Ein Kaufmann in der Neustadt schreibt beliebten Blog

Bremer Supermarkt erobert das Internet

Bremen. Menschen aus ganz Deutschland kennen seinen Supermarkt, ohne je in Bremen gewesen zu sein: Der Inhaber eines 24-Stunden-Spar-Markts in der Neustadt schreibt einen Internet-Blog. 30.000 Menschen klicken täglich das Online-Logbuch des Bremer Kaufmanns an.
18.02.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Supermarkt erobert das Internet
Von Sara Sundermann

Bremen. Menschen aus ganz Deutschland kennen seinen Supermarkt, ohne je in Bremen gewesen zu sein: Der Inhaber eines 24-Stunden-Spar-Markts in der Neustadt schreibt eines der meist gelesenen deutschen Blogs. 30 000 Menschen klicken täglich das Online-Logbuch des Kaufmanns Björn Harste an. Sie beraten ihn bei Alltagsfragen und lesen seine Anekdoten über 'Saturday Night Fever' im Supermarkt, Trommelwirbel auf der Tiefkühltruhe, ertappte Ladendiebe und Freaks nach Mitternacht.

Für viele Menschen ist Björn Harste ' der Shopblogger' und beinahe eine Instanz: Manche klicken sein Blog stündlich an, und immer wieder kommen Stammleser aus allen Teilen Deutschlands extra in die Neustadt. 'Die machen einen kleinen Abstecher von der A1', sagt Harste. Dann werfen sie einen Blick auf die Regalreihen, die sie schon aus den Fotos des Blogs kennen. Ein eigens angereister Stammleser aus Süddeutschland ließ sich von dem Shopblogger sogar eine Tafel Schokolade signieren.

'Es ist ein Supermarkt', kommentiert Harste schlicht und zuckt die Achseln. Bei seinen Blog-Einträgen geht es nicht um weltbewegende Themen, sondern um kleine Begebenheiten des Alltags: Er erzählt von dem Ladendieb, der es auf einen kompletten Regalbestand an Billigrasierern abgesehen hatte, von der Kundin im Lack und Leder-Outfit, oder er stellt Fotos aus dem Inneren des siffigen Flaschenautomaten online.

Sekundenkleber für einen Zahn

Er ist ein Beobachter, der sich darin übt, Diebe schon vor dem Diebstahl zu erkennen und ein Erzähler, der aufschreibt, worüber er sich wundert. Er macht sich nicht über seine Kunden lustig - eher kratzt er sich schriftlich am Kopf, immer wieder aufs Neue erstaunt über die Eigenarten seiner Mitmenschen. Zum Beispiel, als ein Kunde tatsächlich Sekundenkleber kaufen wollte, um einen abgebrochenen Schneidezahn anzukleben.

'Die Idee, diese Dinge aufzuschreiben, war schon sehr früh da', sagt Björn Harste, 'aber ein Buch wäre irgendwie das falsche Medium gewesen.' Dann gab es irgendwann Blogs: Immer mehr Menschen berichteten im Netz von ihrem Alltag. 'Die Seite eines bloggenden Rechtsanwaltes war die Inspiration', erzählt der 36-jährige Kaufmann. 'Von einer Sekunde auf die andere wusste ich: Das mache ich auch!'

Fünf bis zehn Einträge schreibt er nun täglich in seinem kleinen Hinterzimmer neben dem Getränkelager. 'Privat besitze ich gar keinen Computer', sagt Harste und lacht. Fast 10000 kurze Texte sind in den fünf Jahren entstanden, seit er bloggt. Zu jedem Eintrag erhält er zehn bis 15 Kommentare von Lesern, die ihm zu lustigen Geschichten gratulieren oder Tipps geben.

Insbesondere schicken ihm viele Menschen Fotos von Spar-Märkten in aller Welt, die der Kaufmann dann in seinem Blog veröffentlicht. Das ist ein schönes Gefühl für den Shopblogger: 'Man ist in den Köpfen der Leute - die sind unterwegs und denken an mich.' Das Blog hat sein Leben ein Stück weit verändert: 'Ich habe gelernt, fremde Menschen um Hilfe zu fragen', findet er. 'Wenn mich jetzt ein Problem beschäftigt, zum Beispiel, wie ich die Beleuchtung im Laden verbessern könnte, dann stelle ich einfach die Frage meinen Lesern im Blog.'

Das Bloggen erweitert Harstes beruflichen Horizont, seinen Umsatz hat es nicht gesteigert. 'Eher habe ich vielleicht ein paar Kunden vergrault, weil ich so ungeschönt schreibe', sagt Harste schmunzelnd. Auch nach 16 Jahren im Einzelhandel hat er noch Spaß an seiner Arbeit. Besonders die Nachtschicht am Sonnabend mag er. 'Da kommt das ganze Partyvolk, das muss man mal erlebt haben', meint er. 'Nachts ticken die Leute ganz anders, haben gute Laune und machen Quatsch.' Dann lässt Harste in seinem Sparmarkt ein bisschen Trance-Musik laufen.

Die Nacht ist aber auch die Zeit der Freaks, die schon mal anstrengend sein können. Doch viele sind für den Sparmarkt-Besitzer 'einfach positiv verrückt'. So kam einmal eine Gruppe junger Leute in den Supermarkt und begann urplötzlich, wie auf Kommando rasante Trommelwirbel auf den Tiefkühltruhen zu spielen. Da war selbst der Shopblogger verdutzt: 'Es gab für mich zuerst nur eine Erklärung', sagt Björn Harste, 'die wollten ins Blog.'

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