Bremer Insolvenzexperte im Interview

Anwalt Malte Köster: „Wir haben gut zu tun“

Der Bremer Anwalt Malte Köster geht davon aus, dass die Zahl der Insolvenzverfahren wegen Corona spürbar zunehmen wird. Im Interview spricht er über die dramatischen Folgen der Krise.
18.04.2020, 05:49
Lesedauer: 5 Min
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Anwalt Malte Köster: „Wir haben gut zu tun“
Von Lisa Boekhoff
Anwalt Malte Köster: „Wir haben gut zu tun“

Insolvenzverwalter Malte Köster bereitet unter anderem die Textilbranche große Sorgen.

Frank Thomas Koch
Herr Köster, als Insolvenzverwalter sind Sie Krisenmanager par ex­cel­lence. Nun steckt aber die ganze Wirtschaft in einer Misere: ob Hotelier oder Friseur. Was geht Ihnen in diesen Tagen durch den Kopf?

Malte Köster : Ich empfinde die Situation als surreal – im Alltag mit der Familie und als Unternehmer mit einer Kanzlei mit 100 Mitarbeitern. Derart extreme Einschnitte durch Kriege oder Naturkatastrophen hat meine Generation bisher nicht miterlebt. Ich beschäftige mich zwar beruflich fast ausschließlich mit Krisen und unternehmerischem Scheitern und es gab auch in der Vergangenheit Fälle, die schicksalhaft waren. Doch nun überwiegt dieses Momentum: Kaufleute, die bisher erfolgreich gewirtschaftet haben, machen von einen Tag auf den anderen keinen Umsatz mehr. Das ist tragisch.

Gibt es bereits vermehrt Unternehmen, die zahlungsunfähig sind?

Eine große Insolvenzwelle, die man allein auf Corona zurückführen kann, sehen wir noch nicht. Obwohl es nun eine ganze Serie von Insolvenzen gegeben hat – insbesondere im Textileinzelhandel mit Hallhuber und Esprit oder im gastronomischen Bereich mit Maredo und Vapiano. Wir haben gut zu tun. An unseren Standorten in Bremen, Niedersachsen und Hamburg werden wir aber nicht in der Breite überrollt.

Die Anfragen verändern sich aber doch sicher?

Wir müssen hier zwei Kategorien unterscheiden. Es gibt Unternehmen, die bereits vor Corona angeschlagen waren. Die Krise hat ihre Probleme allenfalls verschärft, aber sie ist nicht Ursache der Zahlungsunfähigkeit. Auch die Insolvenz von Karstadt hat nicht nur mit Corona zu tun. Und dann gibt es Unternehmen, die erst mit Corona in Schieflage geraten sind. Ihre Anfragen mehren sich seit etwa zehn Tagen. Meine Erwartung ist, dass Fälle dieser Kategorie Richtung Mai weiter steigen werden. Denn nun gibt es die ersten Bescheide der KfW, und nicht jede Anfrage auf einen Kredit wird positiv beschieden werden.

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Denken Sie, dass eine Welle an Insolvenzen auf uns zukommen wird?

Eine signifikante Zunahme erwarte ich. Ich würde aber nicht von einer Welle sprechen wollen. Aktuell haben wir einen Rückgang der Insolvenzzahlen. Da darf man sich von den prominenten Fällen nicht täuschen lassen. Ich erlebe das ein bisschen wie eine Art Schockstarre: Offensichtlich wird der Weg zum Insolvenzgericht gerade erst mit Verzögerung gegangen.

Was bedeuten die Insolvenzen für eine Wirtschaft? Autohersteller und Zulieferer litten bereits schon vorher unter Einbußen. Das Wirtschaftswachstum fiel auch in Bremen zurück – keine guten Voraussetzungen, um den Stillstand zu verkraften.

Nein. Wenn wir auf die Automobilbranche blicken, von der in Deutschland viel abhängt, dann sind die Bestellungen von Neuwagen ein wichtiger Indikator. Die sind um rund 30 Prozent zurückgegangen. Das ist eine immense Zahl. Ich glaube, dass sich eine Rezession, die sich auch schon vor Corona nach einigen Jahren der Hochkonjunktur abgezeichnet hat, nicht vermeiden lässt.

Welche Branchen machen Ihnen die meisten Sorgen?

Allen voran ist das der Einzelhandel und vor allem die Textilbranche. Da haben wir schon lange vor Corona viele Insolvenzen gesehen. Das wird jetzt massiv beschleunigt werden. Ich kenne die Branche aufgrund unserer Tätigkeit bei Zero sehr gut. Sorgen macht mir auch die Automobilbranche, die in meiner Szene schon vorher im Fokus stand. Und dann sind alle, die mit Großveranstaltungen zu tun haben, betroffen. Dort ist bis in den Herbst nicht mit Lockerungen zu rechnen. Ob Handball, Fußball oder Eishockey – das wird es alles mindestens bis zum Herbst nicht geben. Genauso keine Konzerte in der Elbphilharmonie oder der Glocke. Sehr gebeutelt sind natürlich die Hotellerie und Gastronomie.

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Viele Unternehmer sorgen sich um ihre Existenz, wissen nicht, ob sie die Einschränkungen aushalten, weil es kaum einen Puffer gibt.

Selbst bei Adidas waren alle sehr überrascht, wie schnell trotz hoher Gewinne im Vorjahr Hilfe nötig war. Wenn Sie wirklich Null Euro Umsatz haben, dann geht das unglaublich rasant. Nehmen wir die Lufthansa als Beispiel: Eine Million verbrennt die Lufthansa wohl in einer Stunde. Die Rücklagen reichen dann keine drei Monate.

Welchen Rat geben Sie als Krisenmanager den Unternehmen?

Es gilt jetzt umso mehr, was schon vorher für jedes Krisenszenario galt: Es bringt nichts, die Augen vor der Realität zu verschließen. Also keine Vogelstraußtaktik. Es muss die Realität, von der ich eingangs sagte, sie sei fast eine Surrealität, angenommen werden – so bitter sie ist. In der jetzigen Zeit kann das Insolvenzverfahren das Mittel der Wahl sein, weil viele gerade mittelständische Unternehmen eben nicht im großen Stile Staatshilfen generieren werden.

Reichen die Rettungspakete der Politik aus, um Insolvenzen zu verhindern?

Die Motivation hinter den Maßnahmen ist sehr vernünftig. Die Politik hat immer gesagt: Wir möchten keinen Eingriff in den Wettbewerb. Unternehmen, die sich bereits länger in einer Krise befunden haben, sollen nicht überobligatorisch Hilfe bekommen.

Dadurch entsteht zugleich ein Dilemma: Einerseits ist Tempo nötig, um die Unternehmen zu retten. Zugleich muss genau hingesehen werden.

Ganz genau. Ich finde es aber richtig, dass die Politik kein Helikoptergeld an alle Unternehmen mit Problemen ausgeben wird – ohne Ansehen der Hintergründe. Wir leben in einem Rechtsstaat und müssen einen fairen Wettbewerb in unserer Wirtschaft abbilden.

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Am Fall Zero zeigt sich, dass eine Insolvenz nicht das Ende sein muss. Als die Bremer Modekette zahlungsunfähig wurde, konnten Sie das Unternehmen retten. Nun steht die Wirtschaft Kopf. Lässt sich dennoch Hoffnung aus Erfolgen der Vergangenheit schöpfen?

Ich habe bisher noch keinen Fall einer Insolvenz wegen Corona. Ich kann mir aber vorstellen, wie das ist: Den Werkzeugkoffer, den ich sonst als Insolvenzverwalter habe, kann ich da nur sehr bedingt nutzen. Zwar kann ich auch in diesen Fällen versuchen, Zuversicht zu verbreiten. Doch ich bin von externen Faktoren abhängig. Ich kann nicht erzwingen, dass ein Hotel oder Restaurant wieder öffnen darf. Hier muss man dann kreativ werden und etwa in einer Ruhephase Kurzarbeitergeld und Insolvenzgeld kombinieren. Das ist möglich.

Wie verändert Corona Ihre Arbeit denn schon heute?

Sehr. Zum einen arbeiten wir als Kanzlei im „Remote-Modus“. Aber auch in den Mandaten. Ende März wurde uns ein Mandant in Peine übertragen. Es geht um ein Krankenhaus mit 800 Mitarbeitern. Das Unternehmen befindet sich schon länger in einer Krise. Ich konnte nun keine Betriebsversammlung machen. Das ist für mich normalerweise ganz wichtig, um am Anfang die Mitarbeiter über meine Arbeit zu informieren. Das lässt sich am besten transportieren, wenn man den Menschen dabei in die Augen schauen kann. Hier mussten wir kreative andere Lösungen finden, um Transparenz zu schaffen.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

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Info

Zur Person

Malte Köster

ist Fachanwalt für Insolvenzrecht und führt mit drei Partnern die Kanzlei Willmer-Köster. Neben dem Hauptsitz in Bremen hat das Unternehmen fünf weitere Standorte. Malte Köster ist 1975 in Gütersloh geboren. Zusammen mit seiner Familie lebt er heute in Bremen. Sein Studium brachte ihn zuvor nach Münster und Liverpool. Promoviert hat der Jurist an der Universität zu Köln mit einer Arbeit zum deutschen und englischen Insolvenzrecht.

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