Für Guthaben ab 100.000 Euro

Bremische Volksbank führt Negativzinsen ein

Die Bremische Volksbank führt Negativzinsen nun auch für vermögende Privatkunden ein, wenn diese zu keiner alternativen Anlageoption bereit sind. Gespräche mit den Kunden dazu sollen nun beginnen.
16.01.2020, 21:26
Lesedauer: 4 Min
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Bremische Volksbank führt Negativzinsen ein
Von Lisa Boekhoff
Bremische Volksbank führt Negativzinsen ein

Das Gebäude der Bremischen Volksbank an der Domsheide.

Frank Thomas Koch

Die Bremische Volksbank gibt Negativzinsen in Zukunft an ihre vermögenden Privatkunden weiter. Wer ein Guthaben von mehr als 100 000 Euro vorhält, soll zunächst zu Anlagealternativen beraten werden. Gibt es dann keine Bereitschaft für eine der Optionen, wird ein „Verwahrentgelt“ in Höhe von 0,5 Prozent fällig. „Das ist ein extrem schwerer Schritt“, sagte Ulf Brothuhn, Vorstandsvorsitzender der Bremischen Volksbank, am Donnerstag. Seit geraumer Zeit beschäftigt die Genossenschaftsbank das Szenario. So lange wie möglich habe man versucht, den Schritt abzuwenden, sagte Brothuhn. Nun sollen die betroffenen Kunden ab diesem Freitag angesprochen werden.

Firmenkunden der Bank zahlen bereits seit dem vergangenen Sommer Negativzinsen. In Deutschland könne sich keine Bank dem Ertragsdruck durch Liquiditätsvorschriften und Negativzins entziehen, so Brothuhn. Die Banken müssen ebenfalls 0,5 Prozent zahlen, wenn sie Geld bei der Europäischen Zentralbank parken, da der sogenannte Einlagenzins seit Jahren negativ ist. „Wir haben genauso wie die ganze Branche geglaubt, dass dieser 'Spuk' des Negativzinses 2021/22 langsam ausläuft.“ Doch der damalige EZB-Chef Mario Draghi habe alle überrascht. Die Zinswende kam nicht.

Immer mehr Banken in Deutschland haben im zweiten Schritt Zinsen auf Guthaben auch von Privatkunden eingeführt – ganz neu die Oldenburgische Landesbank (OLB). Seit Anfang des Jahres entfallen Negativzinsen in Höhe von 0,4 Prozent bei Einlagen auf dem Girokonto von mehr als 500 000 Euro und auf dem Tagesgeldkonto bei mehr als 100 000 Euro. Ebenfalls müssen kleine und mittelständische Firmenkunden sowie Großunternehmen zahlen ab jeweils einstelligen Millionenbeträgen auf dem Geschäftskonto.

Sparkasse schließt Schritt nicht aus

Das Verwahrentgelt trifft OLB-Sprecherin Britta Silchmüller zufolge nicht die Kleinsparer. „Für mehr als 99 Prozent unserer Privatkunden im Girokontobereich hat die Entgelteinführung keine Auswirkungen.“ Die Negativzinsen sehe die Bank als Instrument, um für das überschüssige Geld bessere Lösungen als Giro- und Tagesgeldkonto zu finden oder es „aus der Bank heraus zu managen“.

Die Sparkasse Bremen erhebt derzeit bei Privatkunden keine Negativzinsen. Ausschließen will die Bank sie aber nicht. „Da wir nicht wissen, wohin sich die Geldpolitik der EZB weiter entwickelt, können wir Garantien für die Zukunft leider nicht geben“, teilte Sprecherin Nicola Oppermann mit. Bei Firmenkunden gebe es bei hohen Summen auf Giro- oder Tagesgeld individuelle Vereinbarungen. Auf Absprachen mit Privat- und Firmenkunden setzt auch die Commerzbank. Feste Beträge, ab denen Gebühren fällig werden, gibt es nicht. Die Bank schaut laut Sprecherin Dagmar Baier auf die Kundenbeziehung.

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„Im Falle von sehr großen Einlagevolumen führen wir, wie schon in der Vergangenheit, Gespräche mit den jeweiligen Kunden, um eine Umschichtung in andere Anlageformen zu erreichen.“ Die Konkurrenz hält es recht ähnlich. „Im breiten Kundengeschäft mit relativ gesehen geringeren Einlagen gibt die Deutsche Bank keine Kosten für Einlagen an die Kunden weiter“, teilte Sprecher Christian Hotz mit. Doch mit Kunden mit höherem Einlagevolumen – Konzernen, großen Firmenkunden und sehr vermögenden Privatkunden – sei die Bank im Gespräch.

Schon heute verliert Vermögen auf dem Sparbuch oder Girokonto aufgrund der Inflation an Wert. Doch die Negativzinsen hätten nun eine andere Wirkung, führte Ulf Brothuhn aus, als die Bank ihre Entscheidung bekannt gab: „Das Ganze ist eher Psychologie.“ Kunden könnten die Negativzinsen auf Erspartes nicht nachvollziehen. Wer etwa ein Guthaben von 200 000 Euro auf dem Konto hat, für den fallen bei einem Verwahrentgelt von 0,5 Prozent 1000 Euro im Jahr an oder monatlich gerechnet rund 83 Euro.

Brothuhn: „Kein Verwahrer“

„Verwahrentgelte sind nur ein Weg der Banken und Sparkassen“, sagte Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen. Fast alle Banken – auch in Bremen – hätten die Kontoführungsgebühren erhöht. „Das wäre unter dem Strich wohl keinen Deut besser. Den Verbrauchern muss klar sein – es ist eine negative Rendite – so oder so.“ Für den Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel ist der Schritt der Volksbank „unvermeidbar“ gewesen.

„Die Negativzinsen sind eher eine Verzweiflungstat“, kommentiert er. Sie hätten ihren Ursprung nicht nur bei den Einlagenzinsen, die Banken zahlen müssen, sondern seien auch Folge der „langanhaltenden, extremen Billiggeldpolitik“. Die vermassele den Banken ihren Profit. Die Banken hätten längere Zeit mit Gebührenerhöhungen reagiert, doch das lasse sich nicht mehr darstellen: Der Trend zu Einlagenzinsen werde sich fortsetzen.

Insgesamt sollen von der Einführung der Negativzinsen 1000 Kunden der Volksbank betroffen sein. „Das heißt aber nicht, dass uns Einlagen unter 100 000 Euro nicht wehtun“, sagte Brothuhn dazu. Gegenüber Neukunden ist die Bank deutlich: Wer die Volksbank ausschließlich „als Verwahrstelle nutzen“ wolle, für den werde kein neues Konto eröffnet. „Die Bremische Volksbank ist Berater und kein Verwahrer.“ In der Vergangenheit wechselten Kunden zur Volksbank, weil ihre bisherige Bank bereits Negativzinsen eingeführt hatte. Die Volksbank bereitet derweil eine Kooperation mit der Plattform „Weltsparen“ vor. Diese bietet Einlagen weiter an.

+++ Dieser Text wurde aktualisiert um 21:36 Uhr +++

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