Abschied mit Kritik am Sanierungskurs Chefarzt verlässt den Bremer Klinikverbund

Bremen. Seit vergangener Woche sind der Chefarzt Taylan Öney und der Klinikverbund-Chef Diethelm Hansen offiziell Konkurrenten. Nach seiner Verabschiedung arbeitet Öney bei der Konkurrenz - nicht ohne den Sanierungskurs von Hansen zu kritisieren.
07.11.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Rainer Kabbert

Bremen. Anfang der 90er-Jahre kämpften sie in Berlin gemeinsam am Operationstisch um das Leben von Patienten: Der Chirurg Taylan Öney und der Anästhesist Diethelm Hansen. 2008 begegneten sich beide in Bremen wieder, der eine als Chefarzt, der andere als Chef des Klinikverbunds Gesundheit Nord. Seit vergangener Woche sind sie offiziell Konkurrenten. Nach seiner Verabschiedung arbeitet Öney bei der Konkurrenz - nicht ohne lautstark den Sanierungskurs von Hansen zu kritisieren.

Biographische Linien kreuzen sich und bilden interessante Muster: Im Falle Öney/Hansen auf der Folie einer Gesundheitspolitik, die seit Jahrzehnten für Aufregung in Bremen sorgt. Im individuellen Schicksal der beiden Mediziner spiegelt sich denn auch das Wirken hanseatischer Kommunalpolitiker, das nicht wenige als wenig nachhaltig umschreiben.

Dabei reden beide zuallererst mit großer Wertschätzung voneinander. "Ein guter Mann", sagt Öney, mit enormen Kenntnissen in der Gesundheitspolitik. Und fügt hinzu: "Ich bewundere Hansen, er stellt sich mit der Sanierung der kommunalen Kliniken einer Mammutaufgabe." Einer Sanierung, die Öney im Grundsatz mitträgt. Und der gewaltigen Herausforderung wie dem Neubau des Klinikums Bremen Mitte.

Auch Hansen redet über seinen Hauptkritiker in einer Weise, die nicht höflicher sein könnte. "Ein Mensch, den ich persönlich sehr schätze", sagt er. "Ein fachlich sehr guter Gynäkologe und Operateur." Einer, der sich den Patienten gut zuwenden könne. Doch in der Sache sind sie heute über Kreuz.

Damals, im Klinikum Berlin-Steglitz, hatte der jetzt 64-jährige Öney am Operationstisch noch das Sagen. Der nun 51-jährige Hansen lieferte die Dienstleistung, Patienten mit sinnvoller Narkose zu versorgen. In Bremen kehrte sich das Verhältnis um. Diethelm Hansen, in Berlin zum Regionaldirektor und Ärztlicher Direktor am Vivantes Klinikum Neukölln aufgestiegen, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins für Krankenhaus Controlling, übernahm im März 2008 das Management der Holding Gesundheit Nord, als Sprecher der Geschäftsführung - und bestimmt fortan die Richtlinien in den vier städtischen Kliniken.

Da war Öney schon rund 15 Jahre in der Stadt, zuletzt als Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum Links der Weser. Während er weiterhin Geburten beförderte und Krebsgeschwüre operierte, setzte Hansen das Skalpell ins Geflecht der kommunalen Krankenhauslandschaft. Stellenstreichungen, neue Ressourcenverteilung im Klinikverbund, Zentralisierung von Aufgabenfeldern: Der Sanierungskurs sorgte für Fronten und Unmut. "Bei Umstrukturierungen gibt es immer Gewinner und Verlierer", meint Hansen, "trotz aller Diskussionen bedarf es am Ende aber einer Entscheidung der Geschäftsführung."

Doch wie? "Mit der Brechstange oder im Konsens", fragt Öney, "durch Zusammenführen oder Vernichtung von Strukturen?" Öney gehört im Klinikum Links der Weser im Sanierungsprozess zu den Verlierern. 1993, sagt er, gab es hier 850 Geburten, 2011 addieren sie sich auf 2000.

Die operativen Fälle stiegen nach seiner Zählung von 800 auf 2500, bei Halbierung der Bettenzahl auf 58 sowie starker Reduzierung der Tage, die Patienten in der Klinik verweilten. "Inmitten dieser Erfolgsstory wurde umstrukturiert", beklagt Öney.

Patientinnen mit Mamma-Karzinom dürfen nur noch im Brustzentrum im Klinikum Mitte behandelt werden, auch Frühgeburten unter 1250 Gramm und Frauen mit einer drohenden Fehlgeburt vor der 29.Schwangerschaftswoche werden nicht mehr Links der Weser aufgenommen. Es folgte massiver Personalabbau, kritisiert Öney. Gut ausgebildete Krankenschwestern mit Erfahrungen auf Intensivstationen "wurden von auswärtigen Krankenhäusern mit Kusshand aufgesaugt". Eine Umstrukturierung mit Erfolg? Öney zweifelt. Der prognostizierte Anstieg der Fallzahlen blieb aus, behauptet er, damit auch der prognostizierte Erlöszugewinn.

Sanierung mit der Brechstange? Hansen wundert sich über Öneys Formulierung. "Da haben wir wohl eine unterschiedliche Wahrnehmung." Immerhin hätten sie doch seit 2008 lange zusammen gesessen und diskutiert über Umstrukturierungen, Meinungen angehört und Entscheidungen erläutert. Entscheidungen über Konzepte, die so singulär in Deutschland auch wieder nicht seien, wenn etwa die Brustzentren in Berlin und Hamburg betrachtet würden. Hansen versteht seine Aufgabe denn auch nicht nur als Sparkommissar, sondern als jemand, der medizinische Angebote im Klinikverbund weiter entwickelt.

Für manche ist es aber die falsche Strategie auf dem richtigen Weg. Wie für Öney, der ein Jahr vor seiner Pensionierung den Dienst quittierte. Wie auch für den früheren Chefarzt der Frauenklinik im Klinikum Mitte, Willibald Schröder. Beide bilden jetzt ein Team, ebenso mit Peter Stremmel - er war früher Geschäftsführer im Klinikum Links der Weser -, der 2008 den geforderten Personalabbau nicht akzeptierte und nun in Delmenhorst und Lilienthal agiert. Öney und Schröder steigen in eine Schwachhauser Praxis für Frauenheilkunde ein, operieren werden sie an Stremmels Klinikum Delmenhorst. Aus Kollegen im Geno-Klinikverbund sind Konkurrenten geworden.

Hansen reagiert gelassen. "Das Sanierungskonzept kann so falsch nicht sein, wenn die Geno in den letzten zwei, drei Jahren 16 neue Chefärzte gewonnen hat." Offenbar, argumentiert er, seien für Mediziner die Zukunftsperspektiven in Bremen attraktiv.

Und hier will die Geno künftig den Wettbewerb verschärfen - durch Aufbau ambulanter Medizinischer Versorgungszentren unter dem Dach der vier kommunalen Kliniken - auch gegen nun privat praktizierende Ärzte wie Öney.

Kürzlich hat Geno-Chef Hansen seinen früheren Mitstreiter an Berliner Operationstischen im Visit Hotel verabschiedet und dafür Peter Mallmann als Laudator gewonnen, dem Direktor der Universitäts-Frauenklinik Köln. Seitdem gehen Diethelm Hansen und Hueseyin Taylan Öney wieder getrennte Wege - diesmal endgültig.

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