Stärkster Rückgang seit 1950

Exporteinbruch macht auch Bremen zu schaffen

Der deutsche Export ist im April um mehr als 30 Prozent zurückgegangen – Bremen trifft das besonders. Hier ist die Exportquote im Ländervergleich mit Abstand am höchsten.
10.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lisa Boekhoff und Friederike Marx
Exporteinbruch macht auch Bremen zu schaffen

Autos der Marke Porsche auf ihrem Weg nach China. Gerade der Autoumschlag hat für Bremerhaven Bedeutung.

Carmen Jaspersen /dpa

Es ist der stärkste Exporteinbruch in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Wert der Warenausfuhren stürzte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gegenüber dem Vorjahresmonat um 31,1 Prozent auf 75,7 Milliarden Euro ab. Der Außenhandelsverband BGA sprach von „Horrorzahlen“. Es sei erstmals in vollem Ausmaß die verheerende Wirkung der Pandemie für den Außenhandel sichtbar, sagte Ines Kitzing, Erste Vizepräsidentin des Verbandes. „Grenzschließungen, Störungen in der Logistik und Unterbrechungen in den Lieferketten haben tiefe Spuren hinterlassen.“

Für das Bundesland Bremen liegen die Zahlen für April noch nicht vor. Im März zeigte sich hier bereits ein deutlicher Verlust gegenüber dem Vorjahresmonat. „Genau das, was jahrelang als Wettbewerbsvorteil Deutschlands gesehen wurde, ist jetzt auch die Achillesferse: nämlich die Exporte“, meint Mechthild Schrooten, Wirtschaftswissenschaftlerin der Hochschule Bremen.

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Welche Auswirkungen das für den Standort hat? „Ich gehe davon aus, dass Bremen ziemlich hart getroffen wird“, sagt die Professorin für Volkswirtschaftslehre. Hier spiele die Automobilindustrie eine große Rolle – überhaupt die Industrie. Und die habe große Probleme, stünde unter dem Druck, sich verändern zu müssen: Alte Verbrenner seien in Zukunft nicht mehr gefragt. „Es muss also der Strukturwandel parallel zu einer Krise bewältigt werden. Das ist eine sehr anspruchsvolle strategische Aufgabe für die Unternehmen.“

Nach Angaben der Wiesbadener Behörde war der Rückgang beim Export der stärkste im Vergleich zum Vorjahresmonat seit Beginn der Außenhandelsstatistik im Jahr 1950. Den bislang heftigsten Einbruch innerhalb eines Jahres hatte es mit 23,9 Prozent im Mai 2009 während der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise gegeben.

Kein Wunder von der Weser erwartet

Die Handelskammer Bremen wartet die Erhebung des Landes Bremen für April noch ab. Torsten Grünewald, Referent für den Geschäftsbereich International, glaubt jedoch nicht an ein Wunder von der Weser: „Unsere Erwartung ist eindeutig. Die bremischen Exporte im Zuge der Corona-Krise werden der Entwicklung auf Bundesebene folgen. Wir stützen dies auf erste Erkenntnisse aus Gesprächen und Umfragen, die wir in den vergangenen Wochen und Monaten intensiv betrieben haben.“ Die Bereiche Groß- und Außenhandel, Verkehr und Lagerei seien nicht zuletzt aufgrund der bremischen Seehäfen vergleichsweise stark von der Entwicklung des deutschen Außenhandels abhängig, erklärt Grünewald. „Somit ist für diese Bereiche im Land Bremen ebenfalls ein stärkerer Abschwung als im Bundesdurchschnitt zu erwarten.“

Die Bremer Spedition Kopf & Lübben ist laut Geschäftsführer Michael Guttrof bisher überraschend gut durch die Pandemie gekommen: Nun stehe man wieder vor vollen Auftragsbüchern. Nur beim Import habe es im März einen drastischen Einbruch gegeben. Vor allem der Bahnverkehr von und nach China sei dem Unternehmen aber zugute gekommen. "Dies ist, insbesondere im Import, nach wie vor ein sehr gefragtes Transportmittel." Schließlich werde die Ware jetzt, wo Unternehmen wieder geöffnet hätten, schnellstmöglich in Deutschland benötigt.

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Im Export habe sich derweil die Branche Automotive verändert, sagt Guttrof: „Hier verspüren wir einen deutlichen Rückgang, da viele Zulieferer in Kurzarbeit sind oder ganz geschlossen haben.“ Was sowohl im Im- als auch Export ein Problem sei: der Platz. „Es bedarf teilweise eines Vorlaufs von vier bis fünf Wochen um garantierten Platz auf den Schiffen im Export gen Fernost zu bekommen.“

Der Einbruch bei Ausfuhren und Aufträgen trifft Bremen doppelt, hält Burkhard Lemper fest, Geschäftsführer des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik. Neben den Einbußen verlören die Häfen auch Umschlagvolumen aus der Region und aus dem gesamten Hinterland. Die kurzfristige Kompensation eines solchen Einbruchs sei sehr unwahrscheinlich: „Selbst wenn der Export schneller auf sein altes Niveau zurückkehrt, bleibt eine Lücke, die nur durch überdurchschnittlich starkes Wachstum geschlossen werden könnte – dies ist derzeit nicht absehbar.“

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„Der Exporteinbruch im April ist an Dramatik kaum zu überbieten“, findet auch Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Für das Gesamtjahr erwartet man hier einen Rückgang der Exporte von 15 Prozent. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) rechnet mit einem solchen Minus: Da das wirtschaftliche Wachstum bei nahezu allen Handelspartnern dramatisch einbreche, werde auch die Nachfrage nach „Made in Germany“ deutlich sinken.

Tiefpunkt erreicht

Immerhin gibt es eine Hoffnung: Nach Einschätzung des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) dürfte beim Export der Tiefpunkt erreicht sein. Jedoch sei die Erholung noch zu kraftlos, um die "krassen Einbrüche schnell wieder aufzuholen“, sagt IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths. Je nach Handelspartner waren die Exporte unterschiedlich stark beeinträchtigt: Die Ausfuhren nach China gingen vergleichsweise moderat um 12,6 Prozent auf 7,2 Milliarden Euro zurück. Die Exporte in von der Pandemie besonders betroffene Länder wie Frankreich (minus 48,3 Prozent), Italien (minus 40,1 Prozent) und die Vereinigte Staaten (minus 35,8 Prozent) brachen massiv gegenüber dem Vorjahresmonat ein.

Unter allen Bundesländern verzeichnet Bremen mit Abstand die höchste Exportquote. Wie muss auf den Einbruch reagiert werden? „Der Export lässt sich ganz schlecht durch Politik beeinflussen“, sagt Schrooten. Die Binnenwirtschaft ließe sich ankurbeln. Der Außenhandel aber sei eben angreifbar.

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