Fachkräftemangel

Bremer Firmen suchen Fachkräfte in Osteuropa

Weil in der IT-Branche Tausende Fachkräfte fehlen, müssen Unternehmen kreativ werden. Zwei Bremer Firmen gehen einen besonderen Weg: Sie blicken nach Osteuropa.
08.12.2019, 20:59
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Bremer Firmen suchen Fachkräfte in Osteuropa
Von Stefan Lakeband
Bremer Firmen suchen Fachkräfte in Osteuropa

Avtandil Kobaladze (links) und Gvantsa Goguadze (rechts) sind seit einigen Monaten in Deutschland. Sie arbeiten für Sven Sundermann (Zweiter von links) und Andreas Restle als SAP-Trainees bei Indico Solutions.

Christina Kuhaupt

Zufall. Eigentlich ist es Zufall, dass Gvantsa Goguadze an diesem Tag in einem Büro in der Nähe des Flughafens sitzt und von sich und ihrer Arbeit erzählt. Goguadze, Brille und dunkelgrüner Blazer, kommt aus Georgien und lebt seit zwei Monaten in Stuhr.

Die 28-Jährige ist Teil einer Lösung für ein Problem, das etliche Firmen trifft. Von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen, von Aachen bis Frankfurt/Oder. Und natürlich auch in Bremen: der Fachkräftemangel. Gerade Unternehmen aus der IT-Branche fällt es immer schwerer, qualifizierte neue Mitarbeiter zu finden.

Lesen Sie auch

Andreas Restle und Sven Sundermann kennen das Problem. Sie sind Geschäftsführer von Indico Solutions, einer Firma mit Standorten in Bremen und Weyhe, die sich auf SAP-Beratung spezialisiert hat. 2011 haben sie Indico gegründet, sind seitdem gewachsen. Die Nachfrage ist da – es fehlen aber die Mitarbeiter. Nun ist SAP-Berater kein Ausbildungsberuf und auch nichts, was man kann, wenn man frisch von der Uni kommt. Deswegen haben Restle und Sundermann ein eigenes Traineeprogramm entwickelt, stellen zweimal im Jahr jeweils zwei junge Leute ein, um ihnen alles rund um die Unternehmenssoftware beizubringen. Doch: Es gibt kaum geeignete Bewerber. „Schon bei unserer Gründung war es nicht einfach, Mitarbeiter zu bekommen“, sagt Sundermann. „Jetzt ist es noch schwieriger.“

Die beiden Geschäftsführer suchen nicht nur bundesweit, sie schauen auch ins Ausland, nach Spanien, nach Griechenland. „Hier war das Problem, dass oft nicht genug Deutschkenntnisse vorhanden waren“, sagt Restle. Die seien aber nötig, weil viele ihrer Kunden gerne einen deutschsprachigen Ansprechpartner hätten.

Schnittstelle zwischen Europa und Asien

Dass die IT-Unternehmer auf Georgien kamen, sei dem Zufall geschuldet: Ein Mitarbeiter habe privat Kontakte in das Land an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien. Deutsch ist dort als Fremdsprache sehr beliebt, zudem werden viele Studiengänge hierzulande anerkannt – eine wichtige Voraussetzung für eine EU-Arbeitserlaubnis. Sundermann und Restle denken: Warum nicht? Und tatsächlich: Sie finden zwei Trainees.

Seit zwei Monaten sind nun Gvantsa Goguadze und Avtandil Kobaladze bei Indico. Goyuadze sieht es vor allem als Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, etwas Neues auszuprobieren. Auch für Kobaladze ist es eine Chance: „Ich wollte eh meinen Job wechseln“, sagt er, „aber das war in Georgien nicht so einfach.“ Der 25-Jährige hat Physik studiert und schon vorher mit Datenbanken gearbeitet. Der Weg zum SAP-Berater sei da nicht weit gewesen.

Lesen Sie auch

Dass Restle und Sundermann ungewöhnliche Wege gehen, verwundert nicht. Die Zahlen sprechen für sich: Allein für 2018 konstatiert der Branchenverband Bitkom 82 000 offene Stellen für IT-Spezialisten. Ein neuer Höchststand und im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 49 Prozent. Auch andere Zahlen zeigen eindrücklich, wie groß der Markt für IT-Experten ist. Laut Arbeitnehmerkammer arbeiten allein in Bremen 8500 Beschäftigte in der Branche – ein Viertel mehr als noch 2015.

In andere Länder schauen, um den Mangel auszugleichen – das kennt auch Knuth Rüffer, Geschäftsführer von Scalors. Das Bremer Unternehmen hat auch mit dem IT-Fachkräftemangel zu tun und aus dem Problem anderer Firmen ein Geschäft gemacht. Scalors vermittelt Entwickler und Programmierer aus der Ukraine an Kunden in Westeuropa. Doch anstatt sie nach Deutschland zu holen, arbeiten die Fachkräfte in einem Büro in Kiew.

Keine Unterschiede bei Jungen Menschen

Rüffer ist schon lange in der IT-Branche. Während er für ein Start-up arbeitete, sollte er ein Team in der Ukraine aufbauen – so ist er überhaupt erst auf das Land aufmerksam geworden. „Besonders bei den Jungen gibt es keinen Unterschied mehr zu Leuten, die im Westen aufgewachsen sind“, sagt er. Sie sprechen fließend Englisch, seien weltoffen, hätten in der ganzen Welt studiert und seien gut ausgebildet.

Das schätzen Rüffers Kunden: Das sind häufig Digitalagenturen oder Firmen, die selbst Software entwickeln. Besonders häufig kleine und mittelständische Unternehmen. Ihnen falle es besonders schwer, Mitarbeiter zu finden. „Die großen IT-Firmen sind wie Staubsauger“, sagt Rüffer. Sie zögen die Fachkräfte an. „Unsere Kunden sagen dann: ‚Wir haben zwar ein Produkt, finden die Leute dafür aber nicht.‘“

Lesen Sie auch

Deswegen hat sich Rüffer ein besonderes Modell überlegt: Seine Kunden sagen, was für einen IT-Spezialisten sie brauchen, Scalors sucht diese Leute in der Ukraine. Ist jemand gefunden, wird er bei der Bremer Firma angestellt. „Sie arbeiten auf unseren Computern, trinken unseren Kaffee“, sagt Rüffer. Die Arbeit komme aber von den Kunden. Dort seien die Entwickler und Programmierer in der Regel gut integriert, Abstimmungen würden per Mail oder Videokonferenz getroffen.

Rund hundert IT-Leute arbeiten für Scalors derzeit in der Ukraine, pro Monat würden zehn neue Leute eingestellt. Allerdings sieht Rüffer, dass auch dort der Markt eng wird: „Auch in der Ukraine gibt es keine guten Entwickler, die arbeitslos sind.“ Die Konkurrenz ist groß. Die Top-Fünf-Firmen, die ähnlich wie Scalor arbeiten, hätten 2000 Mitarbeiter oder mehr.

„Recruiting ist umgedrehter Vertrieb“

Um nicht abgehängt zu werden, setzt Rüffer daher auf eine gute Personalabteilung. Allein zwölf Leute kümmerten sich vor Ort darum, neue Mitarbeiter zu finden, das Unternehmen sponsere Konferenzen, um bekannter zu werden. „Recruiting“, sagt der Geschäftsführer, „ist umgedrehter Vertrieb.“ 28.000 Kandidaten seien mittlerweile in der Datenbank von Scalors.

Gelegentlich vermittle seine Firma auch noch Fachkräfte aus der Ukraine nach Deutschland, das werde aber immer seltener. Durch neue Technologien sei es egal, wo man arbeite. Außerdem könnten die Fachkräfte sich dann einige Behördengänge ersparen, bei ihren Freunden und Familien bleiben und müssten nicht in einem anderen Land neu anfangen.

Gvantsa Goguadze und Avtandil Kobaladze haben diesen Schritt gemacht. Die vertrauten Menschen? Sie fehlten tatsächlich manchmal, genauso das georgische Essen. Bleiben wollen sie trotzdem. Wie allen Trainees werden Restle und Sundermann ihnen einen unbefristeten Vertrag anbieten. Denn bislang sind die Geschäftsführer mit ihren neuen Mitarbeitern sehr zufrieden. Deshalb wollen sie auch für den nächsten Traineejahrgang nicht nur in Deutschland nach Bewerbern suchen, sondern auch in Georgien.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+