Renaissance des Tauschhandels Chancen und Gefahren der "Share Economy"

Das Internet ha dem Tauschhandel eine Renaissance beschert. Die "Share Economy" wird als Geschäftsmodell der Zukunft gepriesen. Doch im Schatten des Glanzes versuchen sich profitorientierte Unternehmen an dem Trend zu bereichern.
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Chancen und Gefahren der
Von Klaas Mucke

Der Tauschhandel ist ein uraltes wirtschaftliches Prinzip. Doch das Internet und seine mobile Nutzung haben dem Prinzip eine Renaissance beschert. Die „Share Economy“ wird als Geschäftsmodell der Zukunft gepriesen, weil es ein moralisch integeres Konsumbewusstsein verspricht – einen Hauch von besserer Welt. Doch im Schatten des Glanzes versuchen sich profitorientierte Unternehmen an dem Trend zu bereichern und drohen, eine Branche in Verruf zu bringen.

Tauschen, schenken, teilen – ein uraltes Prinzip des Handelns erfährt neuen Aufschwung durch das Internet. Die Ökonomie des Teilens heißt neuerdings Share Economy – und verändert den Markt. Was früher ausschließlich unter Verwandten und Bekannten, unter Nachbarn und Freunden üblich war, ist inzwischen zu einem globalen Trend geworden. Couchsurfing, Carsharing, Ziplock, Foodsharing – auf sämtlichen Plattformen im Internet lassen sich Schlafplätze, Autos, Werkzeuge und sogar Essen teilen.

„Im Grundsatz steckten hinter der Idee der Share Economy selbstlose Prinzipien“, sagt Reinhard Loske, Professor für Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke. Loske spricht von der „gemeinsamen und nachhaltigen Nutzung von Ressourcen im Sinne des Gemeinwohls“. So habe sich die Idee des Carsharings beispielsweise aus der Vorstellung entwickelt, den zunehmenden Verkehr zu reduzieren. Foodsharing bewahrt vom Verfall bedrohte Lebensmittel vor dem Wegwerfen, und wer für einen Tag lang eine Bohrmaschine benötigt, kann sie sich bei einem Anbieter um die Ecke leihen, ohne sich eine kaufen zu müssen. Dass ein solcher Verleih häufig gegen kleine Geldbeträge erfolgt, findet Loske nicht schlimm. „Man muss aber aufpassen, dass es nicht zur Profitmaschine wird.“ Aus diesen Ansätzen für einen bewussteren Konsum und ein soziales Miteinander haben sich neue Geschäftsmodelle entwickelt, die genau dies im Sinn haben: Profit.

Unternehmen wie Uber und Airbnb stehen in der öffentlichen Kritik. Bei der Firma Uber können sich Privatpersonen registrieren und über eine App Fahrten in ihrem eigenen Auto anbieten. Bei Airbnb können Privatpersonen ihre Zimmer zur zwischenzeitlichen Vermietung anbieten. Die Taxi- und Hotelbranche sind in Aufruhr geraten. Die Internet-Plattformen würden rechtliche Grauzonen nutzen und könnten nur daher günstigere Preise bieten. Das verzerre den Wettbewerb. Die rechtliche Grauzone: Airbnb-Anbieter müssen sich nicht wie Hotels um Sicherheitsstandards bemühen, Fahrer von Uber haben keine Genehmigung nach dem Personenbeförderungsgesetz. In Berlin und Hamburg reagierte man mit einem Verbot von Uber-Fahrten.

Im Internet selbst wird diese Problematik heftig diskutiert. Der Begriff „Share Economy“ gerät mitsamt seiner altruistischen Grundidee in Verruf. Es könne von Sharing, vom Teilen, keine Rede mehr sein – vielmehr zeige sich hier eine neue Form des digitalen Kapitalismus, wetterte Internetexperte und Blogger Sascha Lobo. Die Arbeit der privaten Kleinstunternehmer schaffe zudem eine „Dumpinghölle“, in der Amateure dazu dienten, die Preise der Profis zu drücken. „Sklavenhandel“ und „organisierte Schwarzarbeit“ sind die Stichworte, die in vielen Foren dazu fallen.

Daniel Bartel ist Share-Economy-Experte. Er gründete den Vorgänger des Online-Magazins OuiShare und ist zudem Mit-Initiator des privaten Carsharing-Portals autonetzer.de Auf Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen referiert er über die Vorteile der Share Economy. Auch er findet, im Ansatz handle es sich bei der Share Economy um ein altruistisches Prinzip. „Aber es gibt Leute, die das für sich ausschlachten.“ Das sei nicht in Ordnung. Bartel sieht die Politik in der Verantwortung. „Restriktionen und Verbote können nicht die Lösung sein. Es muss ein Pfad der Rechtssicherheit eingeschlagen werden“, sagt Bartel und gibt ein Beispiel. „Wenn ich 30 Tage im Jahr mein Zimmer vermiete für die Zeit, die ich anderswo unterwegs bin, dann kann man mir doch keine Gewerblichkeit vorwerfen – das ist dann doch ein sinnvoller Austausch.“

Auch Reinhard Loske sieht die Politik in der Pflicht. Zwar könne sie allein keine Tatsachen schaffen, aber Projekte der Share Economy, die am Gemeinwohl orientiert sind, unterstützen. „Es wäre utopisch, zu glauben, man könne diese Entwicklung zentral steuern, aber sie muss in eine gute Richtung gelenkt werden“, sagt Loske. „Das Thema gehört auf die politische Agenda.“ Es sei höchste Zeit, dass sich Netzgemeinde, Ökologiebewegung und Gewerkschaften in Deutschland und Europa intensiv mit drängenden Fragen auseinandersetzten. So müsse beispielsweise sichergestellt werden, „dass die Share Economy nicht zu einer reinen Domäne der Internetgiganten mit ihren Gewinn- und Beeinflussungsinteressen wird“.

Bartel und Loske sind sich einig darüber, dass ein Nebeneinander der kommerziellen und der altruistischen Ausprägungen der Share Economy möglich ist. „Für beide Formen gibt es Bedarf“, sagt Bartel. Die Share Economy bleibe eine Nische, die aber eine zunehmend größere Rolle spielen werde.

Innerhalb dieser Zielgruppe wandeln sich mit den neuen Konsumformen auch die Strukturen. Denn die Rolle der Verbraucher verändert sich. Es handeln nun nicht mehr nur Anbieter mit Verbrauchern, der Verbraucher wird selbst zum Anbieter. „Wenn Verbraucher mit Verbrauchern Probleme haben – auf wessen Seite steht dann der Verbraucherschutz?“, fragt Martin Klug, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Rechtlich gelange der Verbraucherschutz an seine Grenzen. Die Aufgabe der Verbraucherzentralen sei es aber dennoch, Nutzungsformen wie die der Share Economy Verbrauchern zugänglich zu machen und dafür auch die bestehenden Verbraucherbilder zu hinterfragen. Man habe das Problem erkannt und suche nach Lösungen. „Es ist nötig, das zu diskutieren. Die Share Economy kann viele positive Effekte haben“, sagt Klug, „bei einem größer werdenden Markt aber auch negative.“

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