Neue Vorsitzende Club zu Bremen will sich verjüngen

Der Club zu Bremen ist der älteste Gesellschaftsclub in Deutschland. Claudia Nottbusch ist die erste Frau an der Spitze des traditionsreichen Vereins - für den sie Pläne hat.
08.09.2018, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Club zu Bremen will sich verjüngen
Von Lisa Schröder

Es ist das Jahr 1783. In Paris steigt der erste Mensch mit der Montgolfière in die Lüfte, Lessings Stücks "Nathan der Weise" wird in Berlin uraufgeführt und die russische Zarin Katharina die Große verkündet die Annexion der Krim. 1783 gründet sich außerdem der heute älteste Gesellschaftsklub Deutschlands – in Bremen.

Als "Kind der Aufklärung" versteht sich der Zusammenschluss. Doch der inzwischen seit 235 Jahren bestehende Club zu Bremen hat auch eine sehr junge Geschichte. Denn erst die Jahrtausendwende bringt eine revolutionäre Satzungsänderung für den Verein: Seither dürfen Frauen bei ihm Mitglied sein. Claudia Nottbusch kann sich daran besonders gut erinnern. "Es gab eine lange Zeit, in der mehrmals der Versuch unternommen wurde, Frauen aufzunehmen. Darüber entschieden natürlich nur Männer."

Die Juristin ist damals bereits angesprochen worden, ob sie nicht im Vorstand des Clubs sein möchte. Ob die Öffnung kommt, das war 2000 aber erneut nicht abzusehen. "Das war eine ganz skurrile Situation. Denn Frauen gehörten längst zum Wirtschaftsleben in Bremen und nahmen als Vertreter von Firmen an den Veranstaltungen des Clubs teil." Doch die Männer brechen mit der Tradition: Der Club öffnet sich im neuen Millennium für Frauen.

Gemeinsam ins Museum, ins Theater und Weinseminare

In diesem Jahr gibt es wieder ein Novum. Claudia Nottbusch ist seit der Mitgliederversammlung im Mai Vorsitzende des Vorstands. Die Rechtsanwältin und Notarin ist damit die erste Frau an der Spitze des Clubs zu Bremen. Geht es nach seinem Selbstverständnis, passte es auch gar nicht zum Club, Frauen über 200 Jahre lang auszuschließen. Denn es geht dem Verein um den gemeinsamen Austausch, darum, der Verständigung zwischen den Völkern zu dienen. Das besagt die Satzung. Außerdem sollen Wissenschaft und Bildung gefördert werden, auch die internationale Zusammenarbeit.

Der Club entstand, erzählt Nottbusch im historischen Kaffeezimmer von 1783 im Schütting, als die Bremer Kaufleute im 18. Jahrhundert in die Welt hinausfuhren und bei der Rückkehr in die Hansestadt viele Geschichten, Zeichnungen von exotischen Landschaften und Exponate mitbrachten. "Damit haben sie den Blick über den berühmten Tellerrand begründet und gepflegt." Viele Mitbringsel gehören mittlerweile dem Überseemuseum.

Heute treffen sich die Mitglieder des Clubs dagegen, um gemeinsam Museen zu besuchen, ins Theater zu gehen oder ein Weinseminar zu erleben. Daneben gibt es regelmäßig Vorträge von Politikern, Schriftstellern, Journalisten oder Unternehmern. Walter Kempowski war schon da, Wendelin Wiedeking, aber auch Polarforscher Arved Fuchs und Hans-Dietrich Genscher.

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Nottbusch will in ihrer Amtszeit auch um neue Mitglieder werben. "Ich möchte dem Club gerne einen etwas jüngeren Anstrich geben." Der Frauenanteil der 1100 Mitglieder stagniert jedoch seit einer Weile schon bei zehn bis zwanzig Prozent. Das sei bei Clubs in Hamburg oder Düsseldorf aber ähnlich, sagt Nottbusch. Allerdings ließen die Gesellschaftsrunden in den beiden Städten Frauen schon viel länger zu.

Im Club zu Bremen sei die Mitgliedschaft von Frauen heute völlig selbstverständlich. "Ich weiß nicht, woher diese Sorge kam, es könnte sich etwas zum Nachteil verändern. Das ist nichts, wovor man Angst haben muss." Gegen Männer- oder Frauengesellschaften habe sie gar nichts, sagt die 51-Jährige. Das habe sicherlich seinen Grund. Doch anders sei es, wenn man, wie der Club zu Bremen, einen gesellschaftlichen Anspruch erhebe. "Zur Gesellschaft gehören Frauen ebenso wie Männer. Dann stellt sich natürlich schon die Frage: Wie passt das zusammen?"

Nottbusch hat sich in ihrer Karriere bereits oft in ausgeprägt männlicher Gesellschaft befunden. "Ich bin in Bereiche reingekommen, wo man früher behauptet hat, da könnte man nur Männer hinschicken – auch schon als junge Angestellte. Das hat mir nie was ausgemacht. Ich bin hingegangen und dann war das einfach so."

Ein Ehrenamt neben einem Vollzeitjob

Die Juristin arbeitet für die Bremer Kanzlei Büsing, Müffelmann und Theye am Marktplatz. In der Mittagspause gehe sie gerne rüber in die Gastronomie des Clubs, um eine Kleinigkeit zu essen. "Das ist meine Haus- und Hofkneipe." Im Restaurant ist der Bereich "Schwemme" ausschließlich Mitgliedern vorbehalten.

Außerdem muss es im Alltag auch mal schnell gehen: Der Vorsitz ist für Nottbusch, die zwei Töchter hat, ein Ehrenamt neben einem Vollzeitjob, der sie auch zu Terminen nach Berlin, Frankfurt, München, Bonn oder Hamburg bringt. Als Fachanwältin für Verwaltungsrecht mit dem Schwerpunkt Vergaberecht ist Nottbusch für Infrastrukturvorhaben wie Straßenbahnen, Flughäfen, Straßen oder neue Baugebiete zuständig.

Studiert hat Nottbusch in Bielefeld und Münster. Während ihrer Hochschulausbildung arbeitete sie am Institut für öffentliches Recht und Politik. Doch nach der Promotion war klar, dass die Karriere nicht auf eine Professur zulaufen soll. "Ich habe bei der Doktorarbeit festgestellt, dass ich doch lieber praktisch arbeiten möchte."

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Das Referendariat brachte die Bremerin zurück in ihre Heimat. In der Arbeit bei der Kanzlei findet sie ihre Berufung. Vor allem die Gestaltungsmöglichkeiten als Anwältin gefallen ihr. "Meine Beratungsmandate sind nicht fertig. Ich kann am Sachverhalt ja noch gestalten. Und darum liebe ich den Beruf."

Gestalten kann Claudia Nottbusch auch in ihrer Funktion als Vorsitzende des Vorstands beim Club zu Bremen. Ob Mann, Frau oder Vertreter eines Unternehmens – bis heute kommt man nicht automatisch in den Club. Zwei Mitglieder müssen die Aufnahme beantragen, woraufhin ein Aufnahmeausschuss zusammenkommt. Die Mitglieder dürfen Bedenken äußern. Erst danach tritt Nottbusch mit ihren Kollegen im Vorstand eine Entscheidung. Bisher sei das Urteil in ihrer Zeit immer positiv ausgefallen. Und die Frauenfrage stellt sich nicht mehr.

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