Nachhaltige Lebensmittelkartons Bremerhavener entwickeln Verpackungen aus Algen

Eine Verpackung aus Algen, am liebsten essbar – das ist die Vision von Bremerhavener Wissenschaftlern und der Restaurantkette Nordsee. Am Mittwoch stellten sie ihr Projekt vor.
14.03.2018, 19:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lisa Büntemeyer

„Grüß Gott“ lauten die Worte, mit denen der Geschäftsführer der Gastronomiekette Nordsee seine Gäste am Hauptsitz in Bremerhaven willkommen heißt. Nicht gerade norddeutsch, die Begrüßung am Standort direkt am Fischereihafen, aber irgendwie passend. Denn die ungewöhnlichen Worte leiten ein ungewöhnliches Projekt ein: Unter dem Namen „Mak-Pak“ will Nordsee gemeinsam mit der Hochschule Bremerhaven und dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) eine nachhaltige Verpackung aus Algen entwickeln. Damit wollen sie zunehmende Verpackungsabfälle durch den To-Go-Verzehr bekämpfen.

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Innerhalb der nächsten zwei Jahre wollen die Projektpartner einen Prototypen der Algen-Verpackung entwerfen. Damit will die Restaurantkette Nordsee künftig Lebensmittel für den Außer-Haus-Verzehr verpacken. „Unsere Vision ist, dass diese Verpackung auch essbar ist“, sagt Frederike Reimold, Professorin für Lebensmitteltechnologie an der Hochschule Bremerhaven. Ob dieser Wunsch tatsächlich umsetzbar ist, ist noch offen. „Zunächst einmal ist wichtig, dass die Lebensmittel in der Verpackung nicht nach Alge schmecken und die Verpackung nicht aufweicht.“ Ziel ist es, betont Britta Grote, Wissenschaftlerin am AWI, dass die Algenverpackungen kompostierbar ist und sich vollständig zersetzt.

Algen in Verbindung mit Lebensmitteln – was zunächst abschreckend klingen mag, ist schon längst Teil unseres Alltags. „Inhaltsstoffe von Makroalgen finden sich zum Beispiel in Sahne oder Zahnpasta“, sagt Grote. Auch die Idee, Verpackungen aus Algen herzustellen, ist nicht gänzlich neu: Es gebe bereits Folien, die aus einzelnen Bestandteilen von Algen bestehen, so Grote. „Unsere Innovation ist, dass wir die ganze Alge verwenden wollen, nicht nur einzelne Inhaltsstoffe.“

Am Mittwoch war der Startschuss für das Projekt „Mak-Pak“. Die Projektpartner trafen sich in der Hauptzentrale der Nordsee. In einem Konferenzraum mit Blick auf die Forschungsschiffe im Fischereihafen unterzeichneten Peter Ritzenhoff, Rektor der Hochschule Bremerhaven, Britta Grote, Nordsee-Geschäftsführer Robert Jung den Vertrag zum gemeinsamen Forschungsprojekt. Projektträger ist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft fördert „Mak-Pak“ mit 350 000 Euro.

Die Arbeitsteilung ist klar definiert: Mitarbeiter des AWI sollen Algenarten ausfindig machen, die sich dafür eignen, zu Verpackungen verarbeitet zu werden. Dabei sollen Makroalgen zum Einsatz kommen, also Algen, die mit bloßem Auge sichtbar sind. Sobald das AWI eine geeignete Algenart findet, will sich die Hochschule Bremerhaven der Aufgabe widmen, die Algen zu zerkleinern und zu prüfen, inwiefern sie sich zu Verpackungen für den Lebensmittelhandel verarbeiten lassen. „Unser Ziel ist es, nach zwei Jahren einen Prototypen zu haben“, sagt Frederike ­Reimold. Diesen wiederum soll dann die Schnellrestaurantkette Nordsee testen. Wer also nach Ablauf der Forschungszeit von zwei Jahren Fisch, Pommes oder andere Lebensmittel in einer der 315 deutschen Nordsee-Filialen kauft, könnte sie in Algen-Verpackungen erhalten – wenn das Projekt wie geplant läuft. Die Beteiligten zeigen sich optimistisch: „Wir gehen von einem erfolgreichen Ergebnis aus“, sagt Reimold.

Neben dem Wunsch, eine biologisch abbaubare, essbare Verpackung herzustellen, ist den Wissenschaftlern wichtig, dass sie robust ist. Nordsee-Chef Jung denkt dabei besonders an To-Go-Boxen, in denen Kunden zum Beispiel Fischbrötchen mitnehmen, oder auch an Kartons für Lieferungen zu Kunden nach Hause. „Große Teile unserer Verpackungen sind schon heute nachhaltig und biologisch abbaubar“, sagt Jung. „Aber das ist noch nicht das Optimum.“ Die Restaurantkette verbraucht laut Jung jährlich mehrere Hundertausende Verpackungseinheiten, Tendenz steigend, weil das To-Go-Geschäft wichtiger wird.

Eine Studie des Umweltbundesamtes zeigt, dass der Verbrauch von Verpackungen in der Gastronomie zwischen 2000 und 2015 von 110 Kilotonnen pro Jahr auf 259 Kilotonnen angestiegen ist. Um den zunehmenden Abfällen entgegenzuwirken, soll langfristig nicht nur Nordsee die Verpackung aus Makroalgen einsetzen; die Verpackung soll in den deutschen Markt übertragen werden.

Kim Cheng, Geschäftsführerin des Deutschen Verpackungsinstituts, begrüßt Projekte dieser Art grundsätzlich. Was die­ ökologische Gesamtbilanz angeht, weist Cheng darauf hin, „dass es auch bei nachhaltigen Verpackungen aus innovativen Materialen eine große Rolle spielt, woher die Rohstoffe stammen.“ Wichtig sei, dass sie nicht erst um die halbe Welt transportiert werden müssten, nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stünden oder bei der ­Produktion übermäßig viel Energie ­benötigten. „Bei einer wirklich nachhaltigen ­Verpackung zahlt jeder einzelne Faktor auf die ­ökologische Gesamtbilanz ein“, sagt Cheng.

Nach Aussagen der am Projekt „Mak-Pak“ beteiligten Wissenschaftler soll die Algen-Verpackung diese Kriterien erfüllen. „Wir wollen Makroalgen verwenden, die im Nordatlantik und hier in der Nordsee heimisch sind und diese nachhaltig züchten“, so Britta Grote. „Wir suchen nachhaltige Quellen und wollen keine Ökosysteme zerstören.“ Langfristig möchten die Wissenschaftler angeschwemmte Algen verwenden, um nicht auf eigene Züchtung angewiesen zu sein.

In einer Zeit, in der Supermärkte zunehmend Plastiktüten abschaffen und nachhaltiger Konsum vielen Menschen wichtiger wird, ist „Mak-Pak“ nicht die einzige Verpackung, die aus Naturmaterialien bestehen soll. Die Hamburger Firma Bio-Lutions etwa stellt Verpackungen aus Agrarabfällen her, die nicht genutzt werden – beispielsweise Bananenstämme, Tomatenpflanzen oder Reisstroh. Die Münchener Firma Landbox hat Styropor den Kampf angesagt, indem sie eine isolierende Online-Versandverpackung für Lebensmittel aus Stroh und Papier entwickelt hat.

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