Krümelfreie Brötchen

Bremer Start-up entwickelt Backautomaten fürs Weltall

Frische Brötchen oder frisches Brot zum Frühstück – auf der Erde nichts Ungewöhnliches. Für Astronauten im Weltraum stehen solche Backprodukte nicht auf der Speisekarte – noch nicht.
11.07.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Bremer Start-up entwickelt Backautomaten fürs Weltall
Von Peter Hanuschke
Bremer Start-up entwickelt Backautomaten fürs Weltall

Mit einer Fotomontage werben die Gründer von Bake in Space für ihre Weltraum-Backofen-Idee.

Illustration: Bake in Space

Denn es handelt sich voraussichtlich nur noch um Monate, bis das Bremer Start-up Bake in Space seinen ersten weltraumtauglichen Backofen entwickelt und seine erste weltraumgeeignete Teigmischung zusammengestellt hat. Motto des Projekts: „Frische Brötchen für die Astronauten“ – zunächst testweise auf der Internationalen Raumstation (ISS) und später auf Langzeitmissionen von morgen bis zum Mond und weiter.

Dass es sich bei diesem Projekt nicht um eine Filmpassage einer Science-Fiction-Komödie wie Spaceballs von Kultregisseur Mel Brooks handelt, sondern der Plan tatsächlich ernsthaft verfolgt wird, zeigt die Verleihung des Inno-Space-Masters-Awards, den das junge Unternehmen für seine Weltraum-Brötchen erst kürzlich bei der Esa-Bic-Start-up-Challenge in Berlin erhalten hat. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Esa Bic Darmstadt – eines von zwei deutschen Business Incubation Centre (BIC) der Europäischen Weltraumorganisation Esa, die Unternehmen auf den Weg der Existenzgründung und weiter bringen wollen.

Noch in der Designphase

Die Bake in Space GmbH existiert bereits seit einem Jahr und besteht derzeit aus zwei Personen. Einen Backautomaten gibt es noch nicht, gleiches gilt für die Teigmischung. Dennoch ist Geschäftsführer Sebastian Marcu zuversichtlich, dass beides rechtzeitig fertig sein wird. Rechtzeitig heißt in diesem Fall, bis zur nächsten Mission des deutschen Esa-Astronauten Alexander Gerst, die Ende April 2018 zur Internationalen Raumstation ISS starten soll. Denn dann soll der Backofen in 400 Kilometern Höhe an Bord der ISS in Schwerelosigkeit getestet werden. „Wir sind in Absprache mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt für diese ISS-Mission als Experiment in der Base-Line“, so Marcu.

Auch wenn man im Büro von Bake in Space – es ist im Bremer Innovations- und Technologiezentrum in der Fahrenheitstraße untergebracht – vergeblich nach einem Backofen-Modell oder Backmischkulturen in Reagenzgläsern sucht, ist Marcu überzeugt, den „sportlichen Zeitrahmen“ einhalten zu können: „Wir befinden uns in der sogenannten Designphase.“

Und bei der Umsetzung des Projekts hat Bake in Space namhafte Partnerunternehmen an der Seite: Die Hardware, eine Box, in die der Backofen kommt, wird bei OHB gefertigt. Der Bremer Raumfahrtkonzern hatte zum zweiten Mal den Inno-Space-Masters-Awards unterstützt. OHB begleitet in diesem Zusammenhang den Challenge-Sieger unter anderem mit umfangreichen Beratungsleistungen und hilft beim Erstellen eines Geschäftsplans. „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Ideen und kreativen Köpfen, die unsere ohnehin sehr innovationsgesteuerte Branche noch bereichern“, erklärt OHB-Vorstand Fritz Merkle das Engagement beim Inno-Space-Masters-Awards.

Das zweite Partnerunternehmen, das TTZ Bremerhaven, ist für die Software, also die richtige Mixtur des Weltraum-Teigs, zuständig. Das TTZ ist ein unabhängiger Forschungsdienstleister, der in den Bereichen Lebensmittel und Ressourceneffizienz arbeitet. Besondere Herausforderung an die TTZ-Forschungsabteilung: Die Brötchen dürfen nicht krümeln. Krümel seien an Bord der ISS oder eines anderen Raumschiffes „absolutes Tabu“. Denn sie könnten sich leicht durch die Schwerelosigkeit verbreiten und hochsensible Geräte maßgeblich beeinträchtigen.

Jeder Sauerteig schmeckt anders

„Wir setzen übrigens auf Sauerteig“, so Marcu im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Und der spielt beim Geschäftsmodell von Bake in Space eine besondere Rolle. „Es reicht nicht aus, in den nächsten Jahren Backautomaten zu verkaufen – so viele bemannte Missionen gibt es nicht, um damit Geld zu verdienen.“ Vielmehr will das Unternehmen unter anderem später einmal seinen Weltraum-Sauerteig kommerzialisieren. „In einer weiteren Mission, die 2020 oder 2021 starten soll, werden wir den Sauerteig an Bord der ISS bringen.“ Und da bekanntlich Sauerteig als Treibmittel Bakterien aus der Umgebung aufnehme, schmecke jeder Sauerteig anders. „Unser Sauerteig nimmt Bakterien in der Schwerelosigkeit im All auf – das ist etwas ganz Besonderes.“ Und genau mit dieser Sauerteig-Grundkultur, die auf der ISS entsteht, will Bake in Space später auf der Erde Geld verdienen. „Die Grundkultur kommt zurück und wir werden sie vervielfachen und fürs Brötchen- und Brotbacken in Kombination mit dem Copyright-Logo von Bake in Space vermarkten.“ Außerdem will „Bake in Space“ künftig auch anderen Unternehmen Backzeiten zum Experimentieren im Weltraum anbieten.

Allerdings muss dafür zunächst noch ein weiterer Partner gefunden werden. „Wer den eigentlichen Backofen baut, steht noch nicht ganz fest, aber wir sind optimistisch, dass wir in Kürze einen Erfolg vermelden können.“ Schließlich sei es für jeden Hersteller eine große Herausforderung, in Kombination mit der Box von OHB einen weltraumqualifizierten Backofen zu entwickeln. Das ließe sich marketingmäßig sicherlich sehr gut nutzen.

Bewusst für Brot entschieden

Weltraumqualifiziert bedeute unter anderem, dass die gesamte Einheit gegen Feuer abgesichert sei. „Aus diesem Grund dürfen auch keine Außenflächen heißer als 45 Grad werden, also im Bereich der Touch-Temperatur bleiben“, so Marcu. „Außerdem dürfen wir da oben nicht Vorheizen. Denn sonst könnte beim Öffnen des Backofens eine Heißluftblase austreten, die durch die Schwerelosigkeit in der ISS bestehen bleibt.“ Dadurch und durch den Umstand, dass auf der ISS fürs Backen nur etwa 250 Watt zur Verfügung stünden – auf der Erde habe man dafür die zehnfache Energie – verlängere sich natürlich die Backzeit. Deswegen müsse man beim Backvorgang mit Wasser hantieren, damit die Teiglinge nicht vertrocknen.

Dass gerade Brot oder Brötchen im All entstehen sollen, liegt für Marcu auf der Hand: Mit Brot verbinde man ein Stück Heimat – und das sei gerade für längere Missionen nicht unerheblich. Brot gebe es seit über 10 000 Jahren. Brot sei in der Gesellschaft verankert. Brot habe es im Vaterunser in die Religion geschafft – „Unser täglich Brot gib uns heute“ – ebenso tauche es durch die Redensart „Brot-und-Butter-Geschäft“ im Wirtschaftsleben auf. Und schließlich sei Brotbacken mit über 2300 verschiedenen Sorten eine deutsche Kernkompetenz. „Es wäre doch schade, wenn das nicht genutzt wird und stattdessen die Amerikaner Weißbrot im All herstellen würden.“

Die Idee mit dem Brot fürs All kam von seinem Kollegen und Raumfahrtingenieur Neil Jaschinski. „Der lebt in den Niederlanden, und zwar an einem Ort, wo er keinen Zugang zu frischem Brot hat.“ Das habe ihn ziemlich genervt, wobei sich das etwas abschwächte, weil er sich vorstellte, wie es wohl Astronauten gehen müsste, die Monate oder in Zukunft vielleicht Jahre unterwegs seien – ohne Brot und Brötchen. „Die Idee für Bake in Space war geboren.“ Am Ende gehe es um das Wohlbefinden von Menschen im Weltraum, so Marcu. Dafür seien mehrere Dinge notwendig, Brot sei eines davon. Ein Grundgedanke von Bake in Space sei außerdem, Raumfahrt viel stärker mit Bereichen der Nicht-Raumfahrt zusammenzubringen. Beide Seiten könnten voneinander noch viel stärker profitieren, ist Marcu überzeugt.

Bereits für die Esa im Einsatz

Die Muttergesellschaft von Bake in Space ist Design & Data – ein Unternehmen, das sich auf Kommunikationskonzepte für die Luft- und Raumfahrtbranche spezialisiert hat. Dort ist auch der 42-jährige Marcu seit sechs Jahren beschäftigt: „Ich habe unter anderem eine Cartoon-Serie für die Esa-Weltraummission Rosetta entwickelt. Die Mission hatte die Erforschung des Kometen Tschurjumow-Gerassimenko zum Ziel.“ Zuvor war Marcu, der einen Master in Medieninformatik hat, ab 2003 für die Esa tätig und kümmerte sich darum, die Astronauten in der öffentlichen Wahrnehmung noch präsenter zu machen. „Generell ist es für mich auch immer ein Thema, Dinge, die den Weltraum betreffen, vermenschlicht rüberzubringen.“

Vermenschlicht im übertragenen Sinne wurde auch bereits Bake in Space: Das Unternehmen hat es in die US-Late-Night-Show Jimmy Kimmel geschafft. Und der Moderator sprach nicht nur über Brötchen im Weltall, die Idee wurde auf Science-Fiction-Basis sogar – etwas verfremdet – verfilmt und in der Sendung gezeigt: Allerdings war da ein Weißbrot zu sehen.

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