Bremer Vulkan

„Geld hat es genug gegeben“

Ex-Staatsrat Heiner Heseler berichtet über das Ende des Bremer Vulkan und dessen Übernahmen der ostdeutschen Werften. Welche Rolle die Werft dabei gespielt hat, ist Thema eines Online-Vortrag am 28. Januar.
27.01.2021, 20:48
Lesedauer: 4 Min
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„Geld hat es genug gegeben“
Von Peter Hanuschke

Herr Heseler, was ging Ihnen durch den Kopf, als absehbar war, dass es für den Bremer Vulkan keine Zukunft mehr geben wird?

Heiner Heseler: Ich konnte mich damit auf jeden Fall länger auseinandersetzen. Das Ende kam ja nicht von heute auf morgen. Dieser Prozess ging fast über zwei Jahre. Trotzdem hatte man, selbst als im August 1995 ein notwendiger Kredit nicht mehr bewilligt wurde und der Konkurs kam, einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass für den größten deutschen Werftkonzern zumindest Teil-Rettungslösungen für Bremen und auch in der ehemaligen DDR gefunden werden. Doch mit der Insolvenz am 1. Mai 1996 ging es nur noch um Abwicklung.

Der Werftenverbund zerbrach.

Ja. Rückblickend kann man feststellen, dass weder im Westen noch im Osten an diesen Werftstandorten eine Erfolgsstory folgte. Die Ostwerften sind erst wieder verstaatlicht und dann mehrfach privatisiert worden. Und jetzt stehen sie wieder vor einer ungewissen Zukunft. Und das ist nicht allein auf Corona zu schieben. Der Inhaber, die malaysische Genting-Group, hatte sich zwar viel vorgenommen, aber der Kreuzfahrtschiffbau geriet bei Genting schon vor der Pandemie ins Stocken. Und in Bremen ist außer Lürssen und Reparaturschiffbau nur wenig geblieben.

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Wäre es im Nachhinein nicht doch besser gewesen, die finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen?

Aus heutiger Sicht würde ich sagen, nein. Man hätte das Ende lediglich hinausgezögert. Ich glaube, der Vulkan hatte Mitte der 1990er keine richtige Zukunftsperspektive mehr. Man hatte zu sehr darauf vertraut, dass man immer weiter öffentliche Mittel zur Verfügung gestellt bekommt und zu wenig den Verbund gestärkt und zu wenig rationalisiert.

Hatte es für die DDR-Werften, statt vom Vulkan aufgekauft zu werden, eine Alternative gegeben?

Man hätte einen staatlichen ostdeutschen Schiffbaukonzern daraus machen oder jede Werft einzeln privatisieren können. Ich denke, auch diese Varianten hätten nicht funktioniert. Der staatliche Konzern wäre so auf Widerstand nicht nur der westdeutschen, sondern auch der europäischen Werften gestoßen. Und hinzu kommt, dass die EU-Kommission schon damals bei der Restrukturierung des ostdeutschen Schiffbaus klare Vorgaben machte, in welche Richtung der Schiffbau gehen sollte und wie viele Werftkapazitäten es geben durfte. An diesen Einschränkungen wären sowohl ein Staatsunternehmen als auch einzelne Privatinvestoren gescheitert.

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Also war die Idee, dass der Vulkan die Werften aufkauft vom Grundsatz her gar nicht verkehrt?

Der Weg mit dem Vulkan war am Anfang der richtige gewesen. Aber der Vulkan hat es nicht geschafft, die Werften vernünftig zu integrieren und zusammenzufügen. Geld hat es dafür genug gegeben, sechs Milliarden D-Mark waren ja eine enorme Summe. Ich war damals auf den Werften, die waren ja gut ausgestattet mit ihren riesigen Schiffbauhallen.

War die Situation auch die, dass die Konkurrenz in Asien einfach zu groß war?

Ja, das war sicherlich auch ausschlaggebend. Die ostdeutschen Werften waren ja vor allem in dem Bereich tätig, wo die Koreaner am stärksten waren – im Containerschiffbau. Den Wettbewerb mit den Koreanern konnte man nicht gewinnen. Der Containerschiffbau hatte sich auch auf der Vulkan-Werft und letztlich auch in ganz Europa erledigt.

Hatte man zu lange am Containerschiffbau festgehalten?

Im Prinzip schon. Man hatte aus der Vergangenheit nicht gelernt. Anfang der 1980er-Jahre hatte die AG Weser schließen müssen, weil sie zu lange auf den Tankerschiffbau setzte, der sich längst nach Asien verlagert hatte. Und Mitte der 1990er-Jahre hatte sich das beim Vulkan mit dem Containerschiffbau wiederholt.

Hätte der Vulkan nicht auch in den Marineschiffbau gehen müssen?

Die Versuche gab es. Die sind aber gescheitert. Ich denke, dem Vulkan fehlte dafür das politische Netzwerk auf Bundesebene.

Zuletzt gab es beim Vulkan noch etwa 1800 Beschäftigte. Nach dem Konkurs fanden viele von ihnen neue Stellen. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Da zeigte sich, wie hoch qualifiziert die Vulkanesen waren. Wie schon nach dem Aus der AG Weser ist ein Großteil der Schiffbauer in anderen Betrieben untergekommen. Anders als bei der AG Weser siedelte sich ja auch nach dem Ende des Vulkans auf dem Werftgelände Industrie an. Die große Katastrophe was den Arbeitsmarkt angeht, ist zum Glück ausgeblieben.

Ist man zu lange einem Traum hinterhergelaufen?

Aus Bremer Sicht war es zunächst die richtige Entscheidung, nach Schließung der AG Weser bis Ende der 1980er-Jahre den Bremer Werftenbund zu bilden. Vorher gab es acht, neun verschiedene Werften mit unterschiedlichen Eigentümern, die in Konkurrenz standen. Mit dem Verbund in Bremen hätte man sich zielgerichtet auf den Spezialschiffbau konzentrieren müssen. Die Übernahme der Ostwerften überforderte das Management des Vulkan-Verbundes, es gab keine klare Steuerung und ausreichende Kontrolle und das war im Nachhinein mit den ganzen europäischen Beschränkungen einfach eine unlösbare Aufgabe. Sicherlich war es auch nicht hilfreich, dass der Vulkan auch in anderen Bereichen des Maschinenbaus expandierte. Letztlich hatte man einen Mischkonzern, der zu breit aufgestellt war, um in den einzelnen Segmenten die Richtung vorzugeben.

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Gibt es Personen, die an dem Vulkan-Untergang Schuld hatten?

Es ist immer schwierig, bei einer solch komplexen Konstruktion mit vielen Millionen an Subventionen im Nachhinein einen Schuldigen zu finden. Festhalten kann man vielleicht, dass der Senat mit dieser Situation überfordert war. Allerdings hat der Senat nach dem Vulkan-Ende die richtigen Schwerpunkte gesetzt. Bremen hat Ende der 1990er-Jahre gute Infrastrukturprogramme aufgesetzt und beispielsweise auf den Ausbau von Wissenschaftseinrichtungen gesetzt, die Universität gestärkt und den Bereich Luft- und Raumfahrt stark unterstützt. Der Handelsschiffbau hatte außer in Spezialsegmenten, wie er bei Lürssen oder auf der Meyer-Werft in Papenburg stattfindet und die ein hohes Maß an Know-how erfordern, generell in Deutschland und in ganz Europa keine Chance mehr.

Das Gespräch führte Peter Hanuschke.

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Zur Person

Heiner Heseler war unter anderem Staatsrat beim Häfen-
Senator. Der Schiffbauexperte und Volkswirt, Jahrgang 1948, ist seit 2016 Geschäftsführer der Initiative Stadtbremischer Häfen.

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Zur Sache

Online-Vortrag über den Vulkan

Unter dem Titel „Tanz mit dem Vulkan – die ostdeutschen Werften und der Bremer Vulkan“ beschäftigt sich ein Forschungsprojekt der Universität Bremen unter anderem damit, wie sich die Bremer Werft am Privatisierungsprozess in Ostdeutschland beteiligte. In der Online-Veranstaltung, die an diesem Donnerstag, 28. Januar, 18 Uhr beginnt, berichtet Ex-Staatsrat Heiner Heseler über das Bremer Unternehmen, das ostdeutsche Werften aufkaufte und 1995 in den Konkurs ging. Anmeldungen unter office-guenther@uni-bremen.de

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