Pilotprojekt geplant Bremerhaven kämpft gegen Langzeitarbeitslosigkeit

Die Langzeitarbeitslosigkeit ist eines der größten Probleme am Arbeitsmarkt. Durch ein neues Projekt könnte nun Bremerhaven profitieren. Langzeitarbeitslose sollen durch öffentlich geförderte Jobs unterstützt werden.
31.05.2017, 10:35
Lesedauer: 4 Min
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Bremerhaven kämpft gegen Langzeitarbeitslosigkeit
Von Stefan Lakeband

Die Langzeitarbeitslosigkeit ist eines der größten Probleme am Arbeitsmarkt. Durch ein neues Projekt könnte nun besonders Bremerhaven profitieren. Das macht Götz von Einem, Chef der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven am Mittwoch deutlich. Konkret geht es um ein Pilotprojekt, bei dem Langzeitarbeitslose durch öffentlich geförderte Jobs unterstützt werden sollen.

Besonders in Bremen und Bremerhaven ist die Zahl derer, die seit mehr als einem Jahr Leistungen von der Agentur für Arbeit oder den Jobcentern bekommen, hoch. Rund 16 300 Menschen gelten im kleinsten Bundesland als langzeitarbeitslos – das sind mehr als 40 Prozent aller Arbeitslosen überhaupt in Bremen.

Durch ein neues Projekt soll ein Teil von ihnen nun eine neue Perspektive bekommen. „Wir machen Bremerhaven zum Pilotstandort“, sagte Götz von Einem, Chef der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven, am Mittwoch. Konkret geht es darum, eigens für Langzeitarbeitslose neue Jobs zu schaffen.

Die sollen öffentlich gefördert werden. Die Idee dazu stammt von Detlef Scheele, dem neuen Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA). Das Besondere an den geförderten Jobs: Sie sollen nicht in einer Maßnahme oder einer geschützten Blase entstehen, sondern in der Wirtschaft.

Struktur und soziale Kontakte

„Zum Beispiel könnten Langzeitarbeitslose Hilfsarbeiten in einem verarbeitenden Betrieb oder etwa im Gartenbau übernehmen“, sagte von Einem. Das seien Jobs, die sich wirtschaftlich für ein Unternehmen eigentlich nicht lohnten, durch die öffentliche Förderung aber trotzdem eingerichtet werden könnten.

„Das Ziel, einen Job im ersten Arbeitsmarkt zu finden, steht dabei nicht mehr an erster Stelle“, sagte Susanne Ahlers, Geschäftsführerin des Jobcenters Bremen. Stattdessen geht es bei den geförderten Beschäftigungen darum, den Langzeitarbeitslosen eine Struktur und soziale Kontakte zu geben und ihnen dadurch eine soziale Teilhabe zu ermöglichen.

Deswegen solle sich das Angebot auch vor allem an Langzeitarbeitslose richten, die schon lange diesen Status haben. So sind in Bremerhaven fast 1000 Menschen vier Jahre oder länger arbeitslos, in Bremen sind es mehr als 3200. „Deren Chancen, einen Job auf dem regulären Arbeitsmarkt zu finden, gehen gegen null“, sagte Ahlers.

Pilotprojekt auch in Duisburg

Denn rund 60 Prozent hätten keine abgeschlossene Berufsausbildung, hinzu kämen häufig psychische Probleme und andere Beschwerden, die es schwer machten, einen Job zu bekommen. Neben Bremerhaven soll es das Pilotprojekt auch in Duisburg geben.

Wie viel Geld dafür zu Verfügung gestellt wird und wie viele Jobs entstehen sollen, ist allerdings noch unklar. Auch der Beginn steht noch nicht fest, frühestens könnte es wohl erst Anfang 2018 losgehen. Schon seit dem vergangenen Jahr probiert das Bremer Jobcenter einen neuen Ansatz aus, um Arbeitslose zu vermitteln.

In sogenannten Werkakademien sollen die Teilnehmer eigenständig nach Jobs suchen, Bewerbungen schreiben und sich gegenseitig helfen. Bei Fragen und Problemen gibt es zwar einen Ansprechpartner, das Angebot sei aber darauf ausgelegt, dass die Menschen dort selbstständig arbeiteten.

Auf intensivere Betreuung setzen

„40 Prozent der Teilnehmer vermitteln wir wieder in den ersten Arbeitsmarkt“, sagte Ahlers. Durch die Werkakademie würden teilweise banal erscheinende Probleme gelöst. Denn oft scheitere die Jobsuche schon daran, dass ein Teil der Arbeitslosen keinen Computer zu Hause habe, um Bewerbungen zu schreiben.

Ahlers gibt aber auch zu: „Wer selbstständig ist, findet die Einrichtung gut, wer Hilfe braucht allerdings nicht immer.“ Um mehr Langzeitarbeitslosen eine Jobperspektive zu bieten, setzt Scheele künftig auf eine intensivere Betreuung. Dabei sollten stärker die sozialen und familiären Verhältnisse der Betroffenen berücksichtigt werden.

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Wichtig seien auch häufigere Kontakte der Vermittler mit ihnen. Um Jobcenter besser personell auszustatten, müsse die künftige Bundesregierung das seit 2013 bei 6,5 Milliarden gedeckelte Jobcenter-Budget aufstocken. "Das thematisiere ich bei meinen Gesprächen in Berlin jedes Mal. Da bin ich sehr beharrlich", sagte Scheele.

Nur die wenigsten freien Stellen sind geeignet

Beim Blick auf die Zahl der Langzeitarbeitslosen zeigt sich, wie gespalten der Arbeitsmarkt ist – auch in Bremen. Neben der konstant hohen Zahl an Arbeitslosen kann die Arbeitsagentur in der Hansestadt auch fast 7000 freie Stellen vermelden.

Davon seien aber nur die wenigsten für Langzeitarbeitslose geeignet, sagte von Einem. Generell biete der Arbeitsmarkt aber weiterhin gute Chancen. Dass in der Stadt Bremen die Arbeitslosenquote im Vergleich zum Vorjahr trotzdem unverändert blieb, führt der Agenturchef auf eine andere Berechnung zurück.

Seit Jahresbeginn tauchen in der Arbeitslosenstatistik nun auch die sogenannten Aufstocker auf, also Menschen, die arbeiten, aber trotzdem noch Leistungen erhalten. Demnach lag die Arbeitslosenquote im Mai bei 9,6 Prozent. Im gesamten Land Bremen ist die Zahl der Arbeitslosen leicht zurückgegangen, die Quote sank im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 Punkte auf 10,2.

Arbeitslosenquote sank in Niedersachsen

Der Blick auf die sogenannte Unterbeschäftigung zeigt aber, dass de facto wesentlich mehr Menschen in Bremen ohne Arbeit sind. Sie erfasst alle Arbeitslosen, aber auch die, die zum Beispiel Qualifizierungsmaßnahmen der Arbeitsagentur machen. Sie werden dann nicht mehr den Arbeitslosen zugerechnet – auch wenn sie keinen Job haben.

Die Zahl der Menschen in Unterbeschäftigung wuchs im Vergleich zum Mai 2015 um fast 1500 auf nun 50.500. In Niedersachsen sank die Arbeitslosenquote auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Sie lag im Mai bei 5,6 Prozent. Das entspricht ungefähr 240.000 Arbeitslosen. Als unterbeschäftigt galten zuletzt jedoch rund 330.000 Menschen in dem Bundesland. Daraus ergibt sich eine Quote von 7,7 Prozent.

Dieser Artikel wurde am 31.05.2017 um 19:32 Uhr aktualisiert.

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