Im Atombunker Walle

Bremer Firma plant sicherstes Datacenter Europas

Die Bremer Firma Colocation-IX GmbH hat den Atombunker Walle in ein Rechenzentrum umgewandelt: Mit 50.000 Servern soll es das „sicherste und effizienteste Datacenter Europas“ werden.
08.10.2017, 21:10
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Firma plant sicherstes Datacenter Europas
Von Silke Hellwig
Bremer Firma plant sicherstes Datacenter Europas

Uwe Jambroszyk (links) und Andres Dickehut, der Sales und der General Manager der Consultix GmbH, vor dem Bunker, der sich nach Angaben der Firma in eines der sichersten Datenzentren Europas verwandelt hat.

Karsten Klama

An die Wand des Gebäudes hat jemand „Arbeit statt Raketen“ gesprüht, vor dem Eingang stehen Sprinter einer bremischen Firma für Betonbohr- und Sägetechnik. Es ist nicht irgendein Gebäude, das sich Andres Dickehut und Alexander Bruder ausgesucht haben, um eines der „sichersten und effizientesten Datacenter Europas“ entstehen zu lassen, wie es in der Selbstbeschreibung heißt. Es handelt sich um den ehemaligen Atombunker in Walle. Vor sechs Jahren haben die beiden Unternehmer, die hinter der Bremer Consultix GmbH stehen, den Bunker gekauft und die Colocation-IX GmbH gegründet, um Bremens bislang größtes Rechenzentrum zu schaffen. Mehrere Millionen Euro haben sie in den vergangenen Jahren in das Datenzentrum investiert, das den derzeit höchsten Sicherheitsstandards entspricht – den Standards EN 50600 Klasse 4 und Tier 4.

In der Endausbaustufe werden hinter zwei Meter dicken Mauern, auf etwa fünf Meter starken Fundamenten, auf fünf Datacenter-Etagen und in zehn Sicherheitszonen 500 sogenannte Racks mit 50.000 Servern stehen. Ein mittelständisches Unternehmen benötigt laut Andreas Dickehut für seine Server durchschnittlich fünf bis zehn solcher Gestelle. „Wir wollen nicht das größte Rechenzentrum sein, sondern das sicherste“, sagt er. „Sensible Daten müssen geheim, unbeschädigt und verfügbar sein, und dafür sorgen wir.“ Die Consultix GmbH betreibt bereits ein kleineres Rechenzentrum. Rund 100 Millionen personenbezogene Daten von Kunden in mehr als 50 Ländern werden von dort in den ehemaligen Bunker umziehen.

Neben anderen Vorkehrungen sichern Panzertüren den Zugang zu den Servern der Kunden.

Neben anderen Vorkehrungen sichern Panzertüren den Zugang zu den Servern der Kunden.

Foto: Karsten Klama

EU-Datenschutz-Grundverordnung soll in Kraft treten

Der Bunker wurde entkernt und neu ausgebaut. Die Sicherheitsvorkehrungen umfassen mehrere Ebenen. „Man muss in jedem Bereich ein sehr hohes Niveau erreichen, um totale Ausfallsicherheit garantieren zu können“ und den Kunden die Sorge um ihre sensiblen Daten zu nehmen. Solche Sorgen spielten in Unternehmen eine immer größere Rolle, sagt Sales-Manager Uwe Jambroszyk. Die gesetzlichen Anforderungen stiegen, das gelte insbesondere für sogenannte Kritische Infrastrukturen, ergänzt Dickehut. Darunter versteht man laut Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik „Organisationen oder Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden“. Demnächst tritt überdies die EU-Datenschutz-Grundverordnung in Kraft, die strengere Regeln zum Schutz personenbezogener Daten umfasst.

Ein Hochsicherheitsrechenzentrum, das derartige Daten in sich aufnimmt, muss vor unbefugtem Zutritt gefeit sein. Entsprechend sichern enorme Stahltüren das Gebäude. „Solche Türen halten jeglichem Werkzeug mindestens 20 Minuten stand“, so Dickehut. Im Vollausbau werden 200 Kameras, auch mit Wärmebild- und Gesichtserkennungstechnik ausgestattet, die Räume und Gänge überwachen. Wer den Bunker betritt, um die Technik zu warten, muss sich mehrfach und auf verschiedene Weise authentifizieren, dazu zählt auch eine Iris-Erkennung.

Zum Brandschutz: Sauerstoffanteil wird reduziert

Nicht minder wichtig ist der Schutz vor Naturkatastrophen oder Attacken anderer Art. Dazu zählten unter anderem Blitzeinschlag, Flugzeugabstürze, Brände, Hochwasser, Erdbeben und elektromagnetische Felder und Wellen. Auf dem Dach des Bunkers ist eine enorme Blitzschutzanlage installiert, dort stehen auch Diesel-Generatoren mit einer Leistung von 1,5 Megawatt. Zudem besteht das Data Center quasi aus mehreren kleineren Rechenzentren, die unabhängig voneinander versorgt werden und arbeiten können. Die Kunden können ihre Server auf verschiedene Etagen verteilen, um die Sicherheit weiter zu erhöhen. Auch die Stromversorgung entspricht nicht der eines Durchschnittshaushalts, alle notwendigen Installationen spiegeln sich. „Falls in einem Teil des Gebäudes wider Erwarten etwas beschädigt sein sollte, funktionieren die anderen Teile weiterhin“, sagt Dickehut. In den Serverräumen wird der Sauerstoffanteil permanent von 21 auf 15 Prozent reduziert, sodass jede Flamme erstickt.

Vor allem aber muss das Datenzentrum vor digitalen Angriffen geschützt sein. Das wird laut Dickehut durch ein mehrstufiges Abwehrkonzept erreicht. Neben Verschlüsselung und mehrstufigen Firewalls werden sogenannte DDoS-Attack-Mitigation-Programme zur Abwehr von Botnet-Angriffen und Intrusion-Prevention-Systeme gegen Hackangriffe eingesetzt. Was IT-Spezialisten ein Begriff ist, „macht Colocation-IX faktisch unangreifbar.“

„Eines der grünsten Datenzentren“

Das Bremer Westend sei ein idealer Standort für das Rechenzentrum, sagt Andres Dickehut. Die Anzahl der Blitzeinschläge in Bremen sei auffallend gering, die Stadt befinde sich in der sogenannten seismischen Zone 0, sei also erdbebensicher. Es gebe keine Gefährdungsquellen in der Nähe, weder ein Atomkraftwerk noch ein Vulkan oder ein Bergwerk, das Erschütterungen auslösen könnte. Der Flughafen und große Industrieanlagen seien in ausreichender Entfernung. Die Wahrscheinlichkeit, Ziel eines Terroranschlags zu werden, sei geringer als in den großen deutschen Metropolen. Der Bunker sei quasi „bombensicher“, sagt Dickehut. Er zeigt ein Foto aus dem Jahr 1944, das ganze Viertel ist ganz oder teilweise zerstört, nur der Bunker hat den Luftangriffen der Alliierten standgehalten. „Das Foto lässt mir, immer wenn ich es sehe, einen Schauer über den Rücken laufen. Aber es spricht für die Stabilität des Gebäudes.“ Ein Neubau in dieser Art sei quasi unbezahlbar.

Auch die IT-Infrastruktur stimme, so Dickehut, das Westend sei gut erschlossen. „Wir sind hier mehrfach mit Glasfaserkabeln ausgestattet und haben Internetanbindungen in Richtung London, Amsterdam und Frankfurt, den größten Internetknoten der Welt.“ Wichtig sei ihm und Alexander Bruder obendrein gewesen, „eines der grünsten Datenzentren“ entstehen zu lassen. Schon für das Konzept wurde Colocation-IX mit dem Deutschen Rechenzentrumspreis in der Kategorie Klimatisierung und Kühlung ausgezeichnet.

Colocation-IX wird von Dienstag an auf der „It-Sa“ vorstellt, der europäischen Fachmesse für Datensicherheit in Nürnberg. Am 14. November ist die feierliche Eröffnung. Großes Interesse deute sich bereits an. Dickehut macht kein Geheimnis daraus, dass er sich nach anderen Bunkern umschaut. Allerdings seien derart ideale Umstände wie im Westend alles andere als leicht zu finden.

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