Handelskammer-Chef im Interview

„Der Staat muss härter durchgreifen“

Bremer Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Matthias Fonger spricht über mögliche neue Einschränkungen und wie diese verhindert werden können. Warum der Senat dabei aus seiner Sicht eine wichtige Rolle spielt.
17.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Der Staat muss härter durchgreifen“
Von Maren Beneke
„Der Staat muss härter durchgreifen“

Appellieren und sanktionieren – dieser Zweiklang könnte aus Sicht von Matthias Fonger dabei helfen, neue Einschränkungen zu vermeiden. Er befürchtet – sollte es erneut zu einem Lockdown kommen –, dass dieser erneut vor allem die Gastronomie, den Einzelhandel und den Tourismus treffen würde.

Joerg Sarbach /Handelskammer Bremen /dpa
Herr Fonger, die Prognosen sind düster. Es gibt Befürchtungen, dass bis Ende 2021 bundesweit mehr als 20.000 Unternehmen in die Insolvenz gehen müssen, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) spricht branchenübergreifend von zehn Prozent der Firmen. Mit wie vielen Pleiten rechnen Sie für Bremen?

Matthias Fonger: Die wirtschaftliche Entwicklung in Bremen ist durch die Corona-Krise weiterhin herausfordernd. Unsere Konjunkturumfrage hat zwar ergeben, dass sich die Aussichten im Sommer gegenüber dem desaströsen Ergebnis im Frühjahr etwas verbessert haben. Aber sie bleiben insgesamt schlecht. Der größte Teil der Unternehmen rechnet erst ab 2021 damit, dass sich die Lage langsam normalisiert. Der Herbst und der Winter werden also problematisch bleiben. Die Frage nach den Insolvenzen in Bremen seriös zu beantworten, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Denn bis Ende September laufen die Sonderregelungen im Hinblick auf das Insolvenzrecht.

Die Sonderregelungen, die Sie ansprechen, beziehen sich auf die Entscheidung der Bundesregierung vom März, dass Unternehmen, die durch die Pandemie in Schwierigkeiten gekommen sind, eine drohende Pleite nicht sofort anzeigen müssen. Ist das ein gutes In­strument?

Es ist ein zweischneidiges Schwert: Im ersten Moment hat es geholfen, Adhoc-Insolvenzen zu vermeiden. Das war auch richtig. Aber der DIHK steht einer Verlängerung des Moratoriums kritisch gegenüber. Wir befürchten, dass eine Blase entstehen könnte, die, wenn sie zu groß wird, platzt.

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Die Blase wird zu groß, wenn Firmen, die eigentlich schon pleite sind, weiterhin Kredite aufnehmen und mit zusätzlichen, vielleicht gesunden Unternehmen zusammenarbeiten, die die Kredite dann am Ende auch nicht mehr bedienen können.

Genau. Das Schlimmste wäre, wenn sehr viele Unternehmen gleichzeitig vom Markt verschwinden und dann die Gläubiger und Lieferanten mit in einen Strudel ziehen. Das könnte dann weitere, eigentlich gesunde Unternehmen gefährden.

Konkret fordern Sie also das Ende der Insolvenzregelung vom März?

Es muss genau geprüft werden, ob es sich lohnt, die Regelung eventuell noch über einen kurzen Zeitraum fortzuführen. Was aber auf keinen Fall passieren darf, ist, dass das Moratorium noch weit ins kommende Jahr hinein verlängert wird. Das volkswirtschaftliche Risiko wäre zu hoch. Parallel halten wir eine kurzfristige Reform des Insolvenzrechts für erforderlich. Mit einem besseren rechtlichen Rahmen könnte ein Teil der insolvenzgefährdeten Unternehmen mit rechtzeitigen Sanierungsmaßnahmen gerettet werden.

Vier von fünf Deutschen erwarten laut Umfragen, dass es noch in diesem Jahr eine erneute Verschärfung der Corona-Schutzmaßnahmen gibt. Neun von zehn Befragten sind sich bewusst, dass strengere Regelungen die wirtschaftliche Gesamtsituation verschlechtern würden. Wie kann ein neuer Lockdown verhindert werden?

Wir müssen alle durch unser Verhalten vermeiden, dass es zu einem großen Anstieg der Infektionszahlen und damit wieder zu einer Verschärfung der Restriktionen kommt. Das bedeutet auch, dass die Corona-Regeln, die wir uns gesetzt haben, eingehalten werden müssen – in Restaurants, in Geschäften, in Unternehmen genauso wie in der Öffentlichkeit.

Muss der Staat härter durchgreifen und dort, wo es beispielsweise eine Maskenpflicht gibt, dafür sorgen, dass diese auch angewandt wird?

Wenn wir Regeln zum Schutz aller und am Ende auch zur Sicherung der Wirtschaftsaktivität schaffen, dann müssen diese auch eingehalten werden. Also: Ja, ich bin dafür, dass der Staat zum Beispiel in Bussen und Bahnen härter durchgreift.

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Ganz offensichtlich gibt es Menschen, die das grundsätzlich anders sehen. Zehntausende haben gegen genau diese Einschränkungen demonstriert, in Bussen und Bahnen werden Masken teilweise gar nicht erst aufgesetzt, in bestimmten Urlaubsregionen ist ohne Abstand gefeiert worden. Wie erklären Sie sich dieses Paradoxon?

Ich bin kein Psychologe. Aber ich glaube, dass sich Menschen nach einer gewissen Zeit nicht mehr so streng an das halten, was sie rational eigentlich für richtig halten. Deswegen verhalten sich viele jetzt im Sommer anders als noch in den ersten Wochen der Pandemie. Wir müssen weiterhin appellieren und sanktionieren. Das hilft am Ende allen.

Halten Sie einen zweiten Lockdown denn für denkbar?

Niemand kann in die Zukunft schauen. Aber aus ökonomischer Sicht muss dieses Szenario absolut verhindert werden. Zum Glück sind wir mit den Erkenntnissen heute viel weiter als noch vor ein paar Monaten. Sollte es zu neuen Einschränkungen kommen, werden sie regional viel differenzierter sein.

Was würde ein zweiter Lockdown für Bremen bedeuten?

Neue Einschränkungen würden vor allem die treffen, die auch schon beim ersten Lockdown stark gelitten haben, sprich: Gastronomie, Tourismus, Einzelhandel. Die Lage für diese Branchen ist schon jetzt fatal.

Der Mittelstandsverband fordert ein erneutes Handeln der Politik, es müsse ein „umfassendes Konzept zur nachhaltigen Rekapitalisierung der mittelständischen Unternehmen“ geben. Ist es nicht langsam an der Zeit, dass sich die Firmen selbst helfen?

Das funktioniert für manche Branchen nicht. Nehmen wir nur den Veranstaltungs- und Messebereich: Hier wird über einen längeren Zeitraum kein oder kaum Geschäft zu machen sein. Hier muss es weitere Hilfen geben, dafür setzen auch wir uns ein.

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Bremen ist nach wie vor ein Industrie-Standort mit einigen sehr großen Arbeitgebern, die derzeit besonders leiden. Viele Firmen sind außerdem stark exportorientiert. Ist die Bremer Wirtschaft stärker als andere Standorte betroffen?

Grundsätzlich ist die Wirtschaft in Bremen und Bremerhaven stark und gut aufgestellt. Insbesondere von der Exportstärke hat das Land Bremen lange profitiert. Das ändert sich natürlich in einer solchen Situation. Durch den starken Schwerpunkt auf Außenhandel, auf Luftfahrt und Fahrzeugbau sind in Bremen einige Branchen und die Zuliefererindustrie, die damit zusammenhängt, in Schieflage geraten. Tatsächlich haben unsere Analysen ergeben, dass die Pandemie Bremens Wirtschaft besonders hart trifft.

Das heißt, die Wirtschaft hat falsche Schwerpunkte gesetzt?

Das kann man so nicht sagen. Die Corona-Pandemie führt dazu, dass es bisher starken Branchen, die ansonsten konjunkturell vollkommen unabhängig voneinander sind, gleichzeitig schlecht geht. Fast ein Drittel der befragten Unternehmen in unserem aktuellen Konjunkturreport haben angegeben, dass sie 2020 mit Umsatzeinbrüchen von 25 Prozent und mehr rechnen. Das ist sehr bedenklich. Aber wenn wir einen zweiten Lockdown verhindern, wird es 2021 wieder aufwärts gehen.

Das Gespräch führte Maren Beneke.

Info

Zur Person

Matthias Fonger leitet die Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven seit 1999 als Hauptgeschäftsführer und I. Syndicus. Fonger hat Volkswirtschaftslehre und Jura studiert. Bevor er seinen Posten im Schütting angetreten hat, war der promovierte Wirtschaftswissenschaftler für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag in Bonn und Brüssel tätig.

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