Von der Hansestadt nach Nantong

Bremer Kfz-Innung hilft Chinas Azubis

Die Bremer Kfz-Innung unterstützt Kfz-Auszubildende in China. Praxis und Theorie findet auch in Bremen statt. Wie das Projekt bisher funktioniert und was noch für die Zukunft geplant ist.
28.01.2019, 21:19
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Kfz-Innung hilft Chinas Azubis
Von Florian Schwiegershausen
Bremer Kfz-Innung hilft Chinas Azubis

Thorsten Brändle von der Bremer Kfz-Innung (links) und Andreas Tietjen (rechts) von der Bremer Handwerkskammer mit den chinesischen Azubis in Nantong.

Kfz-Innung

Wenn es auf dem Smartphone von Thorsten Brändle piept, kann es sein, dass er eine Whatsapp-Nachricht von einem Kfz-Azubi aus China erhalten hat. In ordentlichem Deutsch fragt er Brändle, wie er dieses oder jenes am besten bei seiner Ausbildung machen soll. Wohlgemerkt: Die jungen Chinesen lernen und wohnen mehr als 8500 Kilometern entfernt von der Hansestadt in Nantong. Das liegt wiederum etwa 100 Kilometer von Schanghai entfernt.

Was sie mit den Bremer Kfz-Azubis verbindet, ist der Spaß am Reparieren von Autos – und bei den jungen Chinesen kommt das Interesse am deutschen dualen Ausbildungssystem hinzu. „Ich stelle auch fest, dass von Nachricht zu Nachricht das Deutsch der jungen Azubis besser wird“, sagt Brändle. Er ist der Innungsbeauftragte der Bremer Kfz-Innung, und seine Handynummer hat er den angehenden Kfz-Mechatronikern gegeben, als er selbst vor Ort war. Denn die Bremer helfen mit, die deutsche Gesellenprüfung nach China zu holen.

Alles hatte mit einer Anfrage von einer chinesischen Firma begonnen, die sich mit dem Thema Bildungsexport beschäftigt. Die sind an das Bremer „Handwerk“ herangetreten, das ist das Bildungs- und Kompetenzzentrum der Bremer Handwerkskammer. Dort findet auch ein Teil der Ausbildung für die Bremer Kfz-Azubis statt. Brändle konnte sich diesen Bildungstransfer durchaus vorstellen, flog dann aber 2017 erst mal zusammen mit zwei Kollegen vom „Handwerk“ nach China, um sich vor Ort in Nantong ein Bild von der Schule und den Lehrplänen zu machen.

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Brändles erster Eindruck: „Die jungen Chinesen können sehr gut auswendig lernen.“ So klappte es schon ganz gut mit Small Talk auf Deutsch. Was aber fehlte, waren die Fachbegriffe und die Praxis. Dadurch ergab sich ein Problem, wie Brändle erläutert: „Die Gesetzgebung schreibt vor, dass die deutsche Gesellenprüfung auch auf Deutsch zu absolvieren ist und auch auf deutschem Hoheitsgebiet stattzufinden hat.“ Damit hatte sich eine Prüfung in China fast schon erledigt. Doch viele E-Mails später ergab sich: Der erste Teil der Gesellenprüfung ist in China möglich.

Eltern zahlen für die Ausbildung ihrer Kinder

Beim ersten Besuch stiegen dann auch Brändle und sein Kollege mit in den praktischen Unterricht ein, um den Jugendlichen wichtige Dinge zu vermitteln. Außerdem empfahlen sie ihren chinesischen Kollegen mehr praktischen Unterricht, mehr fachsprachlichen Unterricht sowie die Einführung eines Berichtshefts. In der Theorie waren sie super, aber es fehlte an der Praxis. Die Fachschule in Nantong sei von der Ausstattung her schon sehr gut. „Sie gehört zu einer der besten Berufsfachschulen in China. Sie ist hochdekoriert und ausgezeichnet“, so Brändle. Ansonsten sei es auch so, dass die Eltern für die Ausbildung ihrer Kinder Geld zahlen müssen.

Nach den Tipps der Bremer investierten die Chinesen auch weiter in die Ausstattung der Werkstatt. Technik im Wert von 70.000 Euro war dort bereits vorhanden. Jetzt kommt eine zweite Werkstatt hinzu, in der die Schüler praktischen Unterricht erhalten. Am Vormittag findet dort der Theorieunterricht statt, und am Nachmittag gehen sie in die Werkstatt und schrauben. Brändle: „In China gibt es keine duale Ausbildung. So eine Ausbildung dauert dort normalerweise fünf Jahre, wovon ein Jahr Ethik- und Militärdienst ist.“

Im Oktober flog Brändle dann mit Andreas Tietjen nach China, der als Ausbilder im „Handwerk“ arbeitet. Doch von dem Plan, dass die Schüler den ersten Teil der Gesellenprüfung machen, hatten sie sich verabschiedet. Stattdessen fand mit ihrer Unterstützung eine Kenntnis- und Nachweisprüfung statt, um den Praxisstand und das Sprachlevel abzufragen. Denn das Sprachzertifikat B1 sei für die Gesellenprüfung der Mindeststandard. Sieben von zwölf Chinesen haben direkt bestanden, ein weiterer erhält im April noch einen zweiten Versuch.

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Sie werden dann im Juni nach Bremen kommen für ein Jahr. Während der Bremer Sommerferien, in den ersten sechs Wochen also, erhalten sie nochmals speziellen Unterricht, um dann den ersten Teil der Gesellenprüfung zu machen. Gleichzeitig werden sie vier Tage die Woche in Kfz-Betrieben arbeiten. „So sollen sie das Gefühl für die Praxis bekommen, also das handwerkliche Geschick“, so Brändle. „Sie müssen einfach schrauben lernen. Denn handwerkliches Geschick lässt sich nun mal nicht auswendig lernen.“

Erster Teil der Gesellenprüfung im Dezember

Das Jahr wird so aussehen: Im Bremer „Handwerk“ erst mal sechs Wochen Crash-Unterricht mit Deutschkurs. Nach den Sommerferien geht es dann in die Kfz-Betriebe. Von da an gibt es einen Tag pro Woche Deutschkurs und Samstag zusätzlichen Unterricht. Im Dezember steht Teil eins der Gesellenprüfung an, im Mai 2020 ist die Prüfung für Teil zwei.

Es gibt einen kulturellen Unterschied, der auch beim Aufenthalt der Chinesen in Bremen noch eine Rolle spielen kann, wie Brändle erkannt hat: „In China ist es ja so, dass man den Menschen etwas so sagt, dass sie nicht ihr Gesicht verlieren. Deshalb werden oft Probleme nicht richtig angesprochen. Bei uns in Deutschland sind wir da eher pragmatischer und sagen direkt: Okay, da ist ein Problem, wie können wir das lösen?“

Das mussten Brändle und Tietjen bei ihrem Aufenthalt auch verstehen und schauen, wie sie da am besten mit umgehen. Da müsse man auch sehr viel zwischen den Zeilen lesen. Wie das dann die Kfz-Meister hier in Bremen am besten angehen? „Sie müssen den Chinesen drei Möglichkeiten zur Auswahl geben, von denen er sich dann eine nimmt, damit er dann die Entscheidung bestimmt hat“, sagt Brändle.

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Ziel ist, dass die Azubis nach ihrer erfolgreichen Gesellenprüfung noch weitere zwei Jahre in Deutschland arbeiten. Die Hoffnung ist, dass die jungen Chinesen in Deutschland dann auch ihren Meisterbrief machen. Wenn das Projekt erfolgreich ist, könnten in Zukunft dann junge Chinesen nach Deutschland kommen, um hierzubleiben und zu arbeiten – dann aber nicht acht Schüler, sondern sehr viel mehr. Die Fachschule in Nantong hat 5000 Schüler, wovon 500 Kfz-Azubis sind. Viele davon lernen aber kein Deutsch. So sei die Idee des Projekts, den theoretischen Teil der Prüfung auf Chinesisch zu machen und den Praxisanteil bei der Ausbildung zu erhöhen.

Der Bildungspartner will die Erfahrungen aus diesem Projekt dann in andere Städte in China exportieren. Was die Bremer Kfz-Innung bei diesem Projekt einmal mehr sieht und sie auch ein wenig stolz macht, ist, wie hoch angesehen das deutsche duale Ausbildungssystem in China ist. Brändle hofft aber auch, dass auch die Kfz-Azubis in den Bremer Betrieben von diesem Kontakt profitieren und einige von ihnen für eine gemeinsame Tour nach China reisen können. Für dieses Projekt wären aber wohl noch einige Sponsoren nötig, die das finanziell unterstützen.

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