Fachkräftesuche

Bremer Unternehmen wirbt Spanier an

Bremen. Spätestens seit diesem Jahr stehen spanische Fachkräfte in Deutschland wieder hoch im Kurs. Einen Ansturm gibt es laut Bundesarbeitsagentur noch nicht. Ein Bremer Unternehmen hat nun selbst in Spanien Mitarbeiter angeworben.
06.09.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sebastian Manz
Bremer Unternehmen wirbt Spanier an

Miguel Paz, Nicolas Gimenez und Jose Sanchez (von links) auf dem Balkon ihres neuen Arbeitgebers, der abat AG, in Findor

CHRISTINA KUHAUPT

Bremen. Spätestens seit diesem Jahr stehen spanische Fachkräfte in Deutschland wieder hoch im Kurs. Bundeskanzlerin Angela Merkel warb bei einem Madridbesuch im Februar offensiv mit den beruflichen Chancen, die sich jungen Spaniern in der Bundesrepublik böten. Tatsächlich ist die Zahl der Iberer gestiegen, die seither auf dem deutschen Arbeitsmarkt angeheuert haben. Von einem Ansturm möchte die Bundesagentur für Arbeit aber nicht sprechen. Ein Bremer Unternehmen hat nun selbst die Initiative ergriffen und in Spanien Mitarbeiter angeworben.

"In Spanien ist die Situation momentan etwas kompliziert", sagt Nicolas Gimenez. Einerseits sei die Arbeitslosigkeit hoch, andererseits könne die Regierung wegen der erdrückenden Schuldenlast kaum investieren. Gerade für junge Menschen seien die beruflichen Perspektiven nicht gerade vielversprechend. Als der 27-jährige BWL-Student aus Alicante vor wenigen Monaten eine Anzeige für eine Stelle als Software-Berater in Deutschland entdeckte, überlegte er nicht lange und bewarb sich.

Die Annonce auf der spanischen Webseite stammte von der Bremer abat AG. Das IT-Unternehmen, das unter anderem auf Softwarelösungen für Automobilhersteller spezialisiert ist, hat sich ehrgeizige Wachstumsziele gesetzt und braucht dafür das geeignete Personal. In Deutschland allein werde die Firma nicht mehr in ausreichendem Maße fündig, sagt Mitgründer und Vorstand Hinrich Meisterknecht. Diese Lücke mit Experten von der iberischen Halbinsel zu füllen, kam den Bremern zunächst nicht in den Sinn. "Da musste uns ein spanischer Kollege mit der Nase drauf stoßen", gibt Meisterknecht zu.

Größtes Hemmnis ist die Sprache

Die Umsetzung des Plans sei vergleichsweise unkompliziert verlaufen. Nachdem die abat AG ihre Annonce auf dem spanischen Webportal geschaltet habe, seien umgehend Dutzende Bewerbungen eingegangen. Mit den verheißungsvollsten Anwärtern habe man sich schließlich in einem Madrider Hotel verabredet und Gespräche geführt. "Die größte Hürde waren ausreichende Deutschkenntnisse", sagt Hinrich Messerknecht. Für Nicolas Gimenez und zwei weitere Bewerber hat man sich schließlich entschieden - alle haben als Studenten bereits in Deutschland gelebt.

"Die Sprachbarriere ist eines der größten Hindernisse", sagt auch Marion Rang, Sprecherin der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. Das Erlernen der deutschen Sprache ist für arbeitslose und auswanderungswillige Spanier mit hohem zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden. Um das Niveau "B1" zu erreichen, das für eine Anstellung in Deutschland erforderlich ist, setzt etwa das Goethe-Institut 400 Stunden Unterricht an und nimmt dafür 3000 Euro Kursgebühren.

Laut Marion Rang ist es zwar richtig, dass es derzeit ein großes Potenzial an arbeitslosen spanischen Fachkräften gebe. Auch sei das Interesse, in Deutschland zu arbeiten, unter den jungen Menschen von Almería bis Zaragoza größer geworden. Von einem Ansturm wie in den 1960er-Jahren könne aber keine Rede sein. Dennoch hat sich die Zahl der spanischen Arbeitsemigranten in den letzten Jahren verdreifacht. Laut der EU-Beschäftigungsvermittlung Eures haben seit 2007 mehr als 100.000 Spanier ihr Land verlassen.

"Hier stimmen die Aufstiegschancen"

Für den Neu-Bremer Nicolas Gimenez steht fest, dass er erst einmal in Deutschland bleiben will. "Hier gibt es spannende Aufgaben für mich und außerdem stimmen die Aufstiegschancen", sagt er. Seine Freunde in Spanien hätten unterschiedlich auf seine Entscheidung reagiert. Während die einen vor einem komplizierten Abenteuer warnten, hätten ihn andere ermuntert, die Chance zu nutzen. "Ich glaube, bei der Mentalität liegen Deutsche und Spanier gar nicht so weit auseinander", sagt Gimenez.

Auch vor Heimweh-Attacken fürchte er sich nicht. Ganz Europa sei mittlerweile viel enger zusammengerückt: "Wenn ich will, bin ich in zwei Flugstunden in Alicante." Sein neuer Arbeitgeber habe einiges dafür getan, um ihm den Start in Bremen zu erleichtern. Untergekommen ist Nicolas Gimenez in einer firmeneigenen Wohnung. Im Arbeitsleben steht ihm ein Seniorberater zur Seite, der ihn in alle Abläufe einführt.

Auch die Verantwortlichen der abat AG sind zufrieden mit dem bisherigen Verlauf ihrer Anwerbeaktion. "Wir bekommen schon Anfragen von anderen mittelständischen Unternehmen, die wissen wollen, wie wir vorgegangen sind", sagt Hinrich Messerknecht. Er könne sich durchaus vorstellen, auch künftig wieder im europäischen Ausland nach Fachkräften zu suchen. Infrage kämen vor allem Länder, in denen der Arbeitsmarkt für gut qualifizierte Menschen nicht ausreichend Perspektiven bietet. Die Bremer genießen, dass ihr Unternehmen internationaler wird. "Wir leben in gewisser Weise von dieser Multikulti-Struktur, weil unsere Kunden da ganz ähnlich aufgestellt sind", sagt Vorstand Ronald Wermann.

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