Ärger um hohe Dispo-Zinsen

Bremer SPD-Politiker wirft Banken Abzocke vor

Bremen. Wenn das Konto ins Minus rutscht, wird es für Bankkunden teuer. Bis zu 14 Prozent und mehr kann der Überbrückungskredit betragen. Verbraucherschützer und Politiker fordern gesetzliche Obergrenzen.
20.07.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer SPD-Politiker wirft Banken Abzocke vor
Von Petra Sigge
Bremer SPD-Politiker wirft Banken Abzocke vor

Carsten Sieling

Frank Koch

Bremen. Wenn das Konto ins Minus rutscht, wird es für Bankkunden teuer – zu teuer, wie eine Studie im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums gestern ergab. Bis zu 14 Prozent und mehr kann der Überbrückungskredit betragen. Ministerin Ilse Aigner drängt die Branche zu mehr Transparenz. Verbraucherschützer und Politiker fordern dagegen gesetzliche Obergrenzen.

Es ist verlockend einfach. Wenn Bankkunden ihr Girokonto überziehen, bekommen sie einen kleinen Kredit ganz ohne Extraformalitäten. Doch der Preis der Flexibilität ist hoch – mit zweistelligen Dispozinsen bis 14 Prozent und mehr sogar entschieden zu hoch. Dagegen bekommen die Banken ihr Geld seit Jahren sehr günstig: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins, zu dem sich Banken Geld beschaffen können, von 4,25 Prozent im Jahr 2008 bis auf das historische Tief von 0,75 Prozent Anfang Juli 2012 gesenkt. Doch die Kunden haben davon wenig. Die günstigen Konditionen würden von den Banken nicht weitergeben, rügen Kritiker.

Einer von ihnen ist der SPD-Finanzexperte Carsten Sieling. Der Bremer ist Mitglied des Finanzausschusses im Deutschen Bundestag und wirft den Banken geschäftsmäßige Abzocke vor. "Das Ergebnis der Studie zeigt eine weitere Fehlentwicklung auf dem deutschen Bankenmarkt. Offensichtlich setzen die deutschen Banken auch nachgewiesenermaßen weiter auf das Geschäftsmodell Dispozinsen-Abzocke", sagte Sieling dem WESER-KURIER. "Das ist ein Skandal und ein Schlag in das Gesicht der Verbraucherinnen und Verbraucher."

Regierung soll Konsequenzen ziehen

Mit durchschnittlichen Sätzen von 12,4 Prozent würden in Deutschland europaweit mit die höchsten Dispozinsen verlangt. Teilweise würden doppelt so hohe Zinsen wie in anderen europäischen Ländern fällig. "Mit diesen Fakten muss selbst die Bundesregierung eingestehen: Die Abzocke findet ohne jegliche Rechtfertigung statt", sagte Sieling. "Weder sind Dispokredite, wie von den Banken stets behauptet, mit höherer Ausfallwahrscheinlichkeit als normale Kredite behaftet, noch rechtfertigt ein angeblich hoher Verwaltungsaufwand der Banken diese Mondtarife."

Auch die Verbraucherzentrale Bremen (VZ) hält die Praxis der Banken für unangebracht. "Tatsache ist, dass die Kreditinstitute sich noch nie so günstig Geld leihen konnten wie heute, diesen Vorteil aber nicht an die Verbraucher weitergegeben wird", sagt Geschäftsführerin Irmgard Czarnecki. Der Abstand zwischen der Höhe der Dispo-Zinsen und dem Leitzins sei zu hoch. Ein Zinssatz, den die Verbraucherschützer für akzeptabel halten, müsste zwischen fünf und sieben Prozent liegen. "Und da würden die Banken immer noch dabei verdienen", sagt Czarnecki. Zumal das von Aigner vorgelegte Gutachten belege, dass das Ausfallrisiko bei Überziehern nicht größer ist als bei anderen Kreditnehmern. "Dieses Argument, das von den Banken immer als Grund für die höheren Zinsen angeführt wird, ist also nicht stichhaltig", erklärt die VZ-Geschäftsführerin.

Über die Konsequenzen der Studie tobt nun ein heftiger Disput. Die SPD-Bundestagsfraktion fordert laut Sieling seit Monaten von der Bundesregierung, gegen die Dispo-Problematik vorzugehen. Die bestehenden gesetzlichen Regelungen reichten nicht aus. "Unfassbar ist, dass Ministerin Aigner in ihren ersten Stellungnahmen keine der konkreten Handlungsempfehlungen aus der Studie aufgreift", sagt Sieling. "Die Bundesregierung muss endlich prüfen, wie Banken dazu verpflichtet werden können, billig geliehenes Geld auch günstig weiterzugeben. Ein Korridor von fünf bis acht Prozent erscheint angemessen. Zinsen über zehn Prozent sind nicht weiter tragbar. Die Koalition macht sich damit zum Handlanger der Banken und verspielt weiter jeden Kredit."

Die Verbraucherministerin lehnt gesetzliche Regelungen ab, dringt vielmehr auf faire Konditionen, Transparenz und mehr Wettbewerb. Damit sei den Betroffenen aber nicht geholfen, sagt Czarnecki. "Leuten, die wenig verdienen und jeden Monat ihr Konto überziehen, bringt es nichts, wenn man ihnen empfiehlt, die Konditionen zu vergleichen und die Bank zu wechseln. Die kommen da doch gar nicht raus, solange sie ihr Konto überzogen haben."

Diese Meinung teilt auch Wolfgang Schönecker. Der Ex-Banker betreibt heute eine selbstständige Honorarberatungsgesellschaft. "Ein Bankkunde hat keine Chance, aus der Dispo-Schleife zu entkommen", sagt er. "Wo soll er auch hingehen? In dem Bereich gibt es keinen Wettbewerb." Banken rät er, sich die aktuelle Situation zu eigen zu machen. "Institute, die ihren Kunden beim Dispo entgegenkommen, können etwas für ihr Image machen."

Czarnecki sieht ebenfalls das Problem der Dispo-Schleife. Viele Banken weigerten sich nämlich, das überzogene Konto in einen günstigeren längerfristigen Kredit umzuwandeln. "Im Grunde bereichern sich die Kredithäuser hier an den Wehrlosesten unter ihren Kunden", sagt die Verbraucherschützerin. Um die Verbraucher wirksam zu schützen, sei eine gesetzliche Deckelung der Zinshöhe nötig.

Ulf Brothuhn, Vorstandsmitglied der Bremischen Volksbank, nennt die Diskussion populistisch. "Die gesamte Debatte unterstellt ein weiteres Mal, dass es Banken nicht gestattet ist, Gewinne zu machen", sagt er. Und Gewinn mache eine Bank tatsächlich erst oberhalb eines Dispo-Zinses von zehn Prozent. Selbstkritisch räumt er ein, dass man Kunden zu wenig über Möglichkeiten aufkläre, die es rund um das Konto gebe. "Das müssen wir ändern."

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