Virtueller Supermarkt Bremer Onlinehändler My Enso füllt seine Regale

Das Bremer Start-up My Enso testet seinen Online-Supermarkt derzeit mit 2000 Kunden – und es sollen immer mehr werden. Bremer werden dabei bevorzugt und können sofort bestellen.
09.08.2018, 22:52
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Onlinehändler My Enso füllt seine Regale
Von Lisa Schröder

Eis mit Gin, ein Smoothie mit Algen – das Sortiment des Bremer Online-Supermarkts My Enso wächst weiter. Doch was das Start-up ins Angebot schließlich aufnimmt? Das entscheiden allein die Kunden. Derzeit können die ersten 2000 sogenannten Pioniere des Unternehmens bereits bestellen.

Ende April öffnete der Supermarkt im Netz für zunächst 100 Pioniere. Immer mehr von ihnen sollen in den nächsten Monaten für den Shop freigeschaltet werden – bis zu 16.000 in diesem Jahr. In die 15 größten Städte liefert My Enso. „Wir bekommen täglich den Wunsch: Wann schaltet ihr uns endlich frei?“, sagt Gründer Norbert Hegmann. Doch die Logistik soll nach und nach an Fahrt aufnehmen und die Zahl der Kunden damit steigen. Wegbereiter aus der Hansestadt können aber sofort bestellen: „Bremer sind bei uns auf der Vorfahrtsstraße.“

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Das hat einen Grund. Denn am Standort will My Enso eine Aufbruchstimmung für Food-Start-up erzeugen. „Wir wollen hier in unserer Heimat ein kleines gallisches Dorf schaffen, indem wir der Zukunft einen Tick voraus sind“, erklärt Hegmann das Ziel. „Gegen die Römer“, ergänzt sein Geschäftspartner und Mitgründer Thorsten Bausch. Damit gemeint sind zum Beispiel Amazon und Rewe – eben die etablierte Konkurrenz. Lokale Hersteller aus Bremen sollen dagegen Mitbewohner im gallischen Dorf sein.

Sommerfest in der Überseestadt

Zum Sommerfest hat My Enso an diesem Donnerstag mehr als zwei Dutzend Start-ups zu einer Messe in sein Speichergebäude in der Überseestadt eingeladen. Jedes Jahr soll es die Veranstaltung von nun an geben. Dabei präsentieren sich die jungen Unternehmer mit ihren Produkten. Hunderte Pioniere, die My Enso bereits unterstützen, verköstigen die Lebensmittel und stimmen ab, ob die Artikel im Supermarkt Platz finden sollen.

Die Bremer Schnapsbrennerei von Birgitta Schulze van Loon, „Piekfeine Brände“, ist mit einem Stand dabei. Außerdem präsentiert Laura Brandt ihr Start-up „Yummy Organics“. Das bietet Gewürze von Kleinbauern aus Sri Lanka an. Aus Berlin ist der „Vegetarische Metzger“ dabei, aus Hamburg „Skin Gin“ und „Whapow“ mit dem Algensmoothie. Um besondere Produkte wie diese geht es Bausch und Hegmann. Im Online-Supermarkt sollen sie einen großen Anteil haben, wenngleich beim Vollsortimenter derzeit ganz gängige Produkte die Nachfrage dominieren: Butter, Milch, Wein oder Toilettenpapier, sagt Hegmann. „Das soll aber kippen. Der Großteil der Produkte sollen tolle Spezialitäten sein.“

Sein Partner Bausch sieht die „Next Generation Food“ an den Ständen vertreten: „Die haben eine andere Haltung und wollen es anders machen.“ My Enso könne die kleinen Akteure der Lebensmittelbranche dabei unterstützen mit Reichweite und Vertrieb. „Hier kann jeder sich vorstellen. Und der Kunde, nicht der Händler, sagt dann: Finde ich toll! Ich möchte, dass es ins Regal kommt.“ Zudem wollen die Geschäftsführer durch das Angebot die Infrastruktur, die derzeit entsteht, die IT und Logistik besser auslasten. „Die Anlage, die wir hier bauen, kostet richtig viel Geld und muss beschäftigt werden.“ Das Lager soll weitestgehend automatisiert sein, Roboter und Tragetaschen Artikel transportieren.

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Das Logistiklager im Speicherhof soll weiter wachsen. Eigentümer des Speichergebäudes ist das Logistikunternehmen Vollers, das selbst Gesellschafter bei My Enso ist. In der Vergangenheit lagerten im Speicher Tee- und Kaffeesäcke. In 2020 soll der Raum des virtuellen Supermarkts auf 24.000 Quadratmeter zulegen. Die Mitarbeiter und Food-Start-ups sollen hier Arbeitsplätze finden und ein Hotspot für die Logistik im Bereich E-Commerce soll entstehen.

Bausch und Hegmann wollen spätestens Ende des Jahres das größte Sortiment in Deutschland anbieten mit 100.000 Artikeln. Nicht die Marktführerschaft haben die Gründer allerdings vor Augen, sondern anders zu sein als die Wettbewerber. „Wir wollen einen von den Menschen für die Menschen gemachten Supermarkt entwickeln.“ My Enso bleibe dabei immer im Prozess, sagt Norbert Hegmann: „Wir haben von Anfang an gesagt, wir sind nicht fertig, wir machen das gemeinsam mit euch.“

„Lebensmittel im Internet kommen erst“

In Workshops, Umfragen und via Homepage haben die Unternehmer viele Anregungen, Ideen und ganze Konzepte ihrer heute fast 10.000 Pioniere gesammelt. Einige der Wegbereiter sind sogar an der Genossenschaft beteiligt und bekommen verbesserte Bestellkonditionen. Die Informationen zum Markt stoßen auf Interesse. „Lebensmittel im Internet kommen erst – da kennt sich keiner aus. Der Supermarkt im E-Commerce ist im weitesten unbekannt“, so Bausch. Was My Enso herausgefunden hat, treibt die Industrie und Hersteller deshalb um. Selbst die Großen müssten noch aufholen. „Die Etablierten geben uns Raum, das besser zu machen.“

Finanzieren konnten die Geschäftsführer mit dem Verkauf der Erkenntnisse im Laufe der Zeit einen Teil des Vorhabens. Überwiegend hat aber ein Kreis von Gesellschaftern und Partnern mit ihnen das Kapital für das 2016 gegründete Unternehmen aufgebracht. „Wir haben wirklich versucht, Komplizen zu finden, die sagen: Ich glaub an die Idee und das Geld wird irgendwann kommen.“ Weitere Investoren werden gesucht.

Noch lässt sich Bausch zufolge nicht ganz planen, wann der Shop für Kunden aus ganz Deutschland bereit ist. Im ersten Quartal 2019 solle das der Fall sein, genauer gehe es nicht. „Einen Online-Supermarkt zu bauen, das kommt direkt nach Raketen- und U-Boot-Bau. Das ist ein irre komplexes Thema.“ Gibt es eigentlich einen Wunsch der Kunden, mit dem die Gründer nicht gerechnet haben? „Oft ist die Lösung beschämend naheliegend – etwa wie die Auslieferung auf der letzten Meile aussehen soll“, sagt Bausch. Die Pioniere dachten an Lieferungen zu Läden oder Nachbarn, die als Botschafter von My Enso Pakete annehmen. „Das hat uns sehr überrascht, dass uns keine Roboter oder Drohnen vorgeschlagen wurden, sondern menschliche Kooperation.“

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