Der Raum ist die halbe Miete

Coworking in Bremen

Coworking-Anbieter Rent24 bietet Selbstständigen einen Arbeits- und Geschäftsraum für wenig Miete. Der Clou: Man teilt sich die Räumlichkeiten mit anderen. Dabei kann man aber auch Kontakte knüpfen.
25.11.2018, 20:49
Lesedauer: 6 Min
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Coworking in Bremen
Von Jürgen Hinrichs

In einem Raum, der mit Glas abgetrennt ist, wird gerade an einer Rakete getüftelt, man sieht das auf dem Bildschirm, der an der Wand hängt und eine Zündstufe zeigt. Die Konstrukteure haben ihre Laptops aufgeklappt und sind per Telefonschaltung mit Kollegen von wer weiß wo verbunden. Es wird englisch gesprochen, ein paar Satzfetzen, die bis auf den Flur dringen und sicherlich nicht für jedes Ohr bestimmt sind. Auch die Grafik auf dem Schirm ist im Zweifel geheim.

Doch was soll’s und wen interessiert es hier? Bei Rent24 herrscht Diskretion. Ehrensache. Keiner spioniert den anderen aus oder luchst ihm Aufträge ab. Männer und Frauen, viele aus der Gründerszene, die mal nebeneinander, mal miteinander arbeiten, je nachdem. Das Konzept heißt Coworking und ist schwer auf dem Vormarsch. In Bremen und Bremerhaven gibt es bereits zwölf Anbieter. Die Idee ist zu teilen, im besten Fall die Kontakte und Geschäfte, mindestens aber Miete, Heizung und Wlan.

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Rent24 sitzt mitten in der Stadt in der Martinistraße und hat dort vor knapp einem Jahr rund 1000 Quadratmeter bezogen. Es sind unter anderem Büros wie jenes, in dem die Raketenbauer arbeiten. Ihre Firma hat sie nach Bremen geschickt, als dort der Raumfahrtkongress veranstaltet wurde. Wer bei Rent24 größere Gruppen versammeln will, kann einen der beiden Konferenzräume nutzen. Es gibt einen Lounge-Bereich mit Sofas, Sesseln und einer Kaffeebar zur Selbstbedienung, einen Raum mit Kicker, Dartscheibe und anderen Spielen, und den eigentlichen Coworking-Bereich natürlich, er ist hell, großzügig und hat einen Balkon. Das ist cool und soll es sein. Junge Leute an den Tischen. Hallo! Was geht?

Aus Talenten wollen Profis werden

Vanessa Veith, 30 Jahre alt, kommt regelmäßig, sie ist Mitglied bei Rent24. Für einen Monatsbeitrag, der bei 100 Euro anfängt und sich steigern kann, wenn aus Talenten Profis werden, die mit ihren Geschäftsideen Geld verdienen, verbringt die Bremerin im Schnitt 20 Stunden pro Woche beim Coworken.

Die Master-Pädagogin bietet Unternehmen Unterstützung bei der internen und externen Kommunikation an. Sie ist selbstständig. „Die Atmosphäre hier inspiriert mich, es ist etwas anderes als zu Hause zu arbeiten, wo mich schon mal der Frust überfallen kann, wenn es nicht so gut läuft und ich damit alleine bin.“ Im Space, wie Rent24 seine Büroflächen nennt, fängt die Gruppe so einen Dämpfer auf, wenn sie gut funktioniert. „Irgendeiner kommt immer vorbei, mit dem man quatschen kann“, sagt Veith. Oder sie geht an die Bar, macht sich einen Kaffee und schaut, was los ist, lenkt sich ab.

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Rent24 ist in nur drei Jahren zu einem der größten Coworking-Anbieter Europas geworden. Der Berliner Unternehmensgründer Robert Bukvic, ein ehemaliger Basketball-Profi, peilt bis Ende kommenden Jahres 120 Standorte an, zurzeit sind es 35. Seine Konkurrenten sind Wework, Mindspace und als Weltmarktführer die International Workplace Group (IWG) mit 3300 Business-Centern in 120 Ländern, 105 davon in Deutschland. Zur IWG gehört die Coworking-Firma Spaces. Sie wird Mitte kommenden Jahres eine Filiale in Bremen eröffnen, die zentraler nicht liegen kann: Im Bremer Carrée am Ansgarikirchhof hat Spaces 3200 Quadratmeter angemietet, dreimal so viel wie Rent24 in der Martinistraße bewirtschaftet.

Arbeit wird online erledigt

Coworker sind digitale Nomaden, die mal hier, mal dort andocken. Sie erledigen ihre Arbeit online, schleppen keine Akten mit sich herum und können im Grunde überall Platz nehmen, wo es einen Zugang zum Internet gibt. Coworker suchen gleichzeitig die Community – im Netz und in solchen Büros wie von Rent24. Das ist die eine Seite des Geschäfts.

Die andere entdeckt man auf den Schildern vor den fest angemieteten Büros auf der Etage. Das sind keine jungen Gründer hinter den Türen, sondern etablierte Unternehmen, die Sparkasse Bremen zum Beispiel oder die Fricke Holding GmbH, die unter anderem mit Landmaschinen handelt, international unterwegs ist und rund 2500 Mitarbeiter hat. In ihrer Bremer Niederlassung erledigt sie den Vertrieb im Internet. Aktuell sind dafür schon wieder Stellen ausgeschrieben, gesucht werden Informatiker. Möglicherweise wird Fricke im Bereich E-Commerce irgendwann so groß, dass bei Rent24 nicht mehr genügend Platz vorhanden ist. Dann wandert die Abteilung weiter. Ein ganz normaler Vorgang für Coworking-Anbieter, Fluktuation ist dort Alltag.

Nach Angaben von Colliers International, einem der führenden Immobilienberater weltweit, wurden im vergangenen Jahr in den sieben größten deutschen Städten rund fünf Prozent des Büroflächenumsatzes von Unternehmen erzielt, die für ihre Mieter flexible Lösungen parat haben. Das ist fünfmal so viel wie im Jahr davor. In der ersten Hälfte dieses Jahres sei der Marktanteil auf knapp sieben Prozent gestiegen. Colliers International spricht von einer „Pufferfunktion“, andere sagen „Überlaufbecken“. Ein Prozess, der Firmen dient, die kurzfristig Büros benötigen, in zentraler Lage aber kaum etwas finden. Und die in der Situation sein wollen, schnell wieder aus den Mietverträgen herauszukommen, sollte eine Geschäftsidee nicht tragen oder die Expansion zu gewagt gewesen sein.

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Unternehmen nutzen Coworking-Firmen als Vorratshalter

So betrachtet, nutzen die Unternehmen die Coworking-Firmen als Vorratshalter. Doch das greift zu kurz. Vom Austausch in den Büros profitieren ja nicht nur die jungen selbstständigen Gründer, sondern genauso die Angestellten der etablierten Firmen. Sie kommen raus aus den immer gleichen Betriebsabläufen, lernen andere Menschen, Branchen und Ideen kennen, auf die sie sonst nicht stoßen würden. Coworking als gezielt eingesetzter Innovationstreiber.

Bei Rent24 treffen sich die Mitglieder alle zwei Wochen zu einem Frühstück. Das kann bei Kaffee und Brötchen die lockere Zusammenkunft sein oder ein Treffen mit Programm: Share your Story, Gründer erzählen ihre Geschichte. Es ist ja meist ein Auf und Ab, für das die Puste ausreichen muss und das Geld. Hilfreich, wenn man von den anderen Gründern Tipps bekommt oder sich die Chance auftut, irgendwo mit einzusteigen.

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Vanessa Veith hat sich an diesem Tag mit einem Freund verabredet. Sie kennen sich seit einem Treffen von Start-up-Unternehmen vor einem Jahr. Jan Paul, 45 Jahre alt, ist Informatiker und arbeitet im Bereich Robotik. Passt, haben sich die beiden gedacht. Clevere Kommunikation, die Ansprache gegenüber den Kunden, dabei kann sie helfen. Er ist der Mann für die Technik. Jetzt stecken sie an einem Stehtisch vor der Kaffeebar die Köpfe zusammen und überlegen, wie sie die Homepage von Veith optimieren können.

„Ich habe jetzt erst so richtig begriffen, wie wichtig Netzwerken ist“, sagt Paul. Bei Rent24 ist er freilich nur Gast. „Wenn ich programmiere, brauche ich meine Ruhe.“ Er muss außerdem alle naselang den 3-D-Drucker anwerfen und für die Roboter Motoren testen, „zu laut“, erklärt Paul, „das ginge hier nicht.“

Im Großraum wird geflüstert

Während er das sagt, spielt im Hintergrund leise Musik. An den Arbeitsplätzen im Großraum wird geflüstert, wenn man sich unterhält. Konzentration, das schon und absolut notwendig, aber keine Friedhofsruhe. In der Luft hängt ein angenehmer Duft, leicht süßlich, wie Karamell. Es ist nicht der Kaffee, eine bestimmte Sorte, sondern Popcorn, wie sich herausstellt. Im Flur steht eine Maschine, die den Snack ausspuckt. Wasser, Kaffee und Popcorn sind im Preis mit drin, das Frühstück alle zwei Wochen auch.

„In der ersten Zeit hatten viele geglaubt, sie könnten bei uns einen Kaffee bestellen oder die Stühle fürs Meeting“, erzählt Anna-Lena Töpel. Den Zahn musste sie ihnen ziehen. Es ist bei Rent24 wie in einer Wohngemeinschaft, um seinen Kram kümmert man sich selber.

Töpel leitet den Betrieb auf der Büroetage. Die 35-Jährige hat in Bremen Kommunikationswissenschaften studiert und vor ihrem Engagement bei Rent24 als Beraterin in der Freizeitindustrie gearbeitet. Nun schmückt sie der Titel Site-Managerin, wieder so ein Anglizismus, doch das ist gewollt. Die Community stellt sich international auf, Kontakte in die ganze Welt. Töpel berichtet, dass sie seit der Gründung in Bremen etwa 60 feste Mitglieder gewinnen konnte, klassische Coworker, die mit ihren Laptops an der Bar, auf den Sofas und Sesseln oder an den Arbeitstischen sitzen. Die Unternehmen schnappen sich ein Büro, acht von zwölf sind vermietet.

„Wir sind zufrieden, haben aber noch Platz“, sagt die Chefin. Bremen sei nun mal nicht Berlin, Hamburg oder Frankfurt, wo Coworking bereits seit einigen Jahren gelebt werde. Töpel hat gleich Feierabend, sie ist mit ihren zwei Mitarbeiterinnen immer nur in der Kernzeit da, werktags von neun bis 18 Uhr. Die Mitglieder können jederzeit kommen, es gilt das 24/7-Prinzip. Wer es nutzt, muss einen Sonderbeitrag bezahlen und bekommt den Türschlüssel ausgehändigt.

Für Vanessa Veith ist das nichts. „Es gibt Grenzen“, sagt sie, „man muss aufpassen.“ Dann klappt sie ihren Laptop zu, zieht die Jacke an und geht mit einem Gruß in die Runde ihrer Wege. Zurück von ihr bleibt nichts, nur der blanke Tisch.

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