Coronabedingte Insolvenzen

Die große Welle bleibt noch aus

Coronabedingte Geschäftsinsolvenzen treten bislang nur vereinzelt auf – Experten gehen aber von einem spürbarem Anstieg mit Verzögerung im Herbst aus.
22.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lena Mysegades
Die große Welle bleibt noch aus

Buchhändler Gregor Schlag glaubt fest daran, dass sich die Buchhandlung Sieglin im Bremer Viertel erholen wird.

Frank Thomas Koch

Die große Insolvenz-Welle im Zuge der Corona-Krise bleibt bislang aus – dennoch sind einzelne Unternehmen in Bremen betroffen. Die Gastronomie- und Veranstaltungsbranche strauchelt durch die Kontakt-Beschränkungen, aber auch der Einzel- und Buchhandel muss teils Insolvenz anmelden. Im Viertel steht die Buchhandlung Sieglin kurz vor dem Aus, in Bremen-Nord hat es neben dem Hotel Strandlust nun auch das Restaurant Kränholm getroffen. Die Restaurantketten Vapiano und das Maredo, die Textilhändler Esprit und Appelrath Cüpper oder auch der Luxus-Küchenhersteller Poggenpohl waren des Weiteren erste Insolvenz-Fälle während des Corona-Lockdowns. „Doch hier war schon vor dem Corona-Geschehen eine unternehmerische Schieflage festzustellen“, sagt Peter Dahlke, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform.

Bei den beiden neueren Fällen Sieglin und Kränholm kann allerdings die Corona-Krise zum großen Teil für die Liquiditätsprobleme verantwortlich gemacht werden. Malte Köster, Fachanwalt für Insolvenzrecht, ist seit vergangenem Freitag der vorläufige Insolvenzverwalter des Gastronomiebetriebs auf Kränholm. Das Unternehmen, das von dem Ambiente des Kränholm-Areals und damit auch zu einem großen Teil von Veranstaltungen lebe, sei von der Krise hart getroffen worden, so der Experte.

Öffnung am 1.Juli

Dennoch schaut der Gastronomiebetrieb nach vorne: Christopher Ernst ist seit dem 27. April als neuer Geschäftsführer eingesetzt und soll im Zuge des Insolvenzverfahrens die Sanierung des Unternehmens voranbringen. „Mit Malte Köster an unserer Seite können wir eine geordnete Wiederaufnahme des Geschäfts starten“, sagt der Gastronom. Bis Ende Juni seien die Gehälter der elf Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gesichert, am 1. Juli soll dann vermutlich wieder geöffnet werden.

Die Aussichten auf Erholung des Restaurants seien gut und auch schon gekaufte Gutscheine seien gesichert. Dennoch macht er deutlich, wie schwer die derzeitige Lage für Gastronomen und auch Einzelhändler ist. „Das Kränholm ist Liebhaberei – da hängt ein riesiger Kostenapparat dran, wie soll man den mit null Einkünften bewältigen?“ Ähnlich sei das auch beim Traditionshotel Strandlust in Bremen, das bereits am 2. April Insolvenz beantragt hat.

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Und auch die Buchhandlung Sieglin im Viertel konnte den Umsatzrückgang aufgrund der Ladenschließungen nicht verkraften. Das Geschäft wird von Rechtsanwalt Hendrik Heerma aus Hamburg im Insolvenzverfahren vertreten. Er sagt über den Zusammenhang mit der Corona-Krise und der Lage des Geschäfts : „Je länger die Krise dauert, desto gravierender schlägt sie im Einzelhandel zu Buche, so auch bei Sieglin. Die coronabedingten Schließungen geben vielen Unternehmen im Land nun den Rest.“ Darüber ­hinaus habe ein bedeutender Zuwachs an Buchhandlungen in der Umgebung sowie der Online-Handel das Traditionsgeschäft in den vergangenen Jahren stark beeinflusst. Die Kanzlei versucht, Sieglin aus der Krise zu lotsen. Der Insolvenzantrag wurde gestellt, die Eröffnung des Verfahrens ist für den 1. Juli geplant. Die Möglichkeiten einer Sanierung würden nun ausgelotet, sagt Herrma. Gregor Schlag, der Geschäftspartner und Nachfolger von Tilman Sieglin, glaubt jedenfalls fest an die Erholung des Unternehmens. Über den Link www.startnext.com/morisse-sieglin hat er eine Crowdfunding-­Kampagne gestartet. Dort können die Buchhandlungen Sieglin in Bremen und Morisse in Bremerhaven aktiv unterstützt werden. Krimibuchautor Klaus Dieter Wolf ist zudem Kooperationspartner der Aktion. Wer nicht online mitmachen wolle, könne auch im Geschäft weitere Informationen erhalten.

Viele Insolvenzen erst im Herbst

Damit möglichst viele Unternehmen die Corona-Krise überstehen, habe der Gesetzgeber die Insolvenzantragspflicht bis mindestens Ende September ausgesetzt, sagt Rechtsanwalt Peter Dahlke. Deshalb rechnen Insolvenzverwalter, wie auch der Insolvenzanwalt Gerrit Hölzle von der Wirtschaftskanzlei Görg erst im Herbst mit der „großen Keule“. Sein Kollege Malte Köster sieht das genauso. „Durch die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht gibt es lediglich eine zeitlichen Verschiebung des Insolvenzgeschehens“, betont auch Dahlke.

Die durch die Corona-Schließung bedingten Umsatzausfälle könnten unter anderem bei Friseuren, Gastronomen oder in der Tourismusbranche nicht mehr kompensiert werden. „Niemand geht jetzt häufiger zum Friseur oder holt den ausgefallenen Osterurlaub nach. Diese Unternehmen haben unter den gelockerten Bedingungen erheblich zu kämpfen, die ausgebliebenen Gewinne wieder zu erwirtschaften“, sagt Dahlke.

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Zudem sehe man in der Creditreform- Datenbank, dass Unternehmen Rechnungen länger liegen lassen als vor Corona und der Wert dieser offenen Rechnungen deutlich höher sei als üblich. „Steigt die sogenannte Außenstandsdauer kontinuierlich an, darf dies als Frühwarnindikator für eine drohende Zahlungsunfähigkeit gelten“, erklärt Dahlke.

Seiner Ansicht nach seien zwei Szenarien denkbar: Bei den ausreichend kapitalisierten Unternehmen, die pandemiebedingte Umsatzausfälle kompensieren können, verbessere sich das Zahlungsverhalten wieder. Der andere Teil versuche sich mit knappen ­finanziellen Mitteln über Wasser zu halten und biete dann Produkte und Dienstleistungen oft zu Kampfpreisen an, um an Liquidität zu kommen. „Ob dies immer gelingt, bleibt fraglich. Der Gang zum Insolvenzrichter dürfte hier mehr Sanierungschancen bieten als ein Weiter so am Rande der Zahlungsunfähigkeit.“

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