Bremer Rhederverein Charterraten auf nie gekanntem Niveau

Die Containerlinienreedereien erzielen Charterraten in nie gekannter Höhe. Davon profitieren auch Bremer Reeder, so der Bremer Rhederverein, der aber auch skeptisch auf diese Entwicklung blickt.
30.06.2022, 17:11
Lesedauer: 3 Min
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Charterraten auf nie gekanntem Niveau
Von Peter Hanuschke

Das Ungleichgewicht in den Schifffahrtsmärkten hält auch nach fast zwei Jahren unvermindert an: Die Nachfrage nach Schiffsraum übertrifft bei Weitem das Angebot – besonders in der Containerschifffahrt. Auf vielen Fahrtgebieten haben sich die Raten vervielfacht. Entsprechend groß sind die Gewinne der Containerlinienreedereien. "Davon profitieren auch Bremer Reeder, die den Containerlinienreedereien ihre Schiffe auf dem Chartermarkt zur Verfügung stellen", heißt es im Jahresbericht des Bremer Rhedervereins. "Auch die Charterraten für diese Schiffe haben ein nie gekanntes Niveau erreicht." Und Schiffe, deren Chartervertragslaufzeiten derzeit enden, hätten alle Möglichkeiten, hoch attraktive Anschlusscharter abzuschließen.

Allerdings könne sich diese Entwicklung langfristig auch negativ auswirken, so Michael Vinnen, Vorsitzer des Rhedervereins: Denn derartige Marktungleichgewichte – gerade in der Containerschifffahrt – könnten auch ungewollt Einfluss auf die internationale Arbeitsteilung nehmen, indem sie die Nachfrage nach Transporten reduzierten und damit dauerhaft die Seeschifffahrt schwächten. Allerdings hätten die Containerlinienreedereien in den vergangenen eineinhalb Jahren viele große Containerschiffe geordert. "Die Neubestellungen entsprechen etwa 30 Prozent der bestehenden Flotte nach Stellplatzkapazität. Ab Anfang 2023 werden diese Schiffe sukzessive auf den Markt gelangen und das Angebot vergrößern." Zudem bestehe die Hoffnung, dass sich die Probleme in den Häfen in den nächsten Monaten abmilderten, sodass zumindest ein Teil der derzeit durch Wartezeiten gebundenen Kapazitäten wieder dem Markt zur Verfügung stehen werde.

Laut Rhederverein sind die Fahrpläne der Containerlinienfahrt nach wie vor aus den Fugen geraten. Über 60 Prozent der Schiffe erreichen demnach ihren Zielhafen nur mit erheblichen Verzögerungen. "Die Häfen sind den massenhaft außerplanmäßig anlaufenden Schiffen und den in kurzer Zeit umzuschlagenden Mengen an Boxen nicht mehr gewachsen", so Vinnen. Erhebliche Abfertigungsprobleme an der US-Westküste, der Ostküste, aber auch zunehmend in den Häfen in Nordeuropa sorgten für einen erheblichen Rückstau von Schiffen, die vor den Häfen auf Reede liegen und auf ihre Abfertigung warten. Das strenge Corona-Regime in China mit strikten Lockdowns und Hafenschließungen für mehrere Wochen verschärft die Situation erheblich. "Schätzungen gehen davon aus, dass in den letzten zwölf Monaten durchgehend elf bis 14 Prozent der weltweiten Kapazität in der Containerschifffahrt durch wartende Schiffe gebunden waren und sind."

Die Containerschifffahrt ziehe auch die Märkte der Bulkschifffahrt sowie der Multipurpose- und Schwergutschifffahrt ebenfalls nach oben. Etliche Kapazitäten auch in der Massengutfahrt seien aber aufgrund der Abfertigungsprobleme in den chinesischen Häfen gebunden, so Vinnen. Die Multipurpose- und Schwergutschifffahrt profitiere derzeit besonders von den hohen Energiepreisen, die für viele Investitionsaktivitäten in der Erdöl- und Gasgewinnung sorgten.

Die Tankschifffahrt, gerade auch die Produktentanker, von denen etliche in Bremen betrieben würden, bewegten sich über zwei Jahre in einem äußerst schwierigen Marktumfeld. Mit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine und den damit einhergehenden Verwerfungen auf den Energiemärkten sei die Nachfrage sprunghaft angestiegen, so Vinnen. Solche Tanker, die Erdölprodukte, leichte Chemikalien und pflanzliche Öle transportieren, könnten jetzt auskömmliche Raten erzielen. "Das neue Marktgleichgewicht wird voraussichtlich auch nach einem hoffentlich baldigen Ende des Krieges anhalten, sodass die Reeder die Möglichkeit bekommen, die Verluste der vergangenen beiden Jahre langsam aufzuholen."

Die Bremer Handelsflotte umfasst nach Angaben des Rhedervereins etwa 240 Schiffe. Die Multipurpose- und Schwergutschiffe wie auch die Tankschiffe haben jeweils einen Anteil von mehr als 25 Prozent. Die Containerschiffe machen knapp 15 Prozent aus. Die Bulker sind mit knapp zehn Prozent vertreten. Mitgezählt sind etliche Assistenzschlepper und einige Forschungsschiffe, die das Profil des Tonnagemix abrunden.

Zur Sache

Vorstandswahlen beim Rhederverein

Die Mitglieder des Bremer Rhedervereins wählten Dirk Rogge und Joachim Zeppenfeld erneut in den Vorstand. Zusätzlich ist Björn Hollnagel in den Vorstand berufen worden. Die ordentliche Mitgliederversammlung hat außerdem Michael Vinnen als Vorsitzer bestätigt; Dirk Rogge wurde zum neuen stellvertretenden Vorsitzer ernannt. Der Vorstand setzt sich nun wie folgt zusammen: Michael Vinnen (Reederei F. A. Vinnen), Dirk Rogge (D. Oltmann Reederei), Björn Hollnagel (Bremen Overseas Chartering and Shipping), Ralf Reinhardt (Reederei Horst Zeppenfeld) und Joachim Zeppenfeld    (Bremer Bereederungsgesellschaft).

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