Ausverkauf bei Williams Conrad Stindt geht in den Ruhestand

Eine Ära geht zuende in Bremens Knochenhauerstraße. Nach 40 Jahren schließt Conrad Stindt sein Geschäft für Herrenausstattung. Hier verrät er zum Schluss, warum der Laden eigentlich "William" heißt.
25.07.2017, 19:44
Lesedauer: 4 Min
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Conrad Stindt geht in den Ruhestand
Von Lisa Schröder

Ein in New York lebender Italiener muss sich bald einen neuen Herrenausstatter suchen. Denn Conrad Stindt sagt Tschüss. Ende August schließt der Bremer seinen Laden „William“ in der Knochenhauerstraße. Die Schaufenster kündigen bereits den Räumungsverkauf an. In den sonst prall gefüllten Regalen liegen noch ein paar Hemden. Etwas verloren baumelt ein grauer Anzug an der fast leeren Kleiderstange. „Da hängt mein letzter Maßanzug.“

Conrad Stindt trägt eine gepunktete Krawatte zum dunklen Nadelstreifenanzug, dazu Manschettenknöpfe am Hemd. Seine Augen sind hellwach. Vor allem Kunden aus Schwachhausen, Oberneuland und Horn kauften hier ihre Anzüge, Krawatten und Pullover, aber auch Utbremer aus Südamerika und ein Italiener aus New York. Die jüngste Kundschaft ist etwa Anfang 40. Seinen Laden schließt Stindt nach 40 Jahren aus Altersgründen. Im September sei er 70. Dann wolle er hier nicht mehr stehen.

„Ich habe ganz tolle Kunden“

Den Verkauf auf hohem Niveau werde er vermissen. „Der Anzug da kostet 1500 Euro. Da muss man schon was dazu sagen können. Das macht Spaß. Wenn ich den richtigen Kunden erwische, wird es teuer.“ Stindts Augen leuchten. Die Maße eines Mannes könne er auf viele Meter Entfernung sehen, sagt er. Handgeknöpfte Knopflöcher, Hosen mit Umschlag und passender Weste, eine Billetttasche, ein Nadelkragen – viele Kunden hätten individuelle Wünsche. Andere vertrauten ihm blind, sagt Stindt mit seiner rauen, norddeutschen Stimme. „Ich habe ganz tolle Kunden. Meine Damen sagen: Denen könnte ich sonst was verkaufen.“

Am Ende habe er keinen Nachfolger gefunden, obwohl ihn das gefreut hätte. Gesucht habe er jedoch auch nicht. „William“ ist somit das nächste inhabergeführte Geschäft in Bremen, das schließt. Zwei Interessenten meldeten sich. Doch am Ende habe es nicht gepasst. „Unser Job ist sehr zeitaufwendig. Ich bin an sechs Tagen in der Woche hier. Der Laden ist zudem sehr auf mich zugeschnitten. Viele wollen mich.“ „Tach, Herr William“, grüße man ihn manchmal. Dabei trägt der am 3. März 1977 zunächst in Ostriesland eröffnete Laden den Namen seines Bruders Wilhelm. Nur britisch eben. Das war die Idee eines damaligen Partners. „Wilhelm hätte wahrscheinlich nicht funktioniert.“

Das Geschäft laufe heute gut. Kunden suchten Läden wie seinen, doch eben nur eine bestimmte Klientel. Er glaube jedoch, dass es sie immer geben werde. „Das hoffe ich. Es geht auch nicht jeder zu Grashoff.“ Vor ein paar Jahren habe er noch befürchtet, das hochwertige Segment sei Geschichte. Geschichte so wie viele der Einzelhändler in seiner Straße.

Im Viertel bleibt noch von Lysander

Hans-Joachim von Lysander ist Herrenausstatter im Viertel. Er macht sich keine Sorgen um seine Zukunft. Spezialisiert habe er sich vor langer Zeit auf das, was er „Anlassmode“ nennt: besondere Anzüge für Hochzeiten, Jubiläen, Geburtstage. „All dieses Spektakel. Da sind die Männer bereit, etwas mehr auszugeben. Das liebe ich.“ Mittlerweile müsse er schon Termine vergeben, die Nachfrage sei groß. Die Freizeitgarderobe sei dagegen sehr schwerfällig, der Markt übersättigt.

Im September feiere er 30-jähriges Bestehen. Die Konkurrenz der Ketten fürchte er nicht. „Der Anzug muss eine gewisse Aussage bekommen. Oft beschäftigt sich keiner mit den Details: Weste, Krawatte, Manschetten. Das beherrsche nur ich. Da kann ich durchaus überheblich sein.“ Sein Angebot sei besonders. Der Geschäftsführer geht zum Schaufenster seines vor acht Wochen eröffneten Ladens neben dem Stammhaus und zeigt auf einen Anzug mit einer Knopfreihe auf jeder Seite des Jacketts. „Den habe ich bestimmt schon 200 Mal verkauft. Das kann man im Netz nicht machen.“

Inhabergeführte Läden in seinem Segment seien in Bremen verschwunden – etwa die Modehäuser H.W. Meyer und Finke. „Conny hört nun auf. Keiner kann seine Handschrift nachmachen.“ Schwierig sei es, einen solchen Laden zu übergeben. „Das kann man sich abschminken. Ich bin nun der letzte Herrenausstatter.“

Wann „William“ das letzte Mal öffnet, will Conrad Stindt sich offen halten. „Ich weiß nicht, wie es ist, wenn ich wirklich den Schlüssel umdrehe. Ich bin nah am Wasser gebaut.“ Für die Zeit danach habe er keine Pläne. Jeden Tag werde er derzeit danach gefragt. Er erfinde dann Geschichten, dass er ein Buch schreibe, dass er anfange zu malen, dass er an die Côte d'Azur ziehe. Stindt scheint sich mit der Zeit danach noch nicht groß beschäftigen zu wollen. Überrascht habe ihn die Reaktion der Kunden auf die Schließung: „Hier haben Leute mit Tränen in den Augen gestanden.“

Stiltechnisch haben einige Bremer Luft nach oben

Sein kleiner Laden, grüner Teppich, dunkles Holz, kleine Lämpchen in den Umkleiden, ist ein Unikat. Viele Habseligkeiten schmücken ihn: die Barttasse seines Urgroßvaters oder die Nähmaschine seiner Großmutter. Textil hat in seiner Familie aus Ostfriesland eine lange Tradition: 275 Jahre seien es bald. In Hamburg managt seine Nichte mit ihrem Mann den Herrenausstatter „Gögge“. Das sie nicht nach Bremen komme, könne er nachvollziehen. „Beides geht nicht.“ Dabei sieht er hier stiltechnisch noch Luft nach oben. Die meisten Herren in den noblen Kreisen seien sehr gut gekleidet, doch längst nicht alle. „Da können Sie sich manchmal im Smoking spiegeln.“ Denn manche Träger pflegten ihre feine Kleidung nicht gut.

Eigentlich könne er mit Vergnügen noch weiter arbeiten, doch er wolle nun Abwechslung. Körperlich merke er außerdem Einschränkungen. „Wenn ich mich beim Abstecken der Hose hochquäle, wird es peinlich.“ Vor Jahrzehnten habe er zwei Autounfälle gehabt, das spüre er nun. „Sechs Menschen sind dabei gestorben. Ich habe sehr viel Glück gehabt. Ich will nicht klagen.“

Was der Herrenausstatter ab September trägt, das weiß er noch nicht. „Wahrscheinlich weniger Krawatte. Vielleicht auch mal eine Jeans.“ Doch aus seiner eleganten Haut kann Conrad Stindt nicht: „Sie werden mich nicht in Jogginghose sehen.“

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