Arbeitsagentur appelliert an Unternehmen

Bremer Ausbildungsmarkt: Deutlicher Rückgang bei Stellen

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Ausbildungsstellen im Bezirk um 15 Prozent zurückgegangen. Arbeitsagenturchef Joachim Ossmann appelliert nun an die Unternehmen, trotz Corona an die Zukunft zu denken.
29.05.2020, 05:00
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Bremer Ausbildungsmarkt: Deutlicher Rückgang bei Stellen
Von Lisa Boekhoff
Bremer Ausbildungsmarkt: Deutlicher Rückgang bei Stellen

Vor allem in der Gastronomie gibt es derzeit weniger Stellen. Die Branche ist besonders betroffen, weiterhin gelten wegen Corona Einschränkungen.

Jens Büttner /dpa

Der Wirtschaft steht eine heiße Phase bevor. Das liegt allerdings nicht am Sommeranfang. Auf dem Ausbildungsmarkt beginnen nun nämlich die intensivsten Wochen: Bewerber suchen Lehrstellen, Unternehmen suchen Nachwuchs. Längst ist nicht Augustmond – und längst nichts vorbei.

Die Ausnahmesituation, in der sich viele Betriebe befinden, hinterlässt jedoch deutliche Spuren auf dem Ausbildungsmarkt. Das bereitet der Arbeitsagentur in Bremen und Bremerhaven Sorge. Und so richtete Joachim Ossmann einen Appell an die Unternehmen: Es sei wichtig, weiter auf die Ausbildung zu setzen „trotz dieser schwierigen Zeiten“, mahnte der Agenturchef. Alle Anstrengungen gelte es nun darauf zu richten, Schulabgängern eine Perspektive zu bieten. Unternehmen seien derzeit aber unsicher, ob und wie viel sie ausbilden können. Im Moment vernehme man gerade in der wegen Corona besonders betroffenen Gastronomie und bei den Hotels eine starke Zurückhaltung.

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Selbst wenn es eine Momentaufnahme ist: In den Aprilzahlen spiegelt sich die Unsicherheit. Der Arbeitsagentur sind bis Ende des Monats 4317 Ausbildungsstellen im Bezirk gemeldet worden und damit 760 weniger als im Vorjahr. Angebote fehlen laut Ossmann auch im Handel und verarbeitenden Gewerbe. Dabei sei wichtig, dass die jungen Menschen nach der Schule einen Ausbildungsplatz fänden „und ihre Karrieren nicht mit Arbeitslosigkeit beginnen“. Und schließlich löse sich der Fachkräftemangel durch die Krise nicht auf. In den nächsten Jahren gingen viele Menschen in den Ruhestand. Corona sei zwar eine „schwere, aber vorübergehende Belastung“. Auf lange Sicht gelte: „Die Ausbildung ist das Fundament für die Zukunft eines jeden Unternehmens.“

Zum Gespräch über den Ausbildungsmarkt holte sich Ossmann ein Vorbild an die Seite: das Versicherungsunternehmen Lampe & Schwartze, das wie gewohnt vier bis fünf Lehrplätze anbieten will. Für den geschäftsführenden Gesellschafter André Grobien ist das eine Art Ehrensache: „Wir sehen das auch als gesellschaftlichen Auftrag, den wir uns durch einen Virus nicht kaputtmachen lassen.“ Zudem sei das Wachstum bei Lampe & Schwartze nicht ohne den Nachwuchs möglich gewesen.

Wissen aneignen und sich austauschen

Das Unternehmen denkt momentan darüber nach, sich bei der Ausbildung mit anderen Betrieben zusammenzutun. „Wir müssen es ja nicht zwingend allein machen“, sagte dazu Matthias Böhm, Mitglied der Geschäftsleitung. Außerdem, betonte er, könne den jungen Menschen selbst eine Menge zugetraut werden. „Wir haben da ganz wunderbare Erfahrungen gemacht“, sagte Böhm über die vergangenen Wochen, in denen viel im Homeoffice passieren musste. Wissen aneignen, sich austauschen? „Das passiert von selbst“, stellte der Auszubildende Laurentius Esterhues für sich fest. Es müsse vom Betrieb nicht alles vorgegeben werden. Sophia Diersch, die ein Duales Studium bei Lampe & Schwartze absolviert, erlebte das ebenso: Über Plattformen und Vorlesungen im Netz eignete sie sich in diesen Wochen selbst Inhalte an.

Wie anderswo ging es hier mit der Ausbildung weiter. Doch wie sieht es im Sommer in Bremen aus, wenn der neue Jahrgang beginnen will? Noch ein Faktor belastet schließlich in diesem Jahr das große Suchen und Finden: Die Berufsberatung in den Schulen musste ausfallen.

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Bedenken gibt es nicht allein bei der Arbeitsagentur. Ein Appell ging diese Woche auch von der Bremer Wirtschaftsdeputation aus. Der Vorsitzende Christoph Weiss (CDU) und sein Stellvertreter Volker Stahmann (SPD) fordern die Unternehmen auf, Auszubildende zu übernehmen und Ausbildungsplätze zu sichern. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Krise die Zukunft unserer Fachkräfte zerstört“, äußerte sich Weiss. Gerade der jungen Generation, für die der Einstieg ins Berufsleben ein prägender und wichtiger Lebensabschnitt sei, müsse eine Perspektive gegeben werden, so Stahmann. Düstere Folgen erwartet auch Ingo Schierenbeck. „Wir müssen davon ausgehen, dass aufgrund der Krise künftig noch weniger Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen werden“, befürchtet der Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer und schlägt einen „Zukunftsfonds für Ausbildung“ für das Land Bremen vor.

Die hiesige Handelskammer spricht dieser Tage aber von einem großen Bekenntnis der Unternehmen zur Ausbildung. Zwar ging die Zahl der eingetragenen Ausbildungsverhältnisse hier im April ebenfalls um zehn Prozent zurück. Das liege aber auch daran, dass kaum Bewerbungsgespräche stattfanden, sagt Hauptgeschäftsführer Matthias Fonger. Für die nächsten Monate sei man optimistisch, dass es einen Nachholeffekt gibt. „Ein grundsätzliches Stoppen von Ausbildung findet in kaum einem Unternehmen statt.“ Die Zahl der Vertragslösungen sei sogar deutlich niedriger als in den Vorjahren.

Eine erstaunliche Konstanz

Seit Mitte Mai sind die Ausbildungsberater der Kammer wieder in den Betrieben. „Wir haben in vielen Bereichen positive Rückmel­dungen, dass tatsächlich die Ausbildungsplätze wie in den Vorjahren angeboten werden“, sagt Michael Zeimet, der Leiter des Geschäftsbereichs Aus- und Weiterbildung bei der ­Handelskammer. Angesichts der Turbulenzen spricht er von einer „erstaunlichen Konstanz“.

Dennoch: Das Bild sei heterogen. Einerseits verzeichne man gerade beim Handel, der Gastronomie und den Hotels starke Rückgänge bei den Stellen. Dagegen seien Mechatroniker oder Fachinformatiker stärker gefragt. Fonger betont ebenfalls: Betriebe suchten auch dieser Tage teils händeringend Auszubildende. In Niedersachsen falle zudem ein Abiturjahrgang aus, weil dort wieder auf G9 umgestellt werde. Für Bremen hat das Auswirkungen: „40 Prozent unserer Auszubildenden kommen aus Niedersachsen.“

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Die Arbeitsagentur will über eine Hotline Hilfe bei der Suche nach Ausbildung oder Studium bieten. Dafür sei jetzt die Zeit gekommen, sagt Ossmann: Der Mai sei ein Monat, um intensiv nach einem Ausbildungsplatz zu suchen. Und die Nachfrage nach Stellen steige wahrscheinlich, weil wegen der Reisebeschränkungen beliebte Auslandsaufenthalte wegfallen dürften. Etwas Entspannung erwartet Ossmann für Unternehmen und Bewerber dennoch: Dieses Jahr dürfte der Einstieg in das Ausbildungsjahr flexibler möglich sein. Dafür plädiert auch die Handelskammer Bremen.

Lampe & Schwartze hat seine Ausbildungsplätze noch nicht vergeben. Hier ist zu spüren, dass auch die Bewerber wegen Corona offenbar zurückhaltender sind als gewöhnlich. Alles anders in diesem Jahr.

Die Berufsberatung ist montags bis freitags von 10 bis 13 Uhr und donnerstags von 14 bis 16.30 Uhr unter 0421 / 1 78 12 45 zu erreichen.

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