Die Mission der Soldatenfliege

Bremer Unternehmen Farmcycle will Insekten als Futtermittel einsetzen

Insekten als Futtermittel einsetzen. Das ist aus Sicht der Gründer von Farmcycle umweltverträglicher als herkömmliches Futter. Darum ist die Schwarze Soldatenfliege für sie ein Weltretter.
31.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von York Schaefer
Bremer Unternehmen Farmcycle will Insekten als Futtermittel einsetzen

In Kunststoffboxen tummeln sich die Larven. Die Gründer Florian Berendt (vorne links) und Norman Breitling sehen die Insekten als kleine Weltretter.

Christina Kuhaupt

Für Florian Berendt, Norman Breitling und Melanie Christians sind manche Insekten nichts Geringeres als kleine Weltretter aus dem Tierreich. Bereits im Frühjahr 2020 haben Jungunternehmer Berendt und Lebensmitteltechnologin Christians das Unternehmen Entosus gegründet, eine Insektenfarm, auf der sie heimische Grillen für die menschliche Ernährung züchten. Bio-Heimchen zu verköstigen als Snacks, Toppings oder als Mehl zum Backen, noch dazu protein- und fettreich sowie sparsam bei Wasserverbrauch und CO2-Ausstoß.

Berendts Neugier und Experimentierfreude beim Thema Insekten als alternative Energiequelle und seine Sorge um den Zustand des Planeten Erde gingen allerdings weiter. So gründeten der studierte Agrarmanager und sein Kompagnon Norman Breitling, die sich bei einem Start-up-Treffen kennengelernt hatten, im vergangenen Sommer das Unternehmen Farmcycle.

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Das nächste Insekt mit Potenzial zur Rettung der Welt: Die Schwarze Soldatenfliege – klassifiziert als Zweiflügler aus der Familie der Waffenfliegen, ursprünglich aus Südamerika stammend, heute fast überall auf der Welt zu Hause.

Auf der „Black Soldier Fly Farm“ in einer Halle im Hemelinger Gewerbegebiet hat die Larve der Soldatenfliege die Aufgabe, organische Abfallmaterialien in hochwertige Eiweißstoffe umzuwandeln. Die können dann an Haustiere und Nutztiere wie Schweine, Hühner und Fische verfüttert werden. „Das ist umweltverträglicher als herkömmliche Futtermittel wie etwa Soja, Fischmehl oder Fischöl, deren Produktion zur Überfischung der Meere und Abholzung der Regenwälder beiträgt“, erklärt Florian Berendt den nachhaltigen Ansatz von Farmcycle.

Geruch von Obst- und Gemüseresten

In der vor einigen Monaten bezogenen Produktionshalle trennen Sperrholzwände die ausgebauten kleinen Kabinen und Räume, in denen inzwischen auch die Grillen zu Hause sind. Im Bereich für die Fliegen hängt der leicht strenge Geruch von Obst- und Gemüseresten in der Luft. Der Raum wurde gerade gereinigt, deswegen schwirren momentan nur vereinzelt Fliegen durch die Luft, die sonst in Käfigen von zwei mal 1,50 Meter leben.

In Kunststoffboxen am Boden kann man aber die Larven bewundern. Einige tausend Exemplare dürften es sein – Massentierhaltung im Miniaturformat. Florian Berendt greift sich einen wuselnden Haufen heraus und zeigt auf eine schwarze Larve im Vorpuppenstadium. „Kurz vor diesem Zeitpunkt würden wir die Larven normalerweise für die Verwendung als Tierfutter ernten, da sie dann das meiste Protein enthalten“, erklärt der Fliegenfarmer, der in einem alternativen Wohnprojekt in Schwarme gelebt und einige Jahre in der Biobranche gearbeitet hat. Bei seiner eigenen kleinen Hühnerzucht hatte er sich irgendwann gefragt, „warum man nicht generell Insekten an Hühner oder Schweine verfüttert. Die gehören schließlich zu deren natürlichem Ernährungsspektrum“.

Nachdem die Larven etwa zehn Tage mit Obst- und Gemüseabfällen aus dem Biohandel, mit Biertreber oder Korn- und Schrotresten gefüttert wurden, werden sie in einem Ofen mit etwa 80 Grad heißem Wasser verbrüht. Ein Tod so schnell wie ein Flügelschlag. Danach werden die Überreste getrocknet und das herausgepresste Fett oder die ganzen Larven verkauft.

Im getrockneten Zustand hat eine Larve zwischen 50 bis 60 Prozent Protein. Dazu kommen ein hoher Fettanteil sowie wertvolle Spurenelemente wie Kalzium oder Magnesium. Ein echtes Kraftfutter also.

So entsteht unter anderem ein proteinreiches Mehl, das Farmcycle in erster Linie als alternatives Fischfutter in Aquakulturen mit Lachs, Forellen oder Karpfen einsetzen will. „Es ist ein Unding, jedes Jahr circa elf Millionen Tonnen Fisch aus den Meeren zu ziehen, um dann daraus drei Millionen Tonnen Fischmehl zu erzeugen“, kritisiert Berendt.

Insekt kann Abfälle vertilgen

Auch Norman Breitling, hauptberuflich in einer Werbeagentur tätig, nennt bekannte, aber immer noch erschreckende Zahlen der modernen, wenig nachhaltigen Landwirtschaft – gegen die Unternehmen wie Farmcycle oder Entosus ankämpfen. „Alle sechs Sekunden fällt eine fußballfeldgroße Fläche Regenwald dem Anbau von Soja zum Opfer“, sagt er.

Auch bei der Beseitigung von Abfällen wie Schweine- und Geflügelmist können leidenschaftliche Allesfresser wie die Schwarze Soldatenfliege mithelfen. Laut Experten landen jährlich etwa 18 Millionen Tonnen Speisereste in Biogasanlagen, aus denen man ein bis zwei Millionen Tonnen Proteine produzieren könnte. Am Ende bleibt in der Kreislaufwirtschaft von Farmcycle sogar ein wertvoller Langzeitdünger übrig. „Der riecht dann wie Waldboden“, sagt Norman Breitling.

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Während die Grillenfirma Entosus von Berendt und Christians bereits einen Online-Shop mit ihren Produkten hat, liegt der Fokus bei Farmcycle aktuell noch nicht auf dem Verkauf. „Wir haben hier eine Pilotanlage, in der wir testen und experimentieren, zum Beispiel verschiedene Arten der Fütterung und wie sich diese auf das Endprodukt auswirken“, sagt Berendt.

Trotzdem denken die drei Unternehmer auch langfristig. Schon im Spätsommer des vergangenen Jahres haben sie die Firma Entosys gegründet. Hier geht es um die Automatisierung der Insektenzucht. Hauptsächlich für die Grillen, aber auch als Prototyp für die Schwarze Soldatenfliege.

Norman Breitling: „Ziel ist es, den kompletten Lebenszyklus und die Verarbeitung der Tiere in einem Arbeitsschritt zu haben. Alles, was wir momentan noch händisch überwachen, soll dann computergesteuert laufen“. Auch für die Rettung der Welt bedarf es eben einer gewissen Effizienz.

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