Dubioser Lebensversicherungsfonds

Bremer Sparkassen-Kunde kämpft um sein Geld

Bremen. Ein Bremer Sparkassen-Kunde fühlt sich beraten und verkauft. Er hat vor vier Jahren, vermittelt über seinen Berater, Anteile an einem Lebensversicherungsfonds gekauft. Nun droht ihm der Verlust des Kapitals.
03.09.2011, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Annemarie Struss-v. Poellnitz
Bremer Sparkassen-Kunde kämpft um sein Geld

Die Sparkasse Bremen hat ihren Kunden offenbar dubiose Lebensversicherungsfonds eines Fremdanbieters vermittelt.

Jochen Stoss

Bremen. Manfred Schmidt (Name von der Redaktion geändert) hat im Herbst 2007 für 30.000 Euro Anteile eines Lebensversicherungsfonds mit der Bezeichnung Life Trust 11 gezeichnet. Vermittelt wurde der Vertrag von der Sparkasse Bremen. Der Fonds hat sich nicht so entwickelt wie geplant. Versprochene jährliche Rückflüsse sind nicht erfolgt. Jetzt droht sogar der Verlust des eingelegten Kapitals. Manfred Schmidt verlangt von der Sparkasse die Rückabwicklung des Vertrages. Begründung: Sie habe ihn nicht über die volle Höhe der Provisionen aufgeklärt. Deshalb sei der Vertrag unter falschen Voraussetzungen zustande gekommen.

Manfred Schmidt ist seit 55 Jahren Kunde der Sparkasse Bremen. Er will 30.000 Euro sicher anlegen. Sein langjähriger Sparkassenberater R., dem er vertraut, sagt ihm, es gebe eine interessante Anlagemöglichkeit mit hoher Rendite. Er bittet seinen Kollegen Th. von der Sparkassen-Tochterfirma Nordwest Finanz (nwf) hinzu, die auf Vermögensberatung spezialisiert ist. Th. empfiehlt Manfred Schmidt den Kauf von Anteilen des BAC Life Trust 11. Er erläutert ihm kurz, worum es geht (siehe unten). Schmidt sagt, er habe davon schon mal gehört und könne sich das vorstellen. Er geht mit einem 138 Seiten dicken Verkaufsprospekt nach Hause.

Im Prospekt stehen Sätze wie "Sicher und renditestark anlegen - mit dem US-Policenfonds der nächsten Generation" (auf Seite 2). Versprochen werden eine "hohe Verfügbarkeit durch regelmäßige Rückflüsse ab dem Jahr 2009" sowie "prognostizierte Rückflüsse von durchschnittlich 19,3 Prozent p.a. der Einlage nach Steuer". Selbstverständlich sei keine Anlage zu 100 Prozent frei von Risiken, der Fonds sei aber so konzipiert, dass er Unwägbarkeiten entscheidend reduziere.

Wenige Tage später unterzeichnet Manfred Schmidt die Beitrittserklärung zum Fonds. Generalvertreiber des Fonds ist die Berlin Atlantic Capital AG (BAC). Die Fondsanteile werden von der Bock-Treuhand, ebenfalls Berlin, verwaltet. Schmidt überweist 30.000 Euro für die Fondsanteile plus 1500 Euro Agio (Aufschlag), das die Sparkasse als Kapitalvermittler erhält. Dass die Sparkasse von der BAC zudem eine Rückvergütung für die Vermittlung des Vertrages erhält, erfährt er erst sehr viel später, und jedenfalls nicht von der Sparkasse. Während die Sparkasse an Agio und Rückvergütung in jedem Fall verdient, merkt Manfred Schmidt erst ein gutes Jahr später, dass er ein schlechtes Geschäft gemacht hat.

Bis zu 30 Prozent jährlich

Ab 2009 sollen die Anleger laut Prospekt jährlich Rückflüsse aus den vom Fonds erworbenen Policen in Höhe von 6,1 Prozent bis 29,7 Prozent ihres eingelegten Kapitals erhalten. Aber der BAC Life Trust 11 ist - wie ähnliche Fonds auch - in Schwierigkeiten geraten. Die versprochene jährliche Rendite bleibt aus, und bald macht sich Schmidt auch um den teilweisen oder völligen Verlust seiner Ersparnisse Sorgen.

Er wendet sich zunächst an die Sparkasse, aber die schickt nur ein allgemeines Schreiben, das künftige Schicksal des Fonds sei noch nicht klar, man müsse abwarten. Doch Schmidt fürchtet um sein Geld. Er wendet sich an eine Rechtsanwaltskanzlei, die sich auf Sammelklagen für Bankgeschädigte spezialisiert hat.

Dort erfährt er, dass die Sparkasse ihn nicht nur über die fünf Prozent Agio, sondern auch über die zusätzliche Provision - die Anwälte sprechen von drei Prozent -, die sie von dem Fondsanbieter erhält, hätte aufklären müssen. Damit sei er bei Abschluss des Vertrages von falschen Voraussetzungen ausgegangen und er habe Anspruch auf Rückabwicklung des Vertrages. Er müsse finanziell wieder so gestellt werden, als habe er den Vertrag nie abgeschlossen, also die 30000 Euro plus 1500 Euro Agio zurückerhalten.

Manfred Schmidt erfährt auch, dass sein Fall kein Einzelfall ist. In ganz Deutschland sollen laut Anwaltskanzlei Hahn, die ihn jetzt vertritt, 30.000 Anleger betroffen sein. In Bremen seien bisher nur Kunden der Sparkasse bekannt. Etwa 50 Interessierte seien zu einer Informationsveranstaltung erschienen. Schmidt sieht sich als Opfer einer falschen Beratung der Sparkasse. Hätte er gewusst, wie viel die Sparkasse an dem Abschluss verdient, hätte er sich gefragt, ob er wirklich in seinem Interesse beraten wurde oder ob es der Sparkasse vor allem um die hohe Provision gegangen sei.

Auch die Sparkasse sieht sich als Opfer - einer Kampagne geschäftstüchtiger Anwälte. Die in Finanzkreisen bekannte Sozietät wolle mit dem Fall Schmidt über die Presse erstens Aufmerksamkeit erregen und so weitere Mandanten gewinnen, und zweitens Druck ausüben, damit die Sparkasse aus Angst vor einem Imageschaden bereit sei, auf eine gerichtliche Auseinandersetzung zu verzichten und einen Vergleich anzubieten, sagt die Sparkassensprecherin. Aus ihrer Sicht, ohne Kenntnis von Details, da der Kunde nicht bereit sei, seinen Namen zu nennen, sei die Beratung vorschriftsmäßig gewesen: Der Kunde will 30.000 Euro anlegen. Ihm wird der Life Trust Fonds empfohlen. Er wird über die fünf Prozent Agio aufgeklärt. Er erhält ordnungsgemäß den 138 Seiten dicken Verkaufsprospekt, in dem Sätze stehen wie "Die tatsächlichen finanziellen Ergebnisse könnten erheblich von den prognostizierten Zahlen abweichen und einen hohen Verlust, bis zum Totalverlust (max. Risiko) nach sich ziehen" (Seite 11).

Hingewiesen wird auch auf das sogenannte Langlebigkeitsrisiko, das Risiko, dass die Prognose für die Lebenserwartung des ursprünglichen Versicherungsnehmers zu niedrig eingeschätzt wurde.

In einer schriftlichen Stellungnahme der Sparkasse heißt es später: "Die Sparkasse Bremen berät stets anleger- und anlagegerecht. Das heißt, sie informiert Kunden insbesondere auch über die jeweiligen Produktrisiken. Das ist auch in den BAC-Life-Trust-Fällen geschehen." Die Höhe der Provisionen nennt die Sparkasse auch auf Nachfrage nicht. Sie teilt nur mit: "Grundsätzlich sind die Erträge aus der Vermittlung von BAC-Life-Trust-Fonds vergleichbar mit den Erträgen aus anderen Geldanlagen mit gleicher Laufzeit." Ein ganz normales, seriöses Geschäft also?

Nach Angaben der Anwälte hat ein BAC-Mitarbeiter bestätigt, dass für die Vermittlung der Verträge an die Sparkasse insgesamt acht Prozent an Provision geflossen sind, neben den fünf Prozent Agio weitere drei Prozent. "Eine vergleichbare Provision von acht Prozent als Einmalprovision gibt es für andere Produkte mit einer Laufzeit von sieben bis acht Jahren nur auf dem grauen Kapitalmarkt", sagt Thomas Mai, von der Verbraucherzentrale Bremen.

Aus dem Prospekt könne der Anleger von sich aus nicht erkennen, welche Summe an die Sparkasse fließe und aus welchen Bestandteilen die Rückflüsse sich zusammensetzten. Aus der Prognose über die Mittelverwendung (Seite 63 des Prospektes) gehe hervor, dass lediglich etwa 80 Prozent des eingesammelten Kapitals für den Kauf von Policen verwendet würden. Die restlichen 20 Prozent seien sogenannte weiche Kosten für Provisionen und Verwaltung. "Aus dem Prospekt kann das aber selbst ein Anleger mit gewissen Vorkenntnissen nicht ohne Weiteres entnehmen", sagt der Verbraucherschützer. Durch die hohen Nebenkosten müsse der Fonds erstmal 25 Prozent des eingesetzten Kapitals verdienen, bevor die Anleger überhaupt eine Rendite bekämen. Das Produkt sei wegen seiner Konstruktion schwer zu durchschauen. In jedem Fall aber hätte die Sparkasse dem Kunden gegenüber sämtliche Provisionen offenlegen müssen.

Seit der Finanzkrise, die gerade Kleinanlegern hohe Verluste durch den Erwerb komplizierter Finanzprodukte beschert hatte, wurde die Rechtsprechung deutlich verschärft, zum Teil auch rückwirkend. So hat der Bundesgerichtshof (BGH) in einem Beschluss vom 20. 1. 2009 (Az.: XI ZR 510/07) klargestellt, dass Anlageberater auch beim Verkauf geschlossener Fonds die Rückvergütungsgebühren (die Kickbacks oder Innenprovisionen) offen legen müssen. Gestritten wird darüber, für welche Art von Kapitalbeteiligungen das im Einzelfall gilt.Das Geschäft ist kompliziert geworden, für Käufer und Verkäufer, und man darf vermuten, dass oft beide Seiten nicht wirklich wissen, was sie tun.

Die Anwälte von Manfred Schmidt wollen sich auf die versteckten Provisionen konzentrieren - nicht zuletzt deshalb, weil der Anbieter des Fonds, die BAC, schwer zu greifen ist. Also hält man sich an die Sparkasse. Wäre der Fonds gut gelaufen, hätte Manfred Schmidt an die Höhe der Provision vermutlich keinen Gedanken verschwendet. Gegen das Produkt als solches, das vom möglichst frühen Auslaufen der gekauften Policen - in der Regel durch den Tod des Versicherungsnehmers - profitiert, hat er keine Bedenken. Noch hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich seine Anlage doch noch rentiert. Bisher sei noch keine einzige Police fällig geworden, sagt er, aber das könne sich auch sehr schnell ändern.

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