Online bestellen, vor Ort abholen

Wie Bremer Buchhändler die Krise bewältigen

Auch Buchläden leiden unter der Corona-Krise – doch längst nicht jeder. Vor allem Geschäfte, die auch online vertreten sind, können sich behaupten.
14.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Lakeband und Erich Reimann
Wie Bremer Buchhändler die Krise bewältigen

Goethe per Lieferung: Irene Nehen hat in der Krise für ihren Laden umgedacht.

Frank Thomas Koch

Wer Irene Nehen nach den vergangenen Monaten fragt, der hört ein überzeugtes und freudiges „super“. Das mag überraschen: Nehen leitet schließlich ein kleines Geschäft, das coronabedingt im Frühjahr für mehrere Wochen schließen musste und auch jetzt nur unter Auflagen öffnen darf. Dass Nehen trotzdem positive Worte für die vergangene Zeit findet, dürfte mit der Art ihres Geschäfts zusammenhängen. Nehen betreibt einen Buchladen – die Buchhandlung Melchers in Schwachhausen.

Der Hauptgrund für das positive Zwischenfazit dürfte der Onlineshop der Bremer Buchhandlung sein. Über ihn konnten Kunden weiterhin Lektüre bestellen, Nehen und ihre Mitarbeiter haben die Bücher dann persönlich ausgeliefert. Können die Kunden nicht zur Literatur kommen, muss die Literatur eben zu den Kunden.

E-Commerce sorgt für Wachstum

Online bestellen, beim lokalen Händler kaufen – so halten es viele Kunden in der Corona-Zeit. Das spüren nicht nur die kleinen Geschäfte wie die Buchhandlung Melchers, sondern auch die großen. Deutschlands größte Buchhandelskette Thalia Mayersche etwa ist dank ihres starken E-Commerce-Geschäfts auch in der Corona-Krise weiter gewachsen.

Insgesamt seien die Umsätze der Geschäfte in Deutschland und Österreich im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr 2019/20 um rund sechs Prozent auf etwas über eine Milliarde Euro gestiegen, teilte Firmenchef Michael Busch am Dienstag mit. Bereinigt um die Effekte der Fusion mit der Mayerschen Buchhandlung liege das Umsatzplus immer noch bei zwei Prozent.

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Bewährt habe sich vor allem, dass Thalia das stationäre und das Onlinegeschäft eng verknüpft habe. Zwar habe die Kette im stationären Geschäft etwa zehn Prozent Umsatz verloren. Doch sei das E-Commerce-Geschäft in der Pandemie um mehr als 40 Prozent gewachsen. Der Umsatzanteil des E-Commerce-Geschäfts gehe bei Thalia inzwischen in Richtung 25 Prozent oder mehr.

Den Trend zum Onlinehandel sieht auch die Unternehmensberatung Pricewaterhouse-Coopers (PWC). Geschäfte wie Melchers und Thalia hätten daher profitiert. Doch nicht jeder komme mit so gutem Umsatz durch die Krise. „Die Covid-19-Pandemie wirkt wie ein Katalysator für digitale Absatzwege im Buchvertrieb“, sagt PWC-Experte Werner Ballhaus. Besonders hart treffe es die Läden, die kein Onlineangebot hätten.

Selbst wenn sich die Lage wieder entspanne, könnten sie noch die Folgen spüren. „Wenn sich die Konsumenten einmal daran gewöhnt haben, Bücher online zu kaufen, wird es für den stationären Handel schwierig, sie wieder zurückzugewinnen.“ Zwischen Januar und September büßten die klassischen Buchhändler laut den jüngsten Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Vorjahresvergleich fast ein Zehntel ihrer Umsätze ein.

Treue Kunden in der Nachbarschaft

Ein Gegenbeispiel ist da auch die Buchhandlung Balke in der Bremer Neustadt. „Unsere Umsätze sind stabil, wir haben keinen Grund zu klagen“, sagt Brigitte Schiffer. Sie arbeitet schon lange bei Balke, Anfang des Jahres hat sie das Geschäft zusammen mit einer Kollegin übernommen. Dass die kurz darauf startende Corona-Krise dem Laden nichts anhaben konnte, führt Schiffer auch auf die Verwurzelung im Stadtteil zurück.

„Unsere Kunden wohnen alle in der Nähe. Für ihre Unterstützung sind wir sehr dankbar.“ Ähnlich wie bei Melchers waren auch Schiffer und ihre Kollegen unterwegs, haben mit Fahrrad und Bollerwagen Bücher ausgeliefert. Besonders beliebt in diesem Jahr: Literatur zur Gartenarbeit. Von Buchhändlerkollegen habe sie gehört, dass auch Kochbücher viel nachgefragt wurden.

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Aktuell dürfen maximal vier Kunden gleichzeitig in der Buchhandlung sein. Und das dürfte wohl noch eine Weile so bleiben. Dabei ist gerade das Jahresende mit dem Weihnachtsgeschäft besonders wichtig für den Buchhandel. „Wie das aussehen soll, kann ich mir noch gar nicht vorstellen“, sagt Schiffer. Über ihren Onlineshop, der von einem Buchgroßhändler angeboten wird, sollen Kunden bald angeben können, ob die Bestellung als Geschenk eingepackt werden soll.

Auch Nehen von der Buchhandlung Melchers hat schon Ideen für das Weihnachtsgeschäft. Eventuell richtet sie eine Abholstation außerhalb des Ladens ein, um alle Kunden versorgen zu können. Außerdem sollen die bald mehr Zeit für die große Auswahl haben: Für die kommenden Sonnabende können Kunden Termine in der Buchhandlung buchen, um in aller Ruhe zu stöbern.

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