Corona nimmt das Tempo raus

Bremer Immobilienpreise steigen, aber langsamer

In diesen Zeiten mag es für Verwunderung sorgen, was seit Jahren Trend ist. Doch Häuser verteuerten sich in Bremen im ersten Halbjahr weiter. Allerdings halb so stark wie im Vorjahr.
14.08.2020, 10:45
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Immobilienpreise steigen, aber langsamer
Von Lisa Boekhoff
Bremer Immobilienpreise steigen, aber langsamer

Neubauten auf langer Meile: Gerade in der Überseestadt sind in den vergangenen Jahren viele Wohnungen entstanden.

Fabian Wilking

Die Krise hinterlässt Spuren auf dem Immobilienmarkt. Allerdings steigen die Preise trotz der unsichereren Wirtschaftslage weiter – auf niedrigerem Niveau. Das zeigt der Blick auf das erste Halbjahr. Die Preise für Eigentum legten nach Angaben von Geoinformation Bremen um fünf Prozent zu. Das Wachstum im Vergleich zum Vorjahreszeitraum hat sich damit halbiert: Im ersten Halbjahr 2019 betrug die Steigerung für Reihenhäuser, Doppelhaushälften und Einfamilienhäuser im Schnitt noch zehn Prozent. Die Zahlen sind besonders relevant, weil Geoinformation die tatsächlichen Kaufverträge für Bremen auswertet.

Konstanz gibt es dagegen laut Ernst Dautert, Vorsitzender des Gutachterausschusses für Grundstückswerte und stellvertretender Leiter von Geoinformation, beim Neubau: „Hier haben wir das gleiche Preisniveau wie im Vorjahr.“ Die Zahl der Kaufverträge habe sich zudem nach einer Delle im April und Mai wieder erholt. Wegen Corona konnten schließlich Besichtigungen und Notartermine nur unter veränderten Bedingungen stattfinden. Vereinzelt traten Kunden im Angesicht der Krise auch von einem Kauf zurück.

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März, April, Mai – in diesen Monat ging so gut wie gar nichts. So schaut Immobilienmaklerin Petra Thiel aus Lilienthal auf die Zeit zurück. Das Problem sei während des Lockdowns gar nicht die Nachfrage gewesen, sondern das Angebot: Für ältere Verkäufer sei es schwerer gewesen, einen Umzug in betreutes Wohnen zu organisieren. Eltern hätten mit der Betreuung ihrer Kinder genug zu tun gehabt. „Da hat sich nichts bewegt. Aus logischen Gründen.“ Das Niveau im Juli entspreche nun wieder dem vor Corona. „Selbst in der Ferienzeit ist die Nachfrage – egal ob Mietobjekte oder Kaufobjekte – sehr hoch.“

Petra Thiel ist seit 30 Jahren selbstständig als Immobilienmaklerin tätig und kennt den Markt in der Region gut. Für Lilienthal konstatiert sie nun einen Zenit: „Die Grenzen dessen, was bei einem Objekt erzielt werden kann, ist eigentlich erreicht.“ Häuserpreise hätten sich teils trotz fortgeschritteneren Alters verdoppelt. Thiel staunt zudem, welches Geld jungen Kunden zur Verfügung steht. Im Moment sei eine Immobilie von 640 000 Euro in Lilienthal im Angebot und stoße auf guten Zulauf. Die Interessenten seien alle zwischen Ende 20 und Anfang 30.

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Die Analyse des Instituts F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt zeigt: Grundsätzlich sind die Immobilienpreise in Deutschland weiter hinaufgeklettert – trotz Zunahme von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stiegen im zweiten Quartal die Preise für Eigentumswohnungen im Schnitt um 5,9 Prozent. Ein- und Zweifamilienhäuser verteuerten sich um neun Prozent.

Thiel geht nicht davon aus, dass der Immobilienmarkt enorm ins Schwanken gerät: Sicher, eine Kristallkugel habe sie nicht, die Entwicklung hängt von der Gesamtwirtschaft und den Einkommen ab. Derzeit sei der Markt aber nicht gesättigt: „Wir haben immer noch ein Überangebot an Käufern.“ Und wer sucht mit Thiel? Zu 90 Prozent sei es die junge Familie – meist aus Bremen.

Ein Grund für den Umzug in den Speckgürtel seien die Preise, aber auch die Betreuung für die Kinder, erfährt Thiel in Gesprächen. In der Vergangenheit seien die Preise im Umland noch relativ niedrig gewesen. Dann kam 2015 die Wende. Das Jahr sei wirklich ein Einschnitt gewesen. Plötzlich habe es eine Masse an Kunden gegeben. „Während man vorher froh war, überhaupt Kunden für Objekte zu haben. So ein Unterschied war das.“

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„Preise spiegeln Beliebtheitswerte“, sagt Manfred Neuhöfer vom Forschungsunternehmen F+B. Weiteren Schub für das Preisniveau brächten aber auch Neubaugebiete, denn der Altbestand sei meist günstiger. Neuhöfer sieht ebenfalls, dass viel Kapital vorhanden ist. Viele Menschen könnten sich selbst teure Immobilien leisten, etwa durch ein Erbe: „Durch Corona sind sie nicht weniger geworden.“ Trotz Krise erwartet er keine Unruhen am Immobilienmarkt – zumindest derzeit: „Probleme könnte es geben, wenn die Krise sich noch stärker in der Wirtschaft niederschlägt oder ein zweiter Lockdown droht.“

Jens Lütjen, geschäftsführender Gesellschafter des Immobilienunternehmens Robert C. Spies, bestätigt: „In der Tat sind die Preise mehr als stabil. Das gilt insbesondere dort, wo es Vertrauen in die Märkte gibt und die Infrastruktur stimmt.“ Das sei in Achim, Oyten, Stuhr oder Lilienthal und den etablierten innerstädtischen Lagen der Fall. Investoren wendeten sich im Zuge von Corona derweil noch mehr der Wohnimmobilie zu. Eine Konsequenz der Geschäftsschließungen: Hotels und Einzelhändler stehen derzeit unter Druck.

Günstige Zinsen und viel Erspartes – das sind auch für Lütjen die Säulen der ungebremst hohen Nachfrage nach Eigentum und Anlage in Immobilien. Und eben gerade junge Familien seien auf der Suche und Reihenhäuser und Doppelhaushälften schnell wieder weg vom Markt. "Für die Stadt stellt sich die Frage: Wie hält man diese Zielgruppe? Ist vielleicht doch eine Bebauung der Osterholzer Feldmark denkbar?" Im Bremer Osten plant sein Unternehmen, 100 Reihenhäuser zu vermitteln. „Es ist ein außergewöhnliches, familienfreundliches Projekt." Wo genau? Daraus macht Lütjen vorerst noch ein Geheimnis.

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Zur Sache

Wachstum in der Region

Im Umland Bremens sind die Preise für Eigentumswohnungen laut Angaben des Instituts F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt in den vergangenen fünf Jahren generell wie in Bremen gestiegen: bis zu 39 Prozent in Osterholz-Scharmbeck. Ausnahme ist Weyhe. Hier ging der Preis seit 2015 zwar um 21 Prozent in die Höhe.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ging es aber im zweiten Quartal 2020 nun leicht zurück auf 2175 Euro pro Quadratmeter. In der Stadt Bremen liegt der Preis bei 2744 Euro pro Quadratmeter. Die Mieten sind überall leichter gestiegen. Was Manfred Neuhöfer von F+B auffällt: In Bremen gebe es keinen riesigen Unterschied zu den Mieten und Kaufpreisen in der Region – zumindest in der Kategorie Eigentumswohnungen.

Damit gebe es weniger einen Grund, von Bremen in den Speckgürtel zu ziehen. Pendeln lohne sich, wenn es zwischen Stadt und Umland eine größere Differenz gebe. Natürlich spielt auch das Angebot eine Rolle: Welche Immobilien gibt es überhaupt auf dem Markt? Und sind diese dann noch erschwinglich? Gerade junge Familien sind in der Vergangenheit oft im Umland und nicht der Stadt fündig geworden.

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