen und Geschäftsreisende, aber auch Veranstaltungen, denn Sie vermieten Säle. Wie ist Ihre Auslastung derzeit?

Es gab Tage, da hatten wir nicht einen Gast. Das war kaum zu ertragen. Inzwischen hat sich die Lage erholt, aber die Sommermonate sind ohnehin nicht unsere stärksten Wochen. Im August werden wir vermutlich eine Auslastung von 35 Prozent haben, im Vorjahr waren es 45 Prozent, das bedeutet allein im Logisbereich circa 25 Prozent weniger Umsatz. Wir sind zwar wieder auf einem guten Weg, aber leicht ist es nicht. Es gibt weiterhin kaum Geschäftsreisen, obwohl ich daran glaube, dass das auf Dauer nicht so bleiben wird. ­Videokonferenzen können Geschäftstermine langfristig nicht ersetzen.

Wie sieht es bei größeren Familienfesten aus?

Zurzeit gibt es keine Feiern mit mehreren Dutzend Gästen. Das ist bei meinen Kollegen nicht anders. Viele Feste werden offenbar zu Hause gefeiert, gerade wenn das Wetter schön ist, im Garten. Wir wissen nicht, wie es im Herbst weitergeht. Die Lage wird schwierig, keine Frage. Umso wichtiger ist, dass die Bevölkerung weiterhin die Gesundheitsschutzvorkehrungen einhält. Meine Mitarbeiter tragen den ganzen Tag Maske, dann werden es doch wohl auch die Bürger schaffen, wenn sie in der Bahn sitzen oder einkaufen. Es ist mir vollkommen unverständlich, warum der Bremer Senat Wochen brauchte, um ein Bußgeld bei Verstößen gegen die Maskenpflicht zu verhängen.

Was hat Sie in dieser Krise aufrecht gehalten? Ihr Unmut oder womöglich sogar Ihre Wut?

Ich bin schon enttäuscht von der Politik. Vieles dauert zu lange, vieles ist unausgegoren oder ungerecht, viele Entscheidungen sind schwer nachzuvollziehen. Allerdings möchte ich eine Lanze für unsere Wirtschaftssenatorin brechen. Ich hätte das nicht gedacht, aber sie ist für uns da, sie hört zu und entscheidet pragmatisch. Vor allem aber sind es neben meiner Familie und den Freunden unsere Gäste und unsere Mitarbeiter, die mich und meine Familie immer wieder motiviert haben. Ich hatte tatsächlich Phasen, in denen ich mich gefragt habe, warum ich mir das eigentlich noch antue oder ob es Sinn macht, meinen Kindern so etwas aufzubürden. Aber wir sind hier ein tolles Team, das hat sehr viel ausgemacht.

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Welche Art von Hilfe und Unterstützung würden Sie sich wünschen?

Es wäre schön, wenn Politiker dazu in der Lage wären, sich in die Rolle eines Unternehmers hineinzuversetzen. Frau Vogt denkt in erster Linie an die Sache, nicht an die Partei. Sie sieht das große Ganze. Von solchen Politikern brauchen wir mehr. Was hilft es uns, wenn Bremen schön grün und klimafreundlich ist, was sicher auch wichtig ist, es aber keine Restaurants, Kneipen, Clubs, Diskotheken und Hotels mehr gibt? In der jetzigen Lage, in der noch sehr viele Unternehmer sehr leiden und in der es mit dem Herbst wieder schwieriger wird, muss man Prioritäten setzen. Und ich wünschte, dass Politiker begriffen, dass das Geld, dass der Staat einnimmt und verteilt, auch von irgendwem verdient werden muss.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Detlef Pauls

ist seit 2011 Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands für Bremen. Mit seinem Bruder Jan ist er Inhaber des Vier-Sterne-Superior-Hauses Hotel Munte am Stadtwald, das die Brüder von ihren Eltern übernommen haben. Den beiden gehört auch das Hotel 7Things in der Universitätsallee, das 2013 eröffnet wurde, sowie das angrenzende 2018 eröffnete Appartementhaus.

Info

Zur Sache

Ausgezeichnete Ausbildung

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband hat das Hotel Munte am Stadtwald und den Chili Club mit seinem Qualitätssiegel „Top-Ausbildungsbetrieb“ ausgezeichnet. Die Betriebe sind laut Mitteilung die ersten Bremer Einrichtungen, die diese Auszeichnung bekommen. Die Unternehmen, die an dem Audit teilnehmen, verpflichten sich demnach, bestimmte Leitsätze einzuhalten und in der Praxis zu leben. Dazu zählen den Angaben zufolge etwa die Qualifizierung der Ausbilder, die Wertschätzung der Persönlichkeit der Azubis oder die betriebliche Vorbereitung auf die Abschlussprüfung.

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