Rettung erwünscht

Buchbranche bangt nach Insolvenz eines Großhändlers

Von der Pleite des Buchgroßhändlers KNV sind Läden in ganz Deutschland betroffen. Auch einige Bremer Buchläden bangen um ihr Geschäft, sollte KNV verschwinden. Weshalb sie auf den Grossisten angewiesen sind.
19.02.2019, 18:08
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Von Gregor Dotzauer und Nico Brunetti
Buchbranche bangt nach Insolvenz eines Großhändlers

Der insolvente Buchgroßhändler KNV hat auch Bremer Läden beliefert.

Dedert/DPA

Irene Nehen sucht nach neuen Nachrichten. Wieder einmal. „Momentan mache ich das ständig“, sagt die Inhaberin der Buchhandlung Melchers in Bremen-Schwachhausen. Sie will keine wichtige Information zur Insolvenz des Buchgroßhändlers Koch, Neff und Volckmar (KNV) aus Stuttgart verpassen. Denn die hat auch einen Einfluss auf die Zukunft ihres Geschäfts: „Als ich davon hörte, dachte ich: Um Gottes Willen – wie soll das weitergehen? Mich betrifft das sehr, den gesamten Handel hat es wie einen Donnerschlag berührt“, meint Nehen.

Wie viele andere Buchhandlungen nutzt sie KNV vor allem als Barsortimenter. So werden Unternehmen des Zwischenbuchhandels genannt, die vertraglich an sie gebundene Buchhändler auf eigene Rechnung und in eigenem Namen beliefern. KNV, das 2014 neu errichtete Erfurter Zentrallager, hält rund 590 000 Titel von über 5000 Verlagen auf Vorrat. Über Nacht kann jeder beliebige Titel von insgesamt 5600 Buchhandlungen bestellt werden. Diesem Logistiknetz sind 4200 Filialen in Deutschland angeschlossen, 800 in Österreich und der Schweiz sowie 600 Buchhandlungen in anderen Ländern.

Auch eine gute Nachricht

Nehens schlimmste Befürchtungen haben sich bisher nicht bewahrheitet. „Momentan läuft alles wie gewohnt. Alle Bestellungen sind lückenlos da“, erzählte sie. Inzwischen ist sie vorsichtig optimistisch, dass sich alles positiv regeln wird. Ähnlich sieht es Horst Baraczewski, Inhaber der Buchhandlung Geist in der Bremer City. Er nutzt KNV als zweiten Barsortimenter. „Für uns ist das nicht der ganz große Schock: Es läuft alles vollkommen normal, ich kann nachts noch schlafen.“ Beide Geschäftsleute wünschen sich, dass sich an dem aktuellen Zustand nichts verändert.

Die Hoffnungen von Irene Nehen ruhen auf Rechtsanwalt Tobias Wahl: Ihn hat das Stuttgarter Amtsgericht zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Er will die mittelständische Unternehmensgruppe, die sich durch das Abspringen ungenannter Investoren zur Insolvenzanmeldung gezwungen sah, schon im Interesse der rund 1800 Beschäftigten in Stuttgart und Erfurt retten. Bis Ende April, erklärte er, seien die Löhne und Gehälter durch das Insolvenzgeld gesichert.

Nach der Hiobsbotschaft von der KNV-Insolvenz, die vergangene Woche die Verlage und Buchhandlungen erreichte, gibt es auch eine gute Nachricht: Keiner sei daran interessiert, dass der Buchgroßhändler vom Markt verschwindet. Dieses Anliegen haben vor allem kleinere Verlage. Für sie sind das Überlebensfragen: Sie machen einen bedeutenden Teil ihres Umsatzes über diesen Zwischenhandel und sehen derzeit vor allem die Einkünfte aus dem Weihnachtsgeschäft bedroht. Mit den ausstehenden Forderungen nicht genug: Im Rahmen des Insolvenzverfahrens bestellt KNV auch keine Titel aus den Frühjahrsprogrammen mehr.

Ein weiteres Problem

Für das Zusammenspiel aller Kräfte gilt das, was Klaus Kowalke von der Chemnitzer Buchhandlung Lessing & Kompanie im "Börsenblatt" schrieb: "KNV ist systemrelevant." Der nächstgrößte Mitbewerber, der Hamburger Zwischenbuchhändler Libri, ist weder von seinen Kapazitäten her in der Lage, diese Lücke aufzufangen, noch wünscht sich jemand, ihn in die Rolle des Quasi-Monopolisten zu drängen. Er könnte den Verlagen dann die Rabatte diktieren, mit denen sie an die Barsortimente liefern. In Gestalt des schwäbischen Großhändlers Umbreit, der über einen Marktanteil von rund zehn Prozent verfügt, hat er nur noch einen unmaßgeblichen Konkurrenten.

Ein weiteres Problem kommt hinzu. Der Hauptlieferant von Amazon betreibt auch die Webshops vieler Buchhandlungen, darunter den der eigenen. Der Online-Auftritt wird zwar redaktionell vor Ort gepflegt, die Päckchen aber werden von KNV gepackt und versandt. Unter welchen Bedingungen es gelingt, KNV ein Überleben zu sichern, ist trotz vieler gemeinsamer Handelsinteressen strittig.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es zu einer Trennung von Auslieferung und Barsortiment kommt. Angeblich ist Online-Händler Amazon an einer Übernahme des Barsortiments interessiert. Er würde somit dann auch entscheidend im stationären Buchhandel mitmischen. Die Schuldennöte von KNV seien aber keine Nöte der Gesamtbranche.

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