Made in Bremen: Bio-Gate

Bremer Firma produziert Silberspray gegen Coronaviren

Das Unternehmen Bio-Gate produziert im Bremer Technologiepark ein Oberflächenspray auf Basis von Silber – mit in diesen Zeiten wichtigen Eigenschaften. Bald soll ein Mittel für Masken folgen.
27.12.2020, 05:00
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Von Anke Velten
Bremer Firma produziert Silberspray gegen Coronaviren

Der Vorstandsvorsitzende von Bio-Gate Marc Lloret-Grau in der Bremer Produktion. Demnächst soll es von hier aus auch ein Mittel für Masken geben.

Christina Kuhaupt

Der ganze Stolz des Hauses ist unscheinbar: Ein mattes, steingraues Puder, das Standortleiter Lennart Elsner der Anschaulichkeit halber in ein Schraubdeckelglas gefüllt hat. Der noble Glanz geht verloren, wenn Silber pulverisiert wird. Doch in dieser speziellen Form ist das Edelmetall ganz in seinem wertvollen Element. Seit zwanzig Jahren erforscht Bio-Gate die antibakteriellen und antiviralen Eigenschaften von Silber und entwickelt daraus Produkte, die in Medizintechnik, Industrie, Kosmetik und Haushalt zur Anwendung kommen.

Im Jahr des Coronavirus brachte das kleine bremisch-fränkische Unternehmen ein Imprägnier- und Oberflächenspray auf den Markt, das inzwischen immer mehr Verkehrsunternehmen und öffentliche Einrichtungen nutzen. Anders als übliche Desinfektionsmittel wirkt das „MSBG-Tec“-Imprägnier-Spray nach Angaben des Unternehmens nachhaltig. Wo immer es aufgesprüht wird, soll es Viren und Bakterien tage- und sogar wochenlang bekämpfen. Der natürliche Rohstoff wird im Bremer Technologiepark verarbeitet und ist auf der ganzen Welt gefragt.

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In den Bussen und Bahnen der Verkehrsbetriebe Nürnberg und Fürth ist das Bio-Gate-Imprägnier-Spray seit Oktober dieses Jahres im Einsatz und erspart den Putzkolonnen die tägliche Wisch-Desinfektion. Die Maßnahme soll die geltenden AHA-Regeln flankieren. Der Einführung des Mittels war ein zweiwöchiger Feldversuch in zwei Testbussen vorausgegangen, sagt der Bio-Gate-Vorstandsvorsitzende Marc Lloret-Grau. Ein akkreditiertes Testlabor entnahm in regelmäßigen Abständen Proben. Ergebnis: „Noch zwei Wochen nach der Imprägnierung wiesen Sitze, Haltestangen, -griffe und -schlaufen, Ticketautomaten und Fahrerkabine im Vergleich zu den unbehandelten Fahrzeugen 90 Prozent weniger Keime auf.“ Von besonderer Bedeutung in der aktuellen Lage ist dabei eine Eigenschaft. „Unser Imprägnier-Spray inaktiviert nachweislich behüllte Viren“, erklärt Lloret-Grau. Dazu zählten neben dem Coronavirus auch Sars-, Mers- und Grippeviren. Die Silberlösung auf Wasserbasis eigne sich für sämtliche abwischbare Oberflächen. Ein charmanter Nebeneffekt: „Das Spray verfügt über eine Geruchsbindungstechnologie, die sofort unangenehme Gerüche in den Beförderungseinheiten vermindert“.

Inzwischen hat das Unternehmen seine Kundenbasis ausgebaut und liefert sein Imprägnierspray an Kindertagesstätten, Gerichtsgebäude und Pflegeheime, Fitnessstudios, Schulen und Büros. Gespräche mit weiteren potenziellen Interessenten aus dem In- und Ausland seien fortgeschritten, berichtet der Vorstandschef. Grundsätzlich denkbar seien als Einsatzorte „alle Bereiche, an denen viele Menschen zusammen­kommen“.

Seit Jahrtausenden bewährt

Das Prinzip hinter dem Spray ist dabei zunächst gar nicht neu. Schon lange bevor die Wissenschaft Viren und Bakterien entdeckte, war die antimikrobielle Wirkung von Silber bekannt. So sollen schon die alten Ägypter Wunden mit Blattsilber verbunden haben, und betuchte Römer hielten ihr Trinkwasser mit Silbermünzen sauber. Die Erfahrung lehrte sie, was die Forschung erst viel später erklären konnte: Es sind die Silber-Ionen auf der Oberfläche von metallischem Silber, die Viren und Bakterien unschädlich machen. Doch was Bio-Gate daraus entwickle, sei weltweit einzigartig, sagt Vorstandsmitglied Thomas Konradt.

In den Firmenhallen an der Fahrenheitstraße steht eine Anlage, die für den Laien aussieht wie eine überdimensionale Kaffeemühle. Ihr High-Tech-Mahlwerk zerkleinert in einem rein physikalischen Prozess hochreines Silber – bezogen von zertifizierten Quellen, wie man betont – in ebenso hochreine silberne Mikropartikel. Produktionsleiter Elsner erklärt die Besonderheit: „Die Silberpartikel erhalten eine schwammartige, korallenartige Struktur und können sich daher wie winzige Kletten an unterschiedlichste Oberflächen anheften.“ Ganz wichtig dabei: „Mit ihrer Größe von zehn Mikrometern sind die Teilchen rund zehntausendmal größer als Nanosilber“. Der Unterschied sei essenziell und werde streng überwacht. Er garantiert, dass die Mikrosilber-Partikel an den Oberflächen verbleiben und nicht über die Haut aufgenommen werden.

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Dem Verfahren ging jahrelange Forschungsarbeit voraus, an der Wissenschaftler der Universitäten Bremen und Erlangen ihren Anteil hatten. Darum steht das Unternehmen heute auf seinen beiden fast 600 Kilometer auseinanderliegenden Füßen. In Nürnberg befinden sich Hauptverwaltung, Vertrieb und Entwicklungsabteilung. In Bremen sind zehn Mitarbeiter in Produktion, Qualitätssicherung und dem Lager beschäftigt. „Wir zehren hier von einem exzellenten Netzwerk an Forschungseinrichtungen und Instituten“, sagt Lloret-Grau.

Mittlerweile halte das Unternehmen weltweit 90 Patente für sein markenrechtlich geschütztes und klinisch getestetes Silber-Produkt, das von vielen namhaften Herstellern für ihre Zwecke geordert werde: In Cremes und Salben soll es zur Regeneration der Haut beitragen und entzündliche Prozesse wie Neurodermitis, Akne und Rosacea lindern, es ist in Wundsprays, Handpflegegelen und auf Pflastern und Wundauflagen zu finden, wird Zahnpasta, Shampoos und Sonnencremes zugesetzt und wegen des kontinuierlichen Reinigungseffekts in die Beschichtung von Türgriffen, Klinikstühlen und kompletten Flugzeuginnenräumen eingearbeitet.

Möglichst hohe Sicherheit bieten

Mit dem „MSBG-Tec“-Imprägnier-Spray geht das Unternehmen erstmals unter dem eigenen Namen auf den Markt. „Wir wollen damit einen Beitrag leisten, um den Menschen in geschlossenen Räumen eine möglichst hohe Sicherheit zu bieten und eine Rückkehr zur Normalität trotz Corona zu ermöglichen“, sagt Lloret-Grau.

Für den Privatgebrauch sind die Fünf-Liter-Kanister nicht gedacht. Doch demnächst werde man ein Maskenspray Made in Bremen im Einzelhandel finden, kündigt der Vorstandsvorsitzende an. Die Bio-Gate-Produktentwickler haben sich zunutze gemacht, dass die winzigen silbernen Kletten auch auf textilen Geweben halten und wirken.

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