Corona-Herbst

Wie es um die Bremer Unternehmen steht

Die Corona-Krise hat viele Bremer Unternehmen hart getroffen. Einige sehen jetzt kaum noch eine Perspektive. Andere haben von der Krise profitiert. Acht Geschäftsleute erzählen, was sie bewegt.
23.10.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Wie es um die Bremer Unternehmen steht
Von Felix Wendler

Angesichts der drohenden zweiten Welle, berichten acht Bremer Geschäftsleute über ihre Erfahrungen mit der Corona-Krise und welche Entwicklungen sie für die kalte Jahreszeit erwarten:

Onlineshop Gewürzhandel

Wir wachsen seit Jahren, aber 2020 ist auch für uns ein Ausnahmejahr, weil sich im Online-­Lebensmittelhandel so viel bewegt hat. Die Zeit zu Hause nutzen viele für gemeinsames Kochen. Um mehr Abwechslung auf den Tisch zu bekommen, haben die Menschen oft Neues ausprobiert. Auch ein Besuch im Lieblingsrestaurant um die Ecke war ja nicht möglich. Die Leute bestellen deutlich mehr Lebens­mittel im Internet als vor der Pandemie. Das ist auch bei uns deutlich zu spüren. Der stetig wachsenden Nachfrage tragen wir jetzt Rechnung und stecken mitten im Umzug an einen neuen, größeren Standort – auch für unser Ladengeschäft. Wir haben außerdem unser ­Sortiment um Produkte erweitert, mit denen man anderen in diesen schwierigen Zeiten eine Freude machen kann.

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Seit dem Frühjahr haben wir alles Notwendige getan, um unsere Mitarbeiter bestmöglich zu schützen. Wir haben weitestgehend auf Homeoffice umgestellt und Prozesse weiter digitalisiert. Wo das nicht möglich ist – zum Beispiel im Lager oder im Versand – nutzen wir ein Zwei-Schicht-System, um das Risiko zu mini­mieren. Auch in unserem Ladengeschäft haben wir ­frühzeitig einige Änderungen vorgenommen, um alle nötigen Hygienemaßnahmen für unsere Kunden und Mitarbeiter zu treffen. Es werden auf jeden Fall ein ­besonderer Herbst und Winter. Vermutlich werden die ­jährlichen Weihnachtsfeiern in Restaurants ebenso ­ausfallen wie die meisten anderen Weihnachtsveranstaltungen. Wir rechnen damit, dass die Leute statt­dessen verstärkt in kleineren Kreisen im häuslichen ­Umfeld zusammenkommen und dort gemeinsam ­kochen.

Konzertagentur Jaro

Solange Corona herrscht, gibt es für uns fast keine Zukunftsaussichten. Seit sechs Monaten arbeiten wir ins Ungewisse, ohne dafür bezahlt zu werden. Wir müssen in Vorleistung gehen, leben von Rücklagen aus 30 Jahren Kulturarbeit. Das ist maximal bis zum nächsten Sommer möglich. Bis jetzt musste ich 120 Konzerttourneen absagen oder auf 2021 verschieben.

In diesem Bereich sind 99 Prozent unserer Einnahmen weggefallen, den Konzertverkauf von Fanartikeln gibt es gar nicht mehr. Stabil sind nur die Umsätze aus der digitalen Vermarktung und dem Verkauf von Musikrechten für Filme. Die Bundeszuschüsse sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich vermisse auch Solidarität – vor allem von öffentlich finanzierten Kultureinrichtungen. Die sollten ihre Häuser für Kooperationen zur Verfügung stellen.

Reisebüro Terraoptimo

Da immer mehr Länder zu Risikogebieten erklärt werden, stehe ich mit meinem Reisebüro vor dem Nichts. Eigentlich hatte ich Hoffnungen für den Herbst, vor allem die griechischen Inseln waren sehr gut gebucht. Es gibt auch jetzt noch keine Reisewarnungen für diese Gebiete, aber die Kunden sind natürlich abgeschreckt, wenn Politiker wie Jens Spahn grundsätzlich von Auslandsreisen abraten. Die Kanaren fallen ja für den Winter ohnehin weg. Auch alle anderen Fernreisen in wärmere Gebiete sind in diesem Herbst quasi unmöglich. Skiurlaube wird es wahrscheinlich auch nicht geben.

Fast jeden Tag kommt ein neues Risikogebiet dazu, dabei sind die Urlauber ohnehin schon verunsichert. Seit Monaten fallen Flüge spontan aus, es gibt haufenweise Stornierungen. Vor allem die Lufthansa, die Milliardenkredite bekommen hat, zahlt die Gelder nicht zurück. Und wen verbinden die Kunden damit? Natürlich das Reisebüro. Ich muss mich ständig erklären, das ist sehr anstrengend. Ich kenne einige Leute, die ihre Reisebüros schon aufgegeben haben. Ohne meinen Nebenjob würde ich auch bald dazugehören. Aktuell kann man einfach nur abwarten, bis hoffentlich bald ein Impfstoff verfügbar ist. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Autohaus Weller

Aktuell ist es wieder merklich ruhiger geworden im Laden. Ein möglicher zweiter Lockdown macht uns natürlich Sorgen, nachdem wir die Krise bisher einigermaßen gut gemeistert haben. Die Delle aus dem Frühjahr ist trotzdem nicht zu leugnen, die verlorenen Umsätze holen wir nicht wieder rein. Glücklicherweise haben wir niemanden entlassen müssen. Wir tun aktuell alles, um uns und die Kunden zu schützen. Trotzdem spürt man, dass weniger Leute einfach mal zum Gucken vorbeikommen. Die Kunden kaufen eher zielgerichtet, vor allem E-Autos sind gefragt. Schade ist, dass wir kaum Veranstaltungen und Fahrzeugpräsentationen machen konnten. Zuletzt haben wir es probiert, aber die Resonanz war angesichts der Infektionszahlen in Bremen verständlicherweise nicht sehr gut.

Medienagentur Aheads

Wir haben die Agentur am 28. Februar gegründet, zwei Wochen vor dem Lockdown. Da ging uns natürlich erst mal die Muffe, weil keiner wusste, wie es weitergeht. Zum Glück hat sich alles sehr positiv entwickelt. Wir haben die ganze Corona-Zeit durchgearbeitet, ein Netzwerk aufgebaut, viele Kunden gewonnen und eine Kampagne für das Focke-Museum gemacht. In den vergangenen sechs Monaten haben wir fünf Mitarbeiter eingestellt. Wir glauben, dass viele Unternehmen aktuell erkennen, wie wichtig Kommunikation ist.

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Auch die Bereitschaft, spontan zu reagieren und etwas Neues auszuprobieren, ist gestiegen. Eine weitere Erkenntnis: Nicht jedes Meeting muss persönlich stattfinden. Es reicht häufig auch, sich einmal persönlich kennenzulernen und dann nur noch die wichtigen Treffen vor Ort zu machen. Unser Vorteil war sicherlich, dass wir als junges Unternehmen von Beginn an nicht nur auf eine Branche als Kunden gesetzt, sondern einen guten Mix geschaffen haben. Für die Zukunft sind wir sehr optimistisch, und wir denken, das muss man aktuell auch sein. Häufig wird alles schlechtgeredet, dabei gibt es für jeden irgendeine Möglichkeit, wenn man bereit ist, neue Sachen zu wagen.

Friseursalon Crisucut

Ich arbeite momentan so viel wie zuletzt vor 18 Jahren, um das Minus aus dem Frühjahr auszugleichen. Das geht nur mit Schicht- und Mehrarbeit. Durch die Einschränkungen in der Corona-Pandemie ist es logistisch eine riesige Herausforderung, unseren Stammkunden gerecht zu werden. Denen bin ich für die Unterstützung ebenso dankbar wie meinen Mitarbeitern. Über die Maskenpflicht und andere Maßnahmen hat mein Team nicht gestöhnt oder gemeckert, sondern alle haben ihre Energie in die Arbeit gesteckt: bis zu zehn Stunden täglich.

Mit meinem Friseursalon war ich bisher eher Handwerkerin, habe aber während der Corona-Zeit viel in Sachen Buchführung und Bürokratie gelernt. Das wird mir sicherlich auch für die Zukunft einiges bringen. Ich bin sehr froh, dass ich diese globale Krise hier in Deutschland erleben darf und nicht woanders – das hat mich von Anfang an vertrauen lassen. Trotz der sehr herausfordernden Zeit gab es in den vergangenen Monaten unglaublich viele schöne, berührende und erfolgreiche Momente. Und genau dahin geht mein Blick, alles andere erlebe ich momentan als schwächend. Ich nenne das Virus inzwischen Transformationsvirus, weil es eine neue Klarheit bringt.

Buchhandlung Buntentor

Solidarität und Treue unserer Kunden haben uns gut durch die Schließzeit und den Maskensommer getragen. Normalerweise würden wir zu dieser Jahreszeit Veranstaltungen bei uns im Laden planen, bevor der Weihnachtstrubel losgeht. Jetzt müssen wir neue Wege gehen, verlagern Lesungen zum Beispiel ins Bremer Literaturkontor. Demnächst wollen wir unseren Lieferservice (per Rad) noch offensiver bewerben.

In der Pandemie zeigen uns besonders viele Kunden ihre Wertschätzung. Die Anstrengungen lohnen sich! Wir hoffen natürlich sehr, dass es keine neue Schließzeit gibt und wir gesund bleiben. Man will auf keinen Fall dafür verantwortlich sein, einen Kunden im Laden angesteckt zu haben. Deshalb setzen wir auf Abstände, Masken, begrenzte Personenanzahl im Laden, Hygiene und Frischluft.

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