Konjunkturumfrage der Handelskammer

Brexit: Bremer Unternehmen blicken mit Sorge in die Zukunft

Das Geschäftsklima verbessert sich zwar zum Jahresbeginn. Die Umfrage der Handelskammer Bremen macht jedoch die Sorgen der Wirtschaft deutlich – vor allem in Industrie, Außenhandel, Verkehr und Logistik.
31.01.2020, 11:45
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Brexit: Bremer Unternehmen blicken mit Sorge in die Zukunft
Von Lisa Boekhoff
Brexit: Bremer Unternehmen blicken mit Sorge in die Zukunft

Das Autoterminal von BLG Logistics in Bremerhaven. Gerade Verkehr und Logistik, Handel sowie die Industrie blicken gedämpft in die Zukunft.

INGO WAGNER/DPA

Im Herbst fiel die Bewertung noch deutlich positiv aus. Nun schätzen Industrieunternehmen in Bremen die aktuelle Geschäftslage in der Summe negativ ein angesichts nachlassender Aufträge und globaler Risiken. Das zeigt der Konjunkturreport der Handelskammer Bremen. Zwar hellt sich das Geschäftsklima im Bundesland gegenüber dem Herbst leicht auf, bleibt aber mit 98 Punkten auf einem niedrigen Niveau.

„Insgesamt ist der Abwärtstrend beim Geschäftsklima zunächst einmal gestoppt“, kommentiert der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer, Matthias Fonger, das Ergebnis. Dazu hätten die weiterhin gute Baukonjunktur und das positive Konsumklima insbesondere im Dienstleistungsbereich beigetragen. Gerade in der Industrie aber fällt der Wert zur Beurteilung der aktuellen Geschäftslage von 20 Punkten auf minus zwei Punkte.

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Daneben schneiden weitere für Bremen wichtige Bereiche mit Exportschwerpunkt schlecht ab: Im Groß- und Außenhandel sowie im Verkehr und in der Logistik liegen Positiv- und Negativmeldungen in etwa gleich auf. Die Groß- und Außenhändler planten wie bereits in der zweiten Jahreshälfte 2019, die Zahl der Mitarbeiter eher zu verringern.

Brexit belastet Stimmung

Düster sind die Aussichten: In der Umfrage zum Jahresbeginn unter rund 430 Betrieben überwiegen die pessimistischen Stimmen. Dabei spielt laut Fonger auch der Brexit für viele Unternehmen eine Rolle. Das Handelsvolumen macht Großbritannien zum bisher drittstärksten Partner Bremens.

In der Nacht von Freitag auf Sonnabend trat jedoch der Brexit in Kraft: der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Zunächst setzt eine Übergangsphase ein ohne wesentliche Veränderungen. Allerdings droht weiterhin, dass es zum Ende des Jahres kein Handelsabkommen zwischen EU und Großbritannien gibt.

Dann könnte es doch zu einem No-Deal-Brexit kommen. Eine Verlängerung der Übergangszeit hat der britische Premierminister Boris Johnson ausgeschlossen. „Angesichts der vielen globalen Risiken ist es jetzt umso wichtiger, das Vertrauen der Unternehmen in ihren Standort zu stärken", sagt dazu Fonger. Und er fordert in diesem Zusammenhang, dass der Wirtschaft im Bundesland jetzt beste Standortbedingungen geboten werden "wie zum Beispiel ausreichend attraktive Gewerbeflächen und eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur".

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In Bremen blicken derzeit gerade Unternehmen aus dem Bereich Verkehrs- und Logistikdienstleistung besorgt in die Zukunft. Fast zwei Drittel von ihnen erwarten eine eher ungünstige Geschäftsentwicklung. Für die Unsicherheiten macht Robert Völkl, der Geschäftsführer des Vereins Bremer Spediteure, vor allem den Handelskonflikt zwischen China und den USA verantwortlich. "Es wird nicht mehr mit Steigerungen beim Ladungsvolumen gerechnet, sondern mit einem schrumpfenden Verkehr."

Auch der Index für Containerumschlag des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung und des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) ist nach einer am Freitag veröffentlichten Einschätzung erneut deutlich gefallen im Monat Dezember. Demnach treten die negativen Wirkungen der Handelskonflikte auf den Welthandel immer deutlicher zutage: "Nunmehr sinken auch die Umschläge in den chinesischen Häfen, nachdem sie bisher vor allem in den Häfen an der Westküste der USA rückläufig waren."

Neues Fischereiabkommen nötig

Dagegen ist der Brexit laut Völkl besonders für die Exportwirtschaft Bremens von Bedeutung. Für die Logistik spiele der Austritt Großbritanniens aus der EU im Vergleich weniger eine Rolle, da die internationalen Handelsrouten nach Ostasien und Amerika viel gewichtiger seien. Auf die Stimmung drücke, dass die Konjunktur in China nicht mehr so läuft wie in der Vergangenheit. In Bremen sei zudem vor allem die Projektlogistik ansässig. Ein Rückgang sei hier beim Transport von Industrieanlagen zu beobachten – etwa zur Gas- und Erdölförderung.

Große Herausforderungen durch den Brexit wiederum sieht das Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven für den Fischfang kommen. Denn durch den Austritt unterliege Großbritannien nicht mehr der Fischereipolitik der EU. Ein neues Fischereiabkommen müsse bis Ende des Jahres verhandelt werden, heißt es in der Mitteilung des Instituts. Die Briten wollten, dass die Fangquoten nach den Aufenthaltsgebieten der Fischbestände vergeben werden. Gerade in den Gewässern des Vereinigten Königreichs gebe es reiche Fanggründe. Eine solche Regelung würde aber nach Berechnungen der Wissenschaftler massive Einschränkungen für die deutsche Fischerei bedeuten. Das zeigt ein Beispiel: "Die deutschen Fischer fischen zurzeit nahezu 100 Prozent ihrer Quote für Nordseehering in der britischen Wirtschaftszone."

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