Alternativen zum Ladenverkauf

Bremer Einzelhändler begegnen Corona-Krise kreativ

Ob Bestellservice oder ein Onlineshop für alle: Viele kleine Geschäfte in Bremen überlegen sich derzeit Alternativen zum stationären Verkauf. Aber die neue Rechtslage ist kompliziert.
22.03.2020, 18:45
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Einzelhändler begegnen Corona-Krise kreativ
Von Kim Torster
Bremer Einzelhändler begegnen Corona-Krise kreativ

Wegen des Coronavirus bleiben viele Geschäfte derzeit geschlossen – auch in Bremen. Einige Händler in der Hansestadt versuchen nun, ihre Waren online anzubieten.

Christina Kuhaupt

Der stationäre Einzelhandel ist bereits angeschlagen. Seit Jahren kämpfen gerade kleine Geschäfte gegen Online-Riesen wie Amazon – auch in Bremen. Seit Mittwoch müssen nun viele Läden wegen des Coronavirus geschlossen bleiben. Bremer Unternehmer überlegen, wie es dennoch mit dem Betrieb weitergehen kann: Sie beginnen ihre Ware über einen Telefon- oder Online-Bestellservice anzubieten. Über soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram machen sie auf das Angebot aufmerksam, sie hängen Zettel ins Schaufenster, um auf den Bestellservice hinzuweisen.

Angenommen werde dieses Angebot aber noch kaum, sagt Marcella Dammrat-Tiefensee. Sie ist die Inhaberin von Sieben Sachen, einem Modegeschäft für Frauen- und Kinderbekleidung in Findorff, und außerdem Vorständin des Vereins Findorffer Geschäftsleute. Unter anderem auf ihrer Facebook-Seite weist sie darauf hin, dass sie auch Lieferungen anbietet. „Genutzt hat das bei mir aber noch niemand“, sagt sie. Dammrat-Tiefensee vermutet, dass Shoppen derzeit nicht die erste Priorität bei den Menschen hat. „Alle sind irgendwie schockiert, klar denkt man in dieser Situation nicht daran, noch das dreißigste T-Shirt zu kaufen.“

Dammrat-Tiefensee hat Verständnis. Die derzeitige Situation trifft sie aber hart. März und April seien für ihr Geschäft gewöhnlich die umsatzstärksten Monate im Jahr – diese Einnahmen könnten nun ganz wegfallen. Wie lange die Schließung der Geschäfte gilt? Das kann niemand wirklich absehen. Dammrat-Tiefensee rechnet damit, durch die Coronakrise etwa 35.000 Euro zu verlieren.

Hinzukomme, dass es derzeit schwierig sei, sich als Einzelhändler zu organisieren, sagt Dammrat-Tiefensee. Denn nicht für alle gelten die derzeitigen Auflagen. In der Hemmstraße, in der Dammrat-Tiefensee ihr Geschäft hat, gibt es verschiedene Feinkostläden. Weil dort Lebensmittel verkauft werden, dürfen sie weiterhin geöffnet haben. „Die stehen allerdings vor dem Problem, dass das kaum jemand weiß.“ Weil alle anderen Geschäfte geschlossen haben, würden sich auch immer weniger Menschen in den Käse- oder Weinladen um die Ecke verirren. Der Verein der Findorffer Geschäftsleute plane eine Werbeaktion für eben diese Geschäfte. Aber was, wenn nun doch die Ausgangssperre kommen sollte? Jeder Tag birgt für die Wirtschaft derzeit eine neue potenzielle Katastrophe.

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Ein Stück weiter ist man derweil im Viertel. Die Interessengemeinschaft dort hat in kürzester Zeit eine Art kollektiven Onlineshop auf die Beine gestellt – in vereinfachter Form. Unter www.dasviertel.de/schaufenster findet man eine Auswahl an Produkten aus verschiedenen Geschäften, inklusive Foto und Preisangabe. Dieses virtuelle Schaufenster gebe es bereits seit zwei Jahren, sagt Norbert Caesar, Inhaber des gleichnamigen Haushaltswarenladens. Caesar ist außerdem Vorstand der Interessengemeinschaft „Das Viertel“. Bisher sei der Shop nur von wenigen Geschäften genutzt worden. Aber jetzt, da man nicht mehr stationär verkaufen könne, sei der Zwang da. Und der Wille. Aufgrund der aktuellen Situation habe die Gemeinschaft außerdem beschlossen, den Onlineshop für alle Läden – auch die außerhalb des Viertels – zu öffnen. „Das ist aus Solidarität einfach nötig“, sagt Caesar. Individuelle Lösungen seien jetzt nicht sinnvoll. Um darauf aufmerksam zu machen, sei zeitnah unter anderem eine große Plakataktion geplant. Gerade warte man nur noch auf die Zustimmung von Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD).

Der Verlust wegen Corona werde durch den Shop nicht aufgefangen. Caesar rechnet nicht damit, dass der Umsatz durch Bestellungen an den durch Laufkundschaft heranreichen kann. „Aber jeder noch so kleine Tropfen auf den heißen Stein hilft jetzt“, sagt er. Es gehe um Solidarität und auch um Service für diejenigen Menschen, die schon seit Jahren bei den kleinen, lokalen Geschäften kaufen.

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Schon jetzt findet man auf der Website eine beachtliche Auswahl an Produkten. Bisher läuft es so: Der Kunde kann zum Beispiel über ein Suchfeld nach dem Produkt, das er braucht, suchen. Über die Website erfährt er, welcher der Läden das Produkt anbietet. Über eine Telefonnummer oder E-Mailadresse können die Waren bestellt werden. Und dann? Hier wird es knifflig. Denn bisher musste die Ware in der Regel trotzdem vom Kunden abgeholt werden. Wenn es nach Caesar ginge, soll es auch weiterhin so sein: Dann würden die Geschäftsleute mit dem Kunden einen Zeitpunkt ausmachen und die Ware einfach aus der Tür reichen. So würde niemand den Laden betreten; und die Abwicklung würde einzeln stattfinden.

Ob das wirklich so geht? Auf Nachfrage beim Innenressort erhält der WESER-KURIER eine klare Antwort: Nein. Sprecherin Rose Gerdts-Schiffler sagt, das sei zwar eine kreative Lösung, aber eben nicht zulässig. Geschäfte, die wegen des Coronavirus derzeit geschlossen bleiben müssen, dürfen ihre Waren zwar über einen Bestellservice verkaufen – aber unter der Bedingung, dass sie sie zum Kunden nach Hause liefern. „Ein Warten vor dem Einzelhandelsgeschäft wollen wir nicht, denn die Erfahrung zeigt, dass sich schnell mehrere Menschen in einer Schlange vor dem Geschäft versammeln. Schlange stehen soll aber in Zeiten von Corona, soweit möglich, unterbunden werden“, sagt Sprecherin Gerdts-Schiffler.

Caesar kann das nicht nachvollziehen. Im Viertel gebe es so viele Kioske – alle offen. Und sie handhaben es doch so ähnlich, wie es auch für den Viertel-Onlineshop gedacht war: hingehen, Waren bekommen, weggehen. Warum ist das für Kioske erlaubt und für andere Geschäfte nicht? Unterm Strich gehe es darum, dass sich möglichst wenig Menschen draußen aufhalten, sagt das Innenressort. Kioske bleiben geöffnet, weil sie notwendige Dinge verkaufen. Auf andere Konsumgüter könne man im Zweifel ein paar Tage verzichten. Irgendwo muss die Grenze gezogen werden.

Die Idee vom Viertel-Onlineshop ist damit aber nicht gestorben. Norbert Caesar sagt: „Wenn wir einen Lieferdienst organisieren müssen, dann werden wir das tun.“ Die Druckerei Medienhaven habe sich bereits gemeldet: Sie habe nun unausgelastete Azubis und außerdem Lastenfahrräder anzubieten. Vielleicht ist das die Lösung. Caesar sagt: „So oder so. Wir lassen uns etwas einfallen.“

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