Vom Stückgut zum Container

Als der Container nach Bremen kam

Die Häfen haben Bremens Geschichte geprägt. Wie sich dort die Arbeit der Menschen im Laufe der Jahre verändert hat, zeigt der neue Hafenkalender 2021 in historischen Bildern.
16.10.2020, 04:59
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Als der Container nach Bremen kam
Von Felix Wendler
Als der Container nach Bremen kam

Im Oktober 1966 hatte die Containerbrücke im Neustädter Hafen ihren ersten Einsatz. Das Fachpublikum zeigte sich beeindruckt – schließlich konnten Schiffe so wesentlich schneller entladen werden.

Hans Brockmöller/Jochen Stoss/Klaus Sander

Im Oktober 1966 nahm die erste Containerbrücke im Neustädter Hafen ihren Betrieb auf. Der dazugehörige neue Superkran habe bei seiner Premiere den amerikanischen Spezialfrachter „Beauregard“ in Rekordzeit be- und entladen, berichtete der WESER-KURIER damals. Mithilfe der 63 Meter hohen Containerbrücke dauerte es lediglich zwei Minuten, einen Großbehälter vom Schiff zu holen und einen anderen vom Land her aufzuladen. Neun Monate später vermeldeten die Betreiber bereits 10 000 umgeschlagene Container, die anschließend per Lkw aus dem Hafen geschafft wurden.

Wie sich der Neustädter und die anderen stadtbremischen Häfen zwischen 1966 und 1990 gewandelt haben, zeigt der neue Hafenkalender. Mit Unterstützung des Staatsarchivs und des Kulturhauses Walle hat der WESER-KURIER aus zwölf historischen Motiven einen Jahreskalender für 2021 gestaltet. Das zentrale Thema ist die Entwicklung vom Umschlagplatz für Stückgut zu Containern – und wie sich dadurch der Hafen als Arbeitsplatz für die Menschen verändert hat.

Neue Dimensionen im Warenumschlag

Mit Einführung der großen Containerbrücken in den 1960er-Jahren galten beim Be- und Entladen von Schiffen plötzlich ganz neue zeitliche Dimensionen. Im Herbst 1966 rechnete Gerhard Beier, damaliger Direktor der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft, seinen Zuhörern im Neustädter Hafen den zu erwartenden Zeitgewinn vor. Bei konventioneller Verladung, so Beier, müsse man bei einem Schiff mit einer Fracht von 5000 Tonnen Stückgut mit einer Hafenliegezeit von fünf bis sechs Tagen rechnen. Mit einer Containerbrücke könne ein Schiff mit gleicher Warenmenge in einer Schicht abgefertigt werden. Beiers euphorische Schilderungen sollten sich schon bald in konkreten Zahlen niederschlagen. 1968 war die Containerumschlaganlage im Neustädter Hafen bereits die größte und leistungsfähigste ihrer Art in Europa.

Die historischen Bilder zeigen aber auch, dass der traditionelle Warenumschlag mit Stückgut auch nach Einführung der Containerterminals eine wichtige Rolle spielte. So sind zum Beispiel Hafenarbeiter zu sehen, die in den späten 1980er-Jahren im Europahafen Tabak aus einem Frachtschiff entladen – mit klassischen Seilwinden und viel körperlichem Einsatz. Überhaupt dauerte es trotz des Siegeszuges der Container noch etliche Jahre, bis das Stückgut an Bedeutung verlor. Heute ist diese Bedeutung im Neustädter Hafen zurückgekehrt, wo das Stückgut den Warenumschlag dominiert. Auch im Europahafen, 1888 unter dem Namen Freihafen als erstes künstliches Hafenbecken in Bremen angelegt, wurden erst 1998 die letzten Ballen Baumwolle entladen. Schon Anfang der 1970er-Jahre waren der Europahafen und der 1991 geschlossene Überseehafen mit sogenannten RoRo-Anlagen ausgestattet worden. Diese erlaubten das schnelle Beladen spezieller Schiffe durch Fahrzeuge. Trotz aller Modernisierung blieben die bremischen Häfen stets Orte, an denen hart gearbeitet wurde.

Die Geschichte beziehungsweise die Geschichten dieser Arbeit in Bildern zu erzählen, ist das Ziel von Anne Block, Archivarin beim WESER-KURIER, und Wilfried Brandes-Ebert vom Projekt Bremer Schiffsmeldungen. Zusammen haben sie die Bildauswahl für den neuen Hafenkalender getroffen. Die Fotografien von Klaus Sander, Jochen Stoss und Hans Brockmöller zeigen alltägliche Arbeiten im Wandel der Zeit, rücken die Hafenarbeiter in den Vordergrund und verewigen nicht zuletzt die eine oder andere Kuriosität. Die Ausbildung zum Gabelstaplerfahrer sorgte beispielsweise regelmäßig dafür, dass im Neustädter Hafen ein Parcours aus Paletten zu sehen war. Ob aus dieser Tradition entstanden ist nicht überliefert, aber noch heute verrichten Gabelstapler im Neustädter Hafen regelmäßig Präzisionsarbeit. Im vergangenen Jahr fand bereits zum 17. Mal der Stapler-Cup auf dem Betriebsgelände der Firma Willenbrock Fördertechnik statt, bei dem es um den Regionalmeistertitel für Bremen und Nordniedersachsen ging. Heute wie damals sind und waren es vor allem Fotografen des WESER-KURIER, die das Geschehen in den bremischen Häfen in Bildern festhalten. Das Archiv ist prall gefüllt.

Auch deshalb ist es bereits der vierte Hafenkalender in Folge, den der WESER-KURIER veröffentlicht. Die Ausgabe für 2021 erscheint wie bereits im Vorjahr unter dem Titel „Arbeitsplatz Hafen“. 2020 stand dabei die Zeit vor den Containern im Mittelpunkt. Der erste Kalender für das Jahr 2018 mit dem Titel „Heimathafen Bremen“ zeigte eine Auswahl der Schiffe, die in den 1950er- und 1960er-Jahren die bremischen Häfen anliefen. Im Kalender 2019 „Schiffbau in Bremen – 1954 bis 1979“ rückten die hiesigen Werften in den Fokus.

Weitere Informationen

Der Kalender im Querformat ist zum Preis von 12,90 Euro in den Zeitungshäusern des WESER-KURIER sowie online unter der Adresse www.shop.weser-kurier.de erhältlich.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+