Längere Laufzeiten für Atomlaufzeiten Bremer swb erkennt Chancen

Bremen. Durch die Einigung auf längere Laufzeiten für Atomkraftwerke erwarten die Stadtwerke massive Einbußen und fordern deshalb Entschädigungen. Bei der Bremer swb dagegen erkennt man im neuen Konzept auch Chancen.
08.09.2010, 06:00
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Bremer swb erkennt Chancen
Von Petra Sigge

Bremen. Durch die Einigung auf längere Laufzeiten für Atomkraftwerke erwarten die Stadtwerke massive Einbußen und fordern deshalb Entschädigungen. Sie sehen ihre Investitionen in umweltfreundliche Energieerzeugung gefährdet. Bei der Bremer swb dagegen erkennt man im neuen Konzept auch Chancen.

Union und FDP hatten beschlossen, die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke um durchschnittlich zwölf Jahre zu verlängern. Bis 1980 gebaute Akws sollen acht Jahre länger laufen, neuere 14 Jahre. Im Gegenzug sollen die Akw-Betreiber neben der bereits beschlossenen Brennelementesteuer in den kommenden Jahren insgesamt rund 15 Milliarden Euro für den Ausbau erneuerbarer Energien zahlen.

'Als Energieversorger mit eigener Stromproduktion freuen wir uns vor allem über den Part im Energiekonzept, der die Erneuerbaren beinhaltet', sagte gestern swb-Vorstandschef Schoeber. Mit diesem Rahmen sei der Weg für einen modernen Ausbau der Energieerzeugung und -verteilung geebnet. 'In diesem Kontext sehen wir einen guten Markt für unser geplantes Gas- und Dampfturbinenkraftwerk und die Erweiterung der Nutzung von Windkraft.'

Mit deutlicher Kritik reagierten dagegen die Stadtwerke-Verbände. Der Kompromiss werde die städtischen Versorger mit 4,5 Milliarden Euro belasten, sagte der Vorsitzende der Stadtwerkevereinigung 8KU, Albert Filbert. Die Auslastung des Kraftwerksparks der städtischen Unternehmen sinke durch die längeren Laufzeiten deutlich. Durch die Vorfestlegungen der Koalition werde die 'Marktmacht der großen Konzerne zementiert', warnte Stephan Weil, Präsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU). Die Bundesregierung riskiere, 'dass viele der kommunalen Investitionen in den Ausbau der erneuerbaren Energien und neuer hocheffizienter Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen nicht mehr getätigt werden.'

Nach Angaben eines VKU-Sprechers beläuft sich die Gesamtinvestitionssumme auf rund zwölf Milliarden Euro. Ein Teil der Anlagen sei bereits fertiggestellt oder gerade im Bau. Alle Vorhaben, die demnächst oder mittelfristig geplant gewesen seien, müssten jetzt auf den Prüfstand gestellt werden. Bei den Ausbauplänen sei man davon ausgegangen, dass in den nächsten Jahren 20000 Megawatt vom Netz gehen. 'Die Frage ist, ob sich die Investitionen wirtschaftlich überhaupt noch rechnen, nachdem sich jetzt die Rahmenbedingungen geändert haben', so der Sprecher.

Im Moment versorgten die Stadtwerke zwar mehr als die Hälfte aller deutschen Haushalte, erzeugten selbst aber nur zehn Prozent des Stroms. Sie seien also in erster Linie Zwischenhändler. Um die Zukunftsfähigkeit und Ertragskraft der kommunalen Unternehmen zu stärken, ist aus Sicht des VKU ein Ausbau der Eigenenergieerzeugung unerlässlich. Doch statt den energiepolitischen Mittelstand in Deutschland zu unterstützen, habe sich die Bundesregierung nun 'einseitig auf die Seite der großen Konzerne geschlagen', meint VKU-Präsident Weil.

Das Thema Wettbewerb habe bei den Gesprächen am Sonntag offenbar keine Rolle gespielt. Um die wettbewerbliche Ausgewogenheit wieder herzustellen, müsse es eine Kompensation auf der Erzeugungsseite geben. Weils Vorschlag: Die alten Kohlekraftwerke der Energiekonzerne sollten vom Netz genommen werden, um diese durch neue und hocheffiziente Kraftwerksanlagen anderer Wettbewerber wie den Stadtwerken zu ersetzen.

Auch die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Claudia Kemfert, sieht beim Atomkompromiss noch Nachbesserungsbedarf. In den nächsten zehn Jahren, so Kemfert, gehe jedes zweite Kohlekraftwerk ohnehin altersbedingt vom Netz. Diese Lücke könnten dann die Stadtwerke und auch die Erzeuger von erneuerbaren Energien füllen. 'Das setzt allerdings voraus, dass keine neuen Kohlekraftwerke mehr genehmigt werden', betont Kemfert. 'Die Politik muss sich entscheiden: Will sie Atomkraft oder Kohle? Beides geht nicht.'

Laut Kemfert werden im Moment noch knapp 50 Prozent des Stroms in Deutschland in Kohlekraftwerken erzeugt. Mit der Abschaltung jedes zweiten Kohlemeilers würden die Großkonzerne somit 25 Prozent der Kapazitäten abgeben 'und das Netz freimachen für andere Anbieter'. Als Verlierer müssten sich Stadtwerke und Anbieter erneuerbarer Energien somit nicht fühlen. '25 Prozent Anteil an der Stromerzeugung ist keine kleine Größenordung.'

Die Befürchtungen der deutschen Windindustrie, die Laufzeitverlängerung für Akws und das neue Energiekonzept seien 'Sargnägel für die erneuerbaren Energien und für die Windkraft', kann die DIW-Expertin nicht nachvollziehen. Heute habe die Kernkraft einen Anteil von 20 Prozent, der sukzessive kleiner werde - auch bei einer Laufzeitverlängerung. Das Ziel des Ausbaus der Erneuerbaren auf 80 Prozent bis 2050 bleibe schließlich unangetastet, ebenso wie die Förderung durch die EEG-Umlage und der Einspeisevorrang. Wichtig sei deshalb vor allem, dass jetzt die Netze und Speicher ausgebaut würden. Auch das sei im Energiekonzept vorgesehen. Kemfert: 'Die erneuerbaren Energien bleiben für mich die Gewinner der Zukunft.'

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