Unsicherheit bleibt

Bremer Wirtschaft fürchtet harten Brexit

Welche Szenarien können auf Unternehmen in Bremen und Niedersachsen zukommen? Experten halten einen harten Brexit für nicht ausgeschlossen – die Unsicherheit bleibt.
29.01.2020, 04:50
Lesedauer: 3 Min
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Von Lisa Boekhoff und Andreas Hoenig
Bremer Wirtschaft fürchtet harten Brexit

Für Bremen haben die Geschäfte mit Großbritannien besondere Bedeutung.

Ingo Wagner /dpa

Der Tag rückt immer näher. Dennoch bleibt die Unsicherheit für die deutsche Wirtschaft auch nach Großbritanniens Austritt Ende der Woche vermutlich lange bestehen. Zur Erleichterung bestehe kein Anlass, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Joachim Lang, am Dienstag in Berlin. Zwar gibt es bis zum Ende des Jahres eine Übergangsphase, doch wie der Handel zwischen der EU und Großbritannien danach aussehen soll, ist ungeklärt. Und für die Verhandlungen bleibt wenig Zeit.

Die deutschen Exporte ins Vereinigte Königreich sind im vergangenen Jahr bereits deutlich zurückgegangen. In Bremen gab es dagegen eine leichte Erholung gegenüber 2018. Der Export nach Großbritannien stieg laut Hochrechnung der Handelskammer Bremen wieder: von 1,3 auf 1,6 Milliarden Euro im Jahr 2019. „Großbritannien ist nach wie vor ein wichtiger Markt für Bremen“, sagt Anja Markmann, Referentin für Zoll- und Außenwirtschaftsrecht der Handelskammer Bremen, wenige Tage vor dem Austritt.

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Unternehmen hielten den Handel weiter aufrecht. In der Vergangenheit hätten sie zu Zeiten als ein harter Brexit drohte vorsorglich Lagerbestände erhöht und Exporte zuvor abgewickelt: „Deshalb steigen die Zahlen zwischenzeitlich etwas.“ Die Einfuhren nach Bremen kletterten 2018 rasant auf 1,7 Milliarden Euro.

Zeit für Verhandlung knapp

Doch wie geht es nun weiter? „Das beste Szenario wäre, wenn bis zum Sommer ein Freihandelsabkommen vorliegt und wir es in aller Ruhe bis Ende des Jahres verabschieden können“, wünscht sie Markmann. „Aus unserer Sicht wäre eine Zollunion das Schönste – so wie mit der Türkei.“ Dann gebe es zwar immer noch mehr Bürokratie, aber Zollfreiheit. Dass es zu einem Abkommen kommt, sei aber ein sehr ambitioniertes Ziel.

Die Expertin für internationale Beziehungen glaubt nicht daran. Es müsse dann über eine Verlängerung der Übergangsfrist verhandelt werden. „Herr Johnson hat das bisher komplett abgelehnt. Das wäre natürlich eines der schlimmsten Szenarien, wenn wir dann Ende des Jahres wieder vor einem harten Brexit stehen.“ Der bringe viele Unsicherheiten: Deklarationen und Zertifizierungen müssten geklärt werden. Besonders für Lebensmitteltransporte sei es problematisch, wenn sich die Abwicklung von Transporten am Zoll ziehe: „Vor allem viele Fischexporte gehen nach Großbritannien.“

Der Außenwirtschaftsexperte der Handelskammer Niedersachsen, Tilman Brunner, prognostiziert: „Einen harten Brexit halte ich leider aus heutiger Sicht für relativ realistisch.“ Denn es fehle die Zeit für ein echtes Freihandelsabkommen, eine Verlängerung der Übergangszeit habe Großbritannien aber ausgeschlossen: „Daran glaube ich.“ Die Verhandlungen seien besonders: Gehe es sonst bei einem Freihandelsabkommen darum, aufeinander zuzugehen, wolle man sich nun Freiräume verschaffen. „Das ist eine Richtung, da gibt es keine Erfahrungen. Das macht die Prognosen schwer.“

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Die Exporte aus Niedersachsen sind trotz der unsicheren Zeiten stabil geblieben. Die Zahlen für 2019 liegen bis November vor. Unterm Strich erwartet die Handelskammer Niedersachsen ein Exportvolumen von 6,17 Milliarden Euro – etwa das Vorjahresniveau. „Die geografische Nähe spielt hier eine Rolle“, sagt Brunner. Doch selbst ein harter Brexit müsse nicht automatisch einen Einbruch bedeuten. Die Transaktionskosten stiegen, unter Umständen seien Zölle fällig, neue Formalitäten und Zertifizierungen.

Doch Großbritannien sei dann nicht plötzlich aus der Welt: „Es ist nach wie vor eine ganz große Volkswirtschaft und sie liegt unmittelbar vor unserer Tür. Das wird immer ein wichtigerer Markt bleiben als ein vergleichbar großes Land irgendwo in Asien oder Südamerika.“ Vor allem der Fahrzeugbau ist von Bedeutung: 2018 machten allein die Pkw-Ausfuhren auf die Insel 2,4 Milliarden Euro der aus.

BDI fordert „Basisabkommen“

Das Risiko eines harten Bruchs mit Großbritannien könne Auswirkungen auf Jobs in deutschen Firmen haben, befürchtet derweil Joachim Lang vom BDI. Rund eine halbe Million Arbeitsplätze hingen am Geschäft mit Großbritannien. 20 Prozent davon könnten im schlimmsten Fall betroffen sein – etwa weil Firmen ihre Produktion in Großbritannien auslaufen lassen. „Ich halte es für einen schweren Fehler, dass die britische Regierung die Verlängerung der Übergangsphase kategorisch ausschließt.“ Es komme nun darauf an, die wichtigsten Punkte in einem „Basisabkommen“ zu vereinbaren, damit es Ende des Jahres nicht zu wirtschaftlichen Verwerfungen komme.

EU-Produzenten, die einen Teil ihrer Produkte im Vereinigten Königreich produzieren, könnten bereits ab Sonnabend erste Auswirkungen spüren, sagt Lang. Bei Exporten in Partnerstaaten, mit denen die EU Freihandelsabkommen abgeschlossen hat, sei fraglich, inwieweit europäische Ware mit teilweise britischen Komponenten während der Übergangsphase noch in den Genuss reduzierter Zollsätze komme. Die Entscheidung, das Siegel „made in EU“ anzuerkennen, liege allein bei den Partnerstaaten. „Das ist noch in der Schwebe“, sagt Markmann zu den sogenannten Präferenzrechten. Allerdings erwarte sie hier in den nächsten Tagen eine Regelung.

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