Zuhören und Mutmachen

Bremer Projekt hilft beim Wiedereinstieg in den Beruf

Der Wiedereinstieg in den Beruf ist nach einer längeren Unterbrechung oft nicht leicht. Das Projekt „Perspektive Wiedereinstieg“ bietet Hilfestellung - mit Erfolg.
23.01.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Bremer Projekt hilft beim Wiedereinstieg in den Beruf
Von Lisa Boekhoff
Bremer Projekt hilft beim Wiedereinstieg in den Beruf

Wiedereinsteigerin Susanne Berghöfer bereitet ein Blechspielzeug vor. Das Auto wird in einer von ihr mitkuratierten Ausstellung zu sehen sein.

Sven Adelaide/Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg

Der Wiedereinstieg in den Beruf ist nach einer längeren Unterbrechung oft nicht leicht. Das Projekt „Perspektive Wiedereinstieg“ bietet Hilfestellung - mit Erfolg.

Die Stelle ist längst neu besetzt, Kontakte sind futsch, Arbeitsabläufe haben sich verändert: Es ist nicht leicht, nach längerer Unterbrechung in den alten Beruf zurückzukehren. Die Bremerin Svenja Moldt hat das selbst erfahren. Acht Jahre betreute die heute 30-Jährige ihre Tochter und wollte dann in ihren Beruf zurück. Doch ihre Unsicherheit war groß. „Ich hatte nicht das Selbstvertrauen, mich einfach so zu bewerben. Selbst wenn ich es zum Vorstellungsgespräch geschafft hätte, hätte ich mich nicht souverän präsentieren können.“ Ihre schulische Ausbildung als Wirtschaftsassistentin habe sie zwar abgeschlossen, aber dann keine Arbeitserfahrung mehr sammeln können.

Moldt suchte Hilfe und stieß auf die „Perspektive Wiedereinstieg“. Das Projekt will Frauen und Männer unterstützen, beruflich zurückzukehren. Bis auf wenige Ausnahmen seien es jedoch Frauen, die in die Beratung kommen. „Sie haben mit Hürden zu kämpfen, mit denen sie nicht gerechnet haben – gerade auch hochqualifizierte Frauen“, sagt Christiane Goertz. Sie und ihre Kollegin Annette Koch beraten und coachen die Teilnehmerinnen. Vor allem gehe es neben praktischen Tipps darum, das Selbstbewusstsein der Frauen wieder aufzubauen. „Viele Frauen wissen nicht mehr, wo sie stehen und wo ihre Kompetenzen liegen. Sie sind verunsichert.“

Moldt begann nur ein paar Wochen nach der ersten Beratung eine Weiterbildung für Aushilfsmanagement und Teamassistenz. „Ich habe gemerkt, dass das Wissen nur darauf wartete, wieder abgerufen zu werden. Das war ein enormer Push für das Selbstvertrauen.“ Im vergangenen Juni schrieb die junge Frau ihre erste Bewerbung. Durch Zufall hatte Moldt von einer freien Stelle erfahren – und bekam sie schließlich kurze Zeit später. Seitdem arbeitet sie in der Finanzbuchhaltung von Mediamobil Communication in Horn-Lehe. Moldt ist erleichtert, dass sie den Schritt geschafft hat. „Die Perspektive Wiedereinstieg war sehr hilfreich. Es ist jemand da, der einen unterstützt.“

Etwa die Hälfte schafft Wiedereinstieg im Anschluss an Beratung

Annette Koch und Christiane Goertz helfen seit sechs Jahren beim Wiedereinstieg in den Beruf. Kommen dürfen eigentlich Männer und Frauen, doch bis auf wenige Ausnahmen gab es bisher nur Teilnehmerinnen.

Annette Koch und Christiane Goertz helfen seit sechs Jahren beim Wiedereinstieg in den Beruf. Kommen dürfen eigentlich Männer und Frauen, doch bis auf wenige Ausnahmen gab es bisher nur Teilnehmerinnen.

Foto: Mikhail Galian

Mut machen und den Frauen zuhören – das ist für Goertz und Koch die wichtigste Aufgabe. Oft helfe es schon, Fragen zu stellen, damit sie sich über ihren Weg klar werden, sagt Koch. So sei denn das Feedback immer wieder: Wie schön, dass sich jemand mal eine Stunde Zeit für mich nimmt. Goertz stimmt zu. Das vom Europäischen Sozialfond geförderte Angebot ist kostenfrei und richtet sich an Interessierte in Bremen und der Region, die wegen der Familie mindestens ein Jahr aus dem Beruf ausgestiegen sind oder mindestens ein halbes Jahr einen Angehörigen gepflegt haben.

Seit 2010 haben die beiden 670 Teilnehmerinnen begleitet. Im Schnitt möchten die Frauen nach sieben bis acht Jahren zurück in den Berufen. Etwas mehr als die Hälfte schaffe das im Anschluss an die Beratung. Schwierig sei es für Eltern in Bremen, weil Betreuungsmöglichkeiten für Kinder fehlten und Betriebe nicht flexibel genug seien. Inzwischen kümmerten sich zwar auch die Väter vermehrt um den Nachwuchs, beobachten Goertz und Koch. Häufig aber lebten die traditionellen Rollen wieder auf, wenn das erste Kind da sei. Goertz: „Der Fortschritt ist eine Schnecke.“ Sie und ihre Kollegin wollen mehr Frauen ermutigen, den Schritt zurück in den Beruf zu wagen. „Wir sagen ihnen, dass sie den Einstieg auch als Experiment sehen können.“

Das Experiment von Susanne Berghöfer hat funktioniert. In diesen Wochen steht die 44-Jährige kurz vor der Eröffnung einer von ihr mitkuratierten Ausstellung im Oldenburger Schloss. „Der Weg war nicht ohne“, sagt sie heute. Während und nach dem Studium der Völkerkunde in Marburg kümmerte Berghöfer sich lange Zeit zunächst um ihre drei Kinder. „Es war klar, dass ich für sie Zuhause sein möchte. Mein Mann arbeitet bereits Vollzeit in Bremen.“

Austausch soll Mut machen

Als ihre Kinder alt genug sind, will sie ins Berufsleben einsteigen. Im Berufsinformationszentrum Bremen schickt man sie bei einer Veranstaltung zum Stand von Annette Koch. Weil Berghöfer am liebsten ins Museum möchte, schlägt die Beraterin ihr die Weiterbildung Musealog vor, die sich gezielt an Akademiker richtet. „Ich war sofort Feuer und Flamme.“ Als ihr jüngstes Kind eingeschult ist, kann sie loslegen: Seit Juni besucht die Ethnologin Seminare und arbeitet im Landesmuseum in Oldenburg. Anfang Februar eröffnet dort ihre Ausstellung mit dem Titel „Faszination Bewegtes Blech. Sammlerspielzeug des 20. Jahrhunderts“.

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Berghöfer hofft, dass es nach dem Programm, das bald endet, weitergeht. Die Zeit im Museum hat ihr Mut gemacht. „Ich konnte viele Ideen einbringen. Die Kollegen haben mir die Rückmeldung gegeben, dass ich eine Bereicherung bin aufgrund meines Studiums.“ Vielleicht wolle sie nun selbst Museen beraten. Erste Kontakte seien dafür geknüpft. Ausstellungen mit allen Sinnen erlebbar machen, das sei ein Thema das sie spannend finde. Berghöfer ist zuversichtlich. „Ich bin sehr motiviert und mutig. Ich bleibe am Ball.“

Goertz und Koch wollen ihre Teilnehmerinnen immer wieder zusammenbringen, damit die Frauen merkten, dass sie nicht allein seien. Manchmal seien ihre Veranstaltungen ein kleiner Arbeitsmarkt. Martina Rosien hat das erlebt. Die Bürokauffrau und Betriebswirtin suchte nach ihrer Elternzeit eine neue Stelle, weil ihr Arbeitsvertrag ausgelaufen war. Sie meldete sich arbeitslos, schrieb viele Bewerbungen. Doch es gab nur Angebote, die viel Flexibilität erforderten. „Ich kann die Unternehmen verstehen. Das hätte ich mit meinem Kind aber nicht schaffen können.“ Manchmal habe es andere Absagen gegeben. Sie sei überqualifiziert. „Ich bewarb mich auch auf Stellen am Empfang. Egal, Hauptsache arbeiten.“

Ungleiche Behandlung von Frauen und Männern

Svenja Moldt- Frau Moldt hat nach einer Auszeit für ihre Tochter über das Projekt "Perspektive Wiedereinstieg" eine Fortbildung und schließlich wieder Arbeit bekommen und arbeitet in der Finanzbuchhaltung bei MediaMobil Communication

Svenja Moldt hat den Wiedereinstieg geschafft und arbeitet nun in Horn-Lehe.

Foto: Frank Thomas Koch

In der Perspektive Wiedereinstieg habe man sie aufgebaut – und ihr ein Seminar empfohlen: „Wege zum Ziel“. Rosien erreichte schließlich ihr Ziel. Im Seminar lernte die 44-Jährige jemanden kennen, der ihr zu einem Vorstellungsgespräch bei ihrem heutigen Arbeitgeber verhalf, der Diesel- und Schiffstechnik Kühl in Bremen. „Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort – eine glückliche Fügung.“ Die neue Arbeit sei familienfreundlich.

Einige Teilnehmerinnen scheuen sich im Gegensatz zu Rosien davor, mit neuen Kollegen oder dem Chef über ihre Projekt-Teilnahme zu sprechen, weiß Goertz. „Ihnen ist es unangenehm, dass sie sich Hilfe suchen mussten." Unternehmen seien jedoch im Prinzip sehr interessiert, Wiedereinsteiger einzustellen. „Das sind oft Menschen, die ihren eigenen Weg gegangen sind. Ihnen traut man viel zu. Die Motivation der Frauen ist groß.“

Doch Goertz weiß auch von ungleicher Behandlung. „Spätestens, wenn die Frauen gefragt werden, ob sie Kinder haben, kippt das Bewerbungsgespräch. Kein Mann wird danach gefragt, wie seine Kinder denn betreut sind.“ Der Fortschritt sei eben eine Schnecke.

An diesem Montag, 23. Januar, gibt es im Fif-Café (Herbststraße 83) von 10 bis 12 Uhr eine Info-Veranstaltung zum Projekt. Mehr unter www.pwe-bremen.de oder 169 37 23.

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