Interview mit CEO einer Bremer Event AG

Feiern trotz Corona: Konzept für geschützte Konzerte

Feiern trotz Corona: Fachleute haben ein Konzept für geschützte Konzerte und andere Veranstaltungen erarbeitet. Der Bremer Christian Seidenstücker hat die Gruppe geleitet. Das steckt hinter dem Konzept.
06.05.2020, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Feiern trotz Corona: Konzept für geschützte Konzerte
Von Eva Przybyla
Feiern trotz Corona: Konzept für geschützte Konzerte

Gegen den Stillstand seiner Eventagentur will Christian Seidenstücker etwas tun. Überzeugt sein Konzept die Politik, könnte er bald wieder Veranstaltungen organisieren.

Christina Kuhaupt

Seit mehr als 25 Jahren veranstalten Sie Privat- und Firmenevents. Wie sehr sehnen Sie sich nach einer Party, Herr Seidenstücker?

Christian Seidenstücker: Sehr! Videokonferenzen – das kann man mal machen. Aber es geht doch nichts über den persönlichen Austausch, wenn man sich gegenübersteht. Wir Menschen lieben es, zusammenzukommen. Dabei geht es nicht nur um Partys. Veranstaltungen sind ja noch viel mehr: Auch das Konferenz- und Messegeschäft zählt dazu. Die meisten unserer Projekte sind etwa Produktvorstellungen, Tagungen und Firmenveranstaltungen, um Mitarbeiter auf ein Ziel einzuschwören. Das alles findet jetzt null statt.

Woran arbeiten Sie gerade?

Größtenteils an Stornierungen. Normalerweise wären wir jetzt mit Festivalvorbereitungen beschäftigt. Wir vertreten viele Unternehmen, die sich auf Festivals präsentieren. Das alles mussten wir verschieben.

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Eine schwierige Zeit für Sie?

Oh ja. Aber wir Veranstalter wollen nicht immer nur jammern. Sondern wir beschäftigen uns damit, wie wir jetzt trotzdem Events organisieren und Firmenveranstaltungen umsetzen können.

Dafür haben Sie mit einer Expertengruppe ein Konzept entwickelt. Können Sie so verhindern, dass sich jemand auf einem Konzert ansteckt?

Ja, mit dem idealen, derzeit noch nicht realisierbaren Szenario A schon. Es repräsentiert unser, aber auch das große Ziel der Bundesregierung und vieler Fluggesellschaften: Demnach soll jeder, bevor er einen geschlossenen Raum betritt, einen Schnelltest machen. Nach bis zu 15 Minuten wüsste man dann, ob man Corona hat oder nicht. Ist man gesund, darf man aufs Konzert. Der positive Nebeneffekt für die Politik: Veranstaltungen wären so auch eine Möglichkeit für flächendeckende Tests.

Wenn es so viele Schnelltests gäbe: Dürften Veranstalter das den Besuchern abverlangen?

Das haben wir uns auch gefragt. Außerdem wird es Veranstaltungen geben, auf denen man diese Massentests aus finanziellen oder ethischen Gründen nicht durchführen kann. Deshalb gibt es in unserem Konzept auch ein zweites, realistischeres Szenario B. Das haben wir Veranstalter uns gegenüber den Virologen erkämpft.

Laut dem zweiten Szenario sollen die Kontaktdaten der Teilnehmer elektronisch erfasst werden. Wollen Sie mehr Daten sammeln?

Was heißt wollen – wir müssen. Das ist das Zugeständnis, das wir an die Politik machen müssen. Jede Infektionskette soll künftig so wieder nachvollziehbar gemacht werden. Aber bei einem klassischen Businessevent ist es sowieso üblich, dass wir die Teilnehmerdaten nur für diese Veranstaltung nutzen. Und so wird es auch in Zeiten der Corona-Pandemie laufen: Wir erfassen elektronisch die Kontaktdaten und die E-Mail-Adresse. Und wir speichern die Daten maximal 14 Tage lang.

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Fragen Sie dann auch nach vergangenen Covid-19-Infektionen?

Die Hygieniker und Virologen wünschen sich so einen zusätzlichen Fragebogen zu Aufenthalten in Risikogebieten, durchstandener Corona-Erkrankung und mehr.

Aber Sie nicht?

Wir sind bereit, so viel zu machen, dass sich jeder Teilnehmer sicher, aber nicht ausgefragt fühlt. Einen zehnminütigen Fragebogen kann man nicht jedem Publikum zumuten. Und auf nationaler Ebene reicht laut Robert-Koch-Institut die Erfassung der Kontaktdaten. Auf internationaler Ebene sind laut WHO solche Vorabfragen sehr wünschenswert.

Das Szenario sieht viele Auflagen vor, etwa viele leere Sitzplätze und Hygiene-Einweisungen. Ist das nicht ein Horror für Veranstalter?

Gerade in unserer Branche sind wir es gewohnt, mit vielen Verordnungen zu arbeiten. Aber sicher, unser Job wird aufwendiger. Wir müssen etwa in größere Locations gehen. Oder umgekehrt kann nur noch ein Viertel oder Drittel der ursprünglich geplanten Besucherzahl an der Veranstaltung teilnehmen. Aber wenn wir fordern, dass wir alles so machen dürfen wie immer, kommen wir erst in eineinhalb Jahren aus dem Lockdown heraus.

Für kleine Veranstalter wäre das hart, oder?

Wir haben schon von dem ein oder anderen Partyveranstalter gehört, dass er Angst hat, diesen Schutz so nicht leisten zu können. Auf deren Events geht es schließlich oft um engen Tanz und Anonymität. Für diese Veranstalter gibt es dann aber das Schnelltest-Szenario.

In dem Konzept steht auch, dass Kontrollen vor Ort verpflichtend sein sollten.

Selbst wenn Sie als Veranstalter an alles gedacht haben, muss kontrolliert werden, ob sich alle Besucher an die Vorgaben halten. Wenn die Gäste in der Halle sind, ihre Masken abziehen und kuscheln oder tanzen, haben wir im Zweifelsfall ein zweites Heinsberg. Dieser Gefahr ist sich die Branche bewusst.

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Wie wollen Sie vor Ort kontrollieren?

Das ist die klassische Aufgabe des Security-Dienstes. Da gibt es aber auch schon Technik. Veranstaltungen werden ja bereits aus Sicherheitsgründen kameraüberwacht, erst recht seit der verhängnisvollen Loveparade 2010. Eine Software registriert etwa, wenn sich zu viele Menschen an einem Fleck sammeln. Dann blinken Warnleuchten auf. Dazu gibt es Lautsprecheranlagen, um Durchsagen zu machen.

Und darüber gibt es dann Ansagen wie „Halten Sie Abstand“?

Definitiv.

Kommt da überhaupt Stimmung auf?

Das ist genau der Punkt. Es ist nicht so, dass wir sagen: ,Wir haben jetzt hier so ein Papier und damit ist alles gut.' Das ist eine Übergangslösung. Sie regelt den stufenweisen Übergang in eine Normalität, die erst vorherrschen kann, wenn ein Impfstoff gefunden wurde. Es wird also wahrscheinlich erst in eineinhalb bis zwei Jahren möglich sein, wieder unbeschwert zu feiern.

Wie viele Gäste würden solche Veranstaltungen besuchen?

Man muss sich fragen: Wem ist derzeit überhaupt nach Feiern zu Mute? Die Menschen haben Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren und kein Geld. Veranstalter fürchten deshalb eine weitere, schwere Auswirkung der Pandemie: So dürfen sie Events zwar veranstalten, aber keiner geht hin, weil die Besucher und Auftraggeber Angst vor Ansteckung haben.

Können Sie den Menschen mit dem Konzept die Angst nehmen?

Das ist das Maximum an Schutz, das man momentan umsetzen kann. Das haben uns Virologen bestätigt. Der Veranstalter tut demnach das Möglichste. Und er muss sein Konzept mittels neuer Erkenntnisse immer wieder anpassen. Damit das geschieht, muss er eine Risikoanalyse vornehmen, die von einem Hygieniker vorab geprüft wird.

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Eine Ansteckung ist nicht ausgeschlossen?

Es geht uns mit dem Konzept darum, dass Veranstalter sagen können: Ich habe nach derzeitigem Kenntnisstand alles nach bestem Wissen und Gewissen getan, um das Event so sicher wie möglich zu gestalten. So macht es ja auch die Automobilindustrie mit den Airbags: Sie versuchen das Risiko – so weit es geht – zu minimieren. Aber ein Restrisiko haben Sie immer, sobald Sie die Haustür verlassen.

Und wenn es auf einer Veranstaltung zu Infektionen kommt – wer trägt die Schuld?

Rein rechtlich haftet der Veranstalter. Aber mittelbar wird der Veranstalter versuchen, seine Dienstleister in Regress zu nehmen.

Was passiert dann?

Die Containmentmanager des Gesundheitsamtes würden dann übernehmen. Und de facto ist es ja so: Selbst wenn Sie als Privatperson in die Straßenbahn einsteigen, tragen Sie ein gewisses Restrisiko. Der Unterschied zwischen der Straßenbahn und einer Veranstaltung ist: Die Veranstalter wissen zu jedem Zeitpunkt, wer in ihrer Halle war. Wir können zumindest den Schaden begrenzen.

Das Gespräch führte Eva Przybyla.

Info

Zur Person

Christian Seidenstücker (50) ist Vorstand der Bremer Joke Event AG. Er leitet die Arbeitsgruppe des Branchenverbands Famab, die jüngst ein Konzept für den Infektionsschutz auf Veranstaltungen vorgelegt hat.

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Zur Sache

Die Handlungsempfehlungen

Von Veranstaltern für Veranstalter – nach diesem Prinzip hat eine Gruppe von Experten mit dem Berliner Research Institute for Exhibition and Live-Communication (Rifel) einen Leitfaden entwickelt. Unter dem Titel „Infektionsschutz und Grundrecht auf Versammlungsfreiheit sichern“ haben sie Schutzkonzepte für Veranstalter veröffentlicht. Ein Konzept, das als zeitnah realisierbar gilt, sieht detaillierte Regelungen für Konzerte, Partys und andere Events vor. Um etwa den Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen den Gästen zu garantieren, soll es demnach getrennte Ein- und Ausgänge, Markierungen, freie Sitze in Sälen und Kontrollen durch Security-Personal geben. Der Plan wurde von Medizinern geprüft und genehmigt.

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