OHB-Aktionäre gehen leer aus

Bremer Satellitenbauer zahlt erstmals seit 2004 keine Dividende

Das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB zahlt wegen der Corona-Krise erstmals keine Dividende an seine Aktionäre. Das ist nicht die einzige Sparmaßnahme.
27.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bremer Satellitenbauer zahlt erstmals seit 2004 keine Dividende
Von Stefan Lakeband
Bremer Satellitenbauer zahlt erstmals seit 2004 keine Dividende

Die Raumfahrtindustrie ist relativ krisenresistent, glaubt OHB-Chef Marco Fuchs. Sein Unternehmen profitiert von langfristigen Projekten und solventen Kunden. Dennoch spart OHB vorsorglich – bei der Dividende, Gehältern und Reisen. Denn: Die nächsten Monate müsse man auf Sicht fahren.

Vasil Dinev

Man könnte meinen, das Corona-Virus könne OHB egal sein: Laufende Aufträge wurden vor langer Zeit eingetütet, zu den Kunden gehören etliche Staaten und solvente Institutionen. Und sowieso befasst sich das Bremer Raumfahrtunternehmen mit Problemen, die häufig nicht von dieser Welt sind. Tatsächlich spürt OHB die Corona-Pandemie im Vergleich zu anderen Industrieunternehmen wenig. Alltag herrscht beim Satellitenbauer aber längst nicht. Das machte OHB-Chef Marco Fuchs am Dienstag auf der Hauptversammlung deutlich.

Allein schon der gewählte Rahmen zeigt: Hier läuft etwas anders. Zum ersten Mal fand das Aktionärstreffen nur virtuell statt, Anteilseigner konnten sich in einen Videostream einklinken und den Ausführungen des Vorstands lauschen. Was sie dort hörten, waren gute Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr und eine erste Analyse der Corona-Zeit. Die kommentiert Fuchs so: „Wir sind eigentlich ganz gut durch die Krise gekommen.“ Das Geschäftsmodell sei eben nicht so volatil wie das vieler anderer Unternehmen, die vielen Projekte langfristig geplant.

Lesen Sie auch

Risiken sieht Fuchs dennoch. Solche, die schon eingetreten sind und solche, die noch kommen könnten. Etwa wenn das Testzen
trum für die Galileo-Satelliten in Noordwijk wegen der Pandemie geschlossen wird, Lieferketten gestört werden oder die Vergabe von Aufträgen ins Stocken gerät. Zudem habe es unter den gut 2800 OHB-Mitarbeitern 15 Corona-Fälle in Deutschland gegeben, bei den ausländischen Töchtern waren es 13, wie Personalvorstand Klaus Hofmann sagt.

Darunter seien etwa drei bei der Niederlassung in Schweden gewesen, aber keiner in Italien – obwohl die Tochterfirma im Norden des Landes ihren Sitz hat, der besonders vom Corona-Ausbruch betroffen war. Alle Erkrankten sind laut Hofmann mittlerweile wieder genesen. Wie viele andere Unternehmen auch hat OHB einen Großteil seiner Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt, an einigen Standorten Kurzarbeit anmelden müssen und einen Krisenstab eingerichtet, der regelmäßig die Lage beurteilt.

Lesen Sie auch

„Wir müssen auf Sicht fahren“, leitet Finanzvorstand Kurt Melching daraus für die kommenden Monate ab. Er glaubt, dass sich die Krise im zweiten Quartal dieses Jahres deutlicher in den Geschäftszahlen zeigen wird als in den ersten drei Monaten 2020. Diese Vorsicht schlägt sich auch in konkreten Maßnahmen nieder. Anders als noch im März angekündigt hat der Raumfahrtkonzern die Dividende für seine Anteilseigner gestrichen. Statt 43 Cent pro Aktie gibt es nun nichts; die 7,5 Millionen Euro, die sonst an die Aktionäre geflossen wären bleiben im Unternehmen. Nächstes Jahr, so versicherte der Vorstand, soll die Dividende aber gezahlt werden.

Dass die Gewinnbeteiligung in diesem Jahr entfällt, wertet Fuchs auch als „Signal an die Mitarbeiter“. Denn zusammen mit dem Betriebsrat habe man sich darauf geeinigt, dass es 2020 keine Gehaltserhöhung für die Beschäftigten geben wird. Gleichzeitig verzichten die vier Vorstände freiwillig auf einen Teil ihrer variablen Vergütung. „An vielen Ecken und Enden wird der Gürtel enger geschnallt“, sagt Fuchs. Manche Einsparungen hätten sich allerdings auch von alleine ergeben – bedingt durch die Pandemie.

Lesen Sie auch

Dass Reisen durch die allgemeinen Schutzmaßnahmen kaum möglich waren und sowieso ein großer Teil der Belegschaft von zu Hause aus gearbeitet hat, spürt das Raumfahrtunternehmen deutlich. „Wir sparen jeden Monat 500 000 Euro an Reisekosten ein“, sagt Fuchs. Das habe auch seinen persönlichen Arbeitsalltag verändert. „Früher war ich nur ein bis zwei Tage pro Woche im Büro.“ Jetzt, ohne ständig unterwegs zu sein, habe er auch die Muße, sich um andere Dinge zu kümmern.

„Im Grunde stehen wir nach zwölf Monaten genau da, wo wir auch vor zwölf Monaten standen“, sagt Fuchs mit Blick auf die Aktie. Sie war im vergangenen Herbst stark gestiegen, liegt nach dem coronabedingten Einbruch, der den gesamten Aktienmarkt im März getroffen hatte, nun aber in etwa auf dem Niveau des Vorjahres. 2019 hatte das Raumfahrtunternehmen zum ersten Mal mehr als eine Milliarde Euro Umsatz gemacht. Der Gewinn vor Steuern und Zinsen stieg um drei Prozent auf 49,1 Millionen Euro.

Anfang des Jahres hatte das Familienunternehmen seine „OHB 2025“ genannte Strategie vorgestellt. Sie soll dabei helfen, die Firma bereit für die kommenden Jahre zu machen. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein dritter, neuer Geschäftsbereich. Neben dem Bau von Satelliten und Raketen soll der Fokus künftig entlang der ganzen Wertschöpfungskette liegen. Hier verspricht sich OHB ein hohes Wachstumspotenzial. Im Kern geht es darum, künftig nicht nur die Sonden zu bauen, sondern auch darum, sie zu betreiben, ihre Daten zu sammeln und die gewonnenen Informationen zu verkaufen.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+