Einreiseverbot und Brexit

„Lange Schlangen in Dover und Calais“

Ob Handelsabkommen oder nicht: Der Bremer Außenhandelsexperte Volkmar Herr erwartet in jedem Fall Schwiergkeiten, wenn der Brexit zum Jahreswechsel kommt.
22.12.2020, 10:00
Lesedauer: 1 Min
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„Lange Schlangen in Dover und Calais“
Von Lisa Boekhoff
„Lange Schlangen in Dover und Calais“

Volkmar Herr

FRANK PUSCH
Kurze Zeit vor Inkrafttreten des Brexits fällt das Einreiseverbot. Gibt die Situation eine Ahnung davon, was im neuen Jahr passieren könnte?

Volkmar Herr: Ich glaube, die Sperre lässt sich nicht einschätzen, ohne an den endgültigen Brexit zu denken. Was dort passiert, zeigt in verschärfter Form, womit wir ohnehin rechnen mussten. Jetzt ist es eine vorübergehende Vorsichtsmaßnahme wegen Corona, und wir wissen noch nicht, wie lange sie dauert. Es dürfen zwar noch Lkw-Verkehre nach Großbritannien. Das Problem ist nur, dass die Fahrer dann vielleicht zu Weihnachten nicht zurückkommen. Ich glaube nicht, dass sehr viele bremische Spediteure direkt betroffen sind mit eigenen Lkw. Von Spediteuren und Händlern aus Deutschland und dem Ausland war schon unabhängig von der Sperre zu hören, dass sie mit Blick auf den Brexit nicht mehr nach Großbritannien fahren wollten.

Warum das?

Wegen des Brexits haben natürlich viele Unternehmen ihre Lager aufgefüllt – auf hiesiger wie auf britischer Seite. Damit wollen sie Störungen im Betriebsablauf abfedern, sollte es einen Brexit-Schock geben. Die Erwartung ist, dass an den Grenzen Staus entstehen – und das auch im Fall des Zustandekommens eines Freihandelsabkommens. Denn Großbritannien ist ab dem 1. Januar ein Drittland. Das ist so oder so ein Riesenproblem, denn jede Ware muss in der Folge zolltechnisch angefasst werden, selbst wenn der Zollsatz bei null liegen sollte. Es müssen zudem die warenspezifischen Sicherheitsmerkmale geprüft werden. Das kostet alles Zeit.

Nun ist wieder eine Frist abgelaufen. Wie wird dieser Krimi um den Brexit ausgehen?

Wir werden völlig unabhängig vom Freihandelsabkommen Störungen erleben und lange Containerschlangen in Dover und Calais sehen. Handelskosten werden mit einem Abkommen nur weniger teurer werden. Der Nachteil des Brexits liegt im Wesentlichen an der Bürokratie.

Wie hat sich das Geschäft zwischen dem Bundesland Bremen und Großbritannien entwickelt?

Das Handelsvolumen lag 2019 bei 2,5 Milliarden Euro. Der Export aus Bremen ist bedingt durch den Brexit schon deutlich zurückgegangen.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Volkmar Herr

ist bei der Bremer Handelskammer Geschäftsführer für den Bereich International.

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