Studie der Handelskammer Bremer Dienstleistungssektor wächst unterdurchschnittlich

Die Dienstleistungswirtschaft hat in Bremen weniger stark zugelegt als im Bundesschnitt. Das hat eine Studie der Handelskammer ergeben. Deren Chef erklärt, warum das nicht zum Nachteil sein muss.
11.08.2017, 10:00
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Bremer Dienstleistungssektor wächst unterdurchschnittlich
Von Maren Beneke

Der Dienstleistungssektor wächst. Nicht nur bundesweit, sondern auch an einem Standort wie Bremen, der traditionell durch eine starke Industrie und Außenhandel geprägt ist. Allerdings: Im Vergleich mit anderen Standorten konnte die Hansestadt beim Wachstum in den vergangenen Jahren oftmals nicht mithalten.

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Wie eine Studie der Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven – ergeben hat, ist die Wirtschaftsleistung in diesem Sektor im kleinsten Bundesland seit 1991 um 38 Prozent gestiegen, der deutsche Schnitt lag bei 56 Prozent. Die Zahl der Erwerbstätigen in der Dienstleistungswirtschaft hat in Bremen in diesem Zeitraum mit einem Plus von 23 Prozent ebenfalls weniger stark zugenommen als in Gesamtdeutschland (36 Prozent). Sie arbeiten in Restaurants genauso wie in IT-Unternehmen oder im Hafen.

Bremen hinkt im Städtevergleich hinterher

Auch im Vergleich mit anderen Großstädten landet die Hansestadt im Bereich Dienstleistungssektor auf den hinteren Plätzen: Vor drei Jahren arbeiteten zwar vier Fünftel aller Stadtbremer in dieser Branche – in allen anderen deutschen Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern waren es aber mehr. Beim Anteil der Dienstleistungswirtschaft an der Bruttowertschöpfung kam Bremen mit 71,1 Prozent auf den vorletzten Rang vor Stuttgart (68,0 Prozent).

Für Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Matthias Fonger ist das Abschneiden Bremens im bundesweiten und im Städtevergleich dennoch kein Grund zur Sorge. Denn: Innerhalb der bremischen Wirtschaft war der Dienstleistungsbereich zwischen 2000 und 2015 Wachstumstreiber. Die Bruttowertschöpfung, also der Wert der erzeugten Waren abzüglich der Vorleistungen, stieg laut Studie in dieser Zeit um mehr als 25 Prozent und die Zahl der Jobs in diesem Sektor nahm um 14 Prozent zu.

Mehr in den Fokus

Aus diesem Grund müsste der Sektor aus Sicht der Handelskammer noch mehr in den Fokus rücken. "Insgesamt wird zu wenig erkannt, welche Wachstumschancen in dem Bereich liegen", sagt Fonger. Es gelte nun, diese Chancen zu nutzen – etwa, indem Industrie und Dienstleistungssektor entlang der Wertschöpfungskette noch enger miteinander vernetzt werden.

Als ein Beispiel nennt Fonger die Bereiche Elektromobilität und Autonomes Fahren. Auf der einen Seite stehen die Produktionsbetriebe, etwa das Daimler-Werk und seine Zulieferer – klassische Industrie. Auf der anderen Seite ergeben sich nach Angaben des Hauptgeschäftsführers in den wissensintensiven Dienstleistungen oder im IT-Sektor viele Möglichkeiten zur engeren Zusammenarbeit. Auch im Bereich der Materialforschung sieht er hohe Wertschöpfungspotenziale für den Standort.

Eine Branche mit vielen Gesichtern

Insgesamt ist der Dienstleistungssektor eine Ansammlung unterschiedlichster Branchen. Die Arbeitnehmerkammer Bremen macht darauf aufmerksam, dass man sich daher die einzelnen Bereiche sehr genau anschauen müsste. "Per se kann man nicht sagen, dass die Bezahlung in der Dienstleistungswirtschaft schlecht ist", sagt Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer.

Beispielsweise würden Menschen, die in Ingenieurbüros oder im Bereich wissensintensive Dienstleistungen arbeiteten, oft recht gut bezahlt. Auch im Hafen gibt es nach ihren Angaben viele Vollzeitstellen mit entsprechender Bezahlung. Anders sehe es dagegen im Gastgewerbe oder im Einzelhandel aus: Hier gibt es nach Salots Angaben vergleichsweise viele prekär Beschäftigte und oftmals nur geringe Chancen auf eine Vollzeitstelle.

Flexibilisierung des Arbeitsmarktes

"Statistisch gesehen werden in der Industrie höhere Löhne gezahlt", sagt auch Handelskammer-Chef Fonger. "Ich wehre mich aber dagegen, die Dienstleistungswirtschaft mit prekärer Beschäftigung gleichzusetzen", sagt er weiter. Insgesamt habe der Arbeitsmarkt eine Flexibilisierung erlebt – auch, weil die Mitarbeiter sich dieses gewünscht hätten.

Besonders stark ausgeprägt ist in der Hansestadt der Bereich Verkehr und Lagerei. Das hängt mit Bremen als Hafen- und als Logistikstandort zusammen. Gemessen an der gesamten Wertschöpfung liegt der erwirtschaftete Anteil nach den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2014 sowohl in Bremen (14,3 Prozent) als auch in Bremerhaven (14,5 Prozent) weit über dem Bundesdurchschnitt (4,5 Prozent). In beiden Städten zusammengenommen arbeitet jeder Zehnte in dieser Branche. Diese Standortspezialisierung ist, so heißt es in der Studie, ein wichtiger Faktor für die Ansiedlung von Handels- und Industrieunternehmen.

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Gute Entwicklung bei wissenschaftlichen Dienstleistungen

Was Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Fonger außerdem freut, ist die Job-Entwicklung bei den forschungs- und wissensintensiven Dienstleistungen. Zwischen 2008 und 2016 nahm die Zahl der Beschäftigten in Bremen-Stadt um 15,6 Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt (12,3 Prozent) zu. Nur Berlin, Dresden, Hannover und München standen in diesem Zeitraum noch besser da. "Diese Branche ist besonders wichtig, weil sie die Basis für Innovation ist", sagt Fonger. "An dieser Stelle sollten wir uns weiter spezialisieren."

Nachholbedarf gibt es nach Ansicht der Wirtschaftsvertretung in der Hansestadt dagegen im Bereich Information und Kommunikation. Während die Zahl der Mitarbeiter in Städten wie Berlin (plus 49,2 Prozent), Nürnberg (plus 43,1 Prozent) oder München (plus 44,9 Prozent) zwischen 2008 und 2016 stark zugenommen hat, stieg die Zahl der Jobs in Bremen-Stadt mit einem Plus von 12,7 Prozent sogar noch unter dem Bundesdurchschnitt (plus 17,0 Prozent).

Nicht voll zufrieden

"Generell können wir als Großstadt mit einer Entwicklung im Bundesschnitt nicht zufrieden sein", sagt Fonger. Er fordert alle Akteure – dazu zählt er die Politik genauso wie auch die Handelskammer und die Unternehmen – dazu auf, die Standortstärken von Bremen weiter auszubauen. Dazu gehören für die Handelskammer neben einer effizienteren Bündelung der Angebote im Existenzgründungsbereich auch Investitionen in die Hansestadt als Bildungsstandort und attraktiver Wohn- und Lebensraum.

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