Neuer Anbieter Spaces Coworking mischt Bremer Büromarkt auf

Coworking ist schwer in Mode. Der Trend mischt in vielen Städten den Büromarkt auf. Größter Anbieter in Bremen ist neuerdings Spaces.
28.06.2019, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Coworking mischt Bremer Büromarkt auf
Von Jürgen Hinrichs

„Hey!“, grüßt die Frau an der Rezeption, ein fröhlicher Empfang, und gleich ist man im Gespräch. Die Frau heißt Cristin, mit „C“, das ist ihr wichtig. Den Nachnamen lässt sie weg, tut nichts zur Sache, hier nicht, wo die ganze Atmosphäre ein Du ist und kein Sie.

Cristin, 25 Jahre alt und von Haus aus Hotelfachfrau, arbeitet bei Spaces. Sie ist eine von drei Angestellten in der Bremer Filiale, die vor ein paar Wochen eröffnet wurde. Hinter den großen Fenstern und auf vier Geschosse verteilt kann sich hinsetzen wer will, um zu arbeiten. Für einen Tag, einen Monat, ein Jahr oder länger, je nachdem.

Ein Ort für Coworking, wie es in den großen Städten vor ein paar Jahren Mode geworden ist. Die Kunden teilen sich gegen eine monatliche Gebühr von durchschnittlich 200 bis 300 Euro den Platz und die Kosten mit anderen. Das ist die Idee, und sie macht Furore, der Markt wächst rasant. In Bremen und Bremerhaven gibt es mittlerweile 13 Anbieter. Spaces ist mit einer Bürofläche von 3200 Quadratmetern mit Abstand der größte.

Das Foyer mit dem Tresen, hinter dem Cristin Neuankömmlinge begrüßt, die sich mit den Regeln bei Spaces noch nicht auskennen, ist sehr großzügig gestaltet. Hohe unverschalte Decken, das hellbraune Holz der Sideboards, der graue, glatte Fußboden in Betonoptik – soll cool sein, ist es auch. Es gibt einen Besprechungstisch, der schräg im Raum steht, und kleine Boxen, in die man sich zu zweit, beengt auch zu viert zurückziehen kann. An einer Wand hängen lauter Klemmbretter, eine Art Klingelschild, auf dem die Mieter stehen. Die Bretter sind leer, keine Mieter, noch nicht. „Die Nachfrage ist da“, sagt Stefanie Luerken.

Die Deutschland-Chefin von Spaces ist nach Bremen gekommen, um zu schauen, welchen Start die neue Filiale mitten in der Stadt hingelegt hat. Sie weiß, was es braucht, damit‘s funktioniert: „Hier muss was los sein, viel Betrieb.“ Luerken, 55 Jahre alt, ist Rheinländerin von Herkunft und Temperament. Sie hat diese burschikose Art – nicht das Schlechteste in ihrer Branche, wo es Konvention ist, unkonventionell zu sein. „Hey!“, grüßt Cristin an der Rezeption, und warum nicht?

Der Rundgang beginnt im Untergeschoss. „Platz zum Netzwerken“, sagt Luerken. So wollen sie es haben beim Coworking: Menschen zusammenbringen, im Idealfall auch Geschäftsideen. „Unsere Zielgruppe sind Startups, die bereits etwas etablierter sind“, erklärt die Spaces-Chefin.

Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden

Genauso aber auch Firmen, die ihre Angestellten für spezielle Aufgaben an einem Ort unterbringen, der Kreativität und Austausch verspricht. Es soll dort sprühen und lebendig sein. Noch ist davon aber nichts zu merken. Der Barista in der aufwendig gestalteten Kaffeebar langweilt sich und muss seine Bagels an diesem Tag wahrscheinlich selbst essen.

„Welcome home. Upps! Welcome at work!“ steht in großen Lettern auf einem der Fenster im Erdgeschoss. „Mein Lieblingsspruch“, sagt Luerken. Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Fließende Grenzen zwischen den Zwängen der Arbeit und der freien Entfaltung im Gespräch zwischendurch, beim Kaffee oder im Spieleraum mit Kicker ganz oben im Ansgarihaus, das vor dem Eigentümerwechsel Bremer Carrée hieß.

Schöne neue Arbeitswelt? Ja und nein. Neu allemal, weil es beim Coworking anders als beim traditionellen Nine-to-five-Job keine klaren zeitlichen und räumlichen Raster gibt. Der Mensch ist dort in seiner Ganzheit gefragt. Eine Entwicklung, die von Experten durchaus kritisch gesehen wird. Zu den Fachleuten gehört Bernd Fels, Inhaber des Wolfsburger Unternehmens „if5 anders arbeiten“, das bei der Planung, dem Bau und der Einführung von Arbeits- und Büroumfeldern berät.

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„Unternehmen wie Google oder Apple legen es förmlich darauf an, dass ihre Mitarbeiter sich ganz und gar der Arbeit verschreiben“, sagt er in einem Interview mit dem WESER-KURIER. Er sei deswegen ein Freund von klaren Regeln zu Arbeitszeit und Arbeitsort. Andererseits solle man nicht alle Bemühungen, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu organisieren, als perfide Art der Ausbeutung denunzieren. Unternehmen müssten sich in Zeiten des Fachkräftemangels am Wohlergehen ihrer Angestellten orientieren. „Und hierzu zählt absolut auch ein schönes Arbeitsumfeld“, sagt Fels.

Spaces in Bremen hat so ein Umfeld – im Haus, auch wenn das Ambiente noch etwas klinisch wirkt, vor allem aber drumherum, am Ansgarikirchhof. Der Platz wird im Sommer mit Pflanzaktionen, Sandkästen und Sitzgelegenheiten bespielt. Es gibt kostenloses WLAN. Spaces-Kunden können also von einem Netzzugang zum anderen wechseln, wenn sie vor die Tür treten, um Luft zu schnappen. Die Anlieger im Quartier haben sich für dieses Angebot und gemeinsame Aktionen zu einem Verein zusammengeschlossen.

Eingerahmt wird der Ansgarikirchhof unter anderem vom Gewerbehaus, dem 400 Jahre alten Gebäude der Bremer Handwerkskammer. Auf der anderen Seite steht der Lloydhof, ein ehemaliger Büro- und Geschäftskomplex, von dem im Laufe der nächsten zwei Jahre nicht viel mehr bleiben wird als die Fassade. Hinter den Mauern entwickelt ein milliardenschwerer Investor das „Lebendige Haus“, eine Mischung aus Gewerbe, Wohnen, Hotel, Sport, Kultur und Gastronomie.

Zentral und verkehrsgünstig

Stefanie Luerken hört davon das erste Mal. „Als ich kam und sah, dass so viele Geschäfte leer stehen, habe ich mich gewundert“, erzählt sie. Mitten in Bremen, in so zentraler Lage – „die können doch nicht alle pleite gegangen sein“, rätselte Luerken. Auch beim direkten Nachbarn von Spaces herrscht gähnende Leere. Das Modehaus AppelrathCüpper hat im Ansgarihaus Flächen gemietet, ist bislang aber nicht eingezogen. Luerken ficht das nicht an. So wenig wie das, was demnächst im Lloydhof passiert. Hauptsache zentral, sagt sie über ihren Bremer Standort. Hauptsache verkehrsgünstig.

Das Konzept des Unternehmens ist hybrid. Rund ein Fünftel der Fläche steht für das klassische Coworking zur Verfügung. Man entscheidet sich für einen Platz, hockt sich hin und fängt an zu arbeiten. Alles andere wird mehr oder weniger fest vermietet: Möblierte Büros, die mal klein, mal groß ausfallen. Nischen hier und da. Einzelne Schreibtische oder eine ganze Reihe davon, 20 Stück, die hintereinander stehen. „In unserer Filiale in Düsseldorf sitzt eine komplette Rechtsanwaltskanzlei“, berichtet Luerken.

Solche Firmen wollen sich keine hohen Kosten ans Bein binden, sondern flexibel bleiben und schnell wieder ausziehen können, wenn das Geschäftsmodell nicht trägt oder umgekehrt so gut läuft, dass die Chefs expandieren und für ihre Leute mehr Platz benötigen. Bei Rent24, einem weiteren Coworking-Anbieter in Bremens City, hat sich zum Beispiel ein großer Landmaschinenhersteller niedergelassen, um mit einer kleinen Mannschaft den Vertrieb im Internet voranzutreiben. Ein anderer Kunde ist die Sparkasse Bremen.

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Das sind Mieter, solvent und gediegen, auf die auch Spaces hofft. Unternehmen, die für Projektarbeit eine temporäre Bleibe suchen und die Coworking-Büros als Puffer oder Überlaufbecken nutzen. In anderen Fällen kann es sein, dass Firmen sozusagen auf Montage in Bremen sind und untergebracht sein wollen. Als im vergangenen Jahr der weltgrößte Raumfahrtkongress in der Hansestadt stattfand, suchten einige Teilnehmer händeringend nach Büros, die kurzfristig und nur für ein paar Tage zu mieten sein sollten. Bei Rent24 waren in der Zeit Raketenbauer aus Asien zu Gast.

Die Kunden von Spaces müssen am Ansgarikirchof nur aus der Tür fallen, um sofort dort zu sein, wo sie für eine Nacht, einen Monat oder ein Jahr wohnen könnten. Das „Lebendige Haus“ im benachbarten Lloydhof wird Appartements auf Zeit vermieten und damit so flexible Angebote machen, wie es Spaces heute schon mit seinen Schreibtischen und Büros tut. Coworking trifft auf Coliving. Alles verschmilzt.

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Zur Sache

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Die neue Filiale von Spaces in Bremen ist die vierte des Unternehmens in Deutschland. Weitere Niederlassungen gibt es in Düsseldorf und Hamburg und noch in diesem Jahr auch in Berlin, Köln und Frankfurt. Weltweit verfügt Spaces über rund 180 Standorte. Ziel ist es, diese Zahl kurzfristig zu verdoppeln.

So hat es vor einigen Monaten die New Yorker Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet. Größter internationaler Anbieter von Coworking ist mit mehr als 650 Standorten das US-amerikanische Unternehmen WeWork. Spaces gehört zur International Workplace Group (IWG). Unter dieser Dachmarke firmiert auch Regus, ein global agierender Betreiber von Business-Centern.

Regus ist in Bremen im Technologiepark an der Universität vertreten, am Flughafen und demnächst auch im neuen City-Gate vor dem Hauptbahnhof. Das Unternehmen bedient eher das typische Klientel bei der Büronachfrage und weniger die jungen und kreativen Gründer, die bei Spaces unterkommen.

Nach Angaben von Colliers International, eines der führenden Immobilienberater der Welt, wurden in den sieben größten deutschen Städten 2017 fünf Prozent des Büroflächenumsatzes von Unternehmen erzielt, die für ihre Mieter flexible Lösungen parat haben – fünfmal so viele wie im Jahr davor.

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