Interview mit Creditreform Bremen

„Verbraucher zeigen gute Zahlungsmoral“

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform Bremen konnte bei Privatpersonen eine verbesserte Zahlungsmoral feststellen. Im Gespräch erläutert Peter Dahlke, wie ausgesetzte Insolvenzen den Wettbewerb verzerren.
12.09.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Verbraucher zeigen gute Zahlungsmoral“
Von Florian Schwiegershausen
Herr Dahlke, die Bundesregierung hat im Insolvenzrecht die Corona-Ausnahme bis Jahresende verlängert. Wie viel Verständnis haben Sie dafür?

Peter Dahlke : Da muss man differenzieren: Der Gesetzgeber hat die Aussetzungsfrist lediglich für überschuldete Unternehmen verlängert, nicht aber für zahlungsunfähige. Überschuldung als Insolvenzgrund ist ein sehr schwammiges Konstrukt, das in der Praxis wenig vorkommt. Der größere Teil sind zahlungsunfähige Unternehmen. Diese müssten ab Oktober einen Insolvenzantrag stellen.

Wenn das nur wenige Unternehmen betrifft, ist die Verlängerung eher eine Nebelkerze?

Es ist eher ein Feigenblatt. Denn es handelt sich hier um eine Wette der Politik auf die Zukunft. Es ist natürlich sehr schwierig, solche Entscheidungen zu treffen, zumal die Politik hier unter großem Handlungsdruck steht.

Wenn ein Unternehmen wegen der Corona-Ausnahme die Insolvenz hinauszögert, wann sollte es sagen: Nun muss das aber sein?

Die Insolvenz hat ja eine Warn- und Schutzfunktion für die Marktteilnehmer. Wenn diese Funktion nun ausgesetzt ist, ist das in gewisser Weise wettbewerbsverzerrend. Man muss sich ja vor Augen führen, dass die Geschäftspartner solcher insolvenzreifer Unternehmen auch einem Risiko ausgesetzt sind. Also, dass sie ihr Geld nicht mehr erhalten und auf Forderungen sitzenbleiben. Das kann wiederum diese Unternehmen in eine Schieflage bringen. Deswegen sprechen wir uns für einen klaren Wettbewerb dahingehend aus, dass Unternehmen, die de facto pleite sind, entsprechend einen Insolvenzantrag stellen müssen.

Bis wohin ist die Aussetzung des Insolvenzrechts noch vertretbar?

Die Zahlen wirken paradox: Wir verzeichnen in den letzten Monaten seit Beginn der Krise bundesweit eine sinkende Zahl an Insolvenzanträgen. Das lässt den Schluss zu, dass insolvente Firmen, deren Situation nicht Corona geschuldet ist, nicht zum Insolvenzgericht gegangen sind. Das sind sicherlich Randeffekte, die die Politik nicht gewollt haben kann.

Wie sieht die Situation für die Region aus?

Die stark pandemiebetroffenen Branchen kämpfen weiter mit großen finanziellen Engpässen: Die Gastronomie konnte sich ein wenig vom Lockdown erholen. Wenn ab Herbst die Außenbereiche wegfallen, wird es aber für viele wegen der Abstandregeln im Lokal wieder schwierig. Im Veranstaltungsbereich stehen etliche Firmen unverändert bei Null. Und auch Bremens Hotellerie verzeichnet nur geringe Umsätze, weil kaum Geschäftsreisen und Veranstaltungen stattfinden.

Bei welchen Branchen sieht es besser aus?

Die Baubranche ist noch weitestgehend unberührt von der Corona-Situation und hat kaum gelitten. Unternehmen aus dem Bereich E-Commerce stehen ebenso gut da. Die Verbraucher kaufen weiterhin lieber online ein, als in die Innenstädte zu fahren. Hiervon profitieren Online-Shopbetreiber.

Was bedeutet diese Insolvenzaussetzung für Ihre eigene Arbeit? Ist das für Sie dadurch auch eher eine Wundertüte?

Keineswegs, weil wir in unseren Datenbanken das entsprechende Zahlungsverhalten von Unternehmen frühzeitig, also schon vor einer Zahlungsunfähigkeit, erkennen können. Diese Informationen fließen in unsere Wirtschaftsinformationen ein und können so mögliche Geschäftspartner im Vorfeld warnen. Außerdem reden wir tagtäglich mit den betroffenen Unternehmen. Seit dem Beginn der Corona-Krise haben wir mit mehreren tausend Firmen hier in der Region telefoniert, weil wir die individuelle Entwicklung eines Unternehmens bewerten möchten. Das fließt dann ebenso in unsere Bonitätsauskünfte ein.

Das klingt nach mehr Arbeit als sonst.

Das ist richtig. Diese Pandemiesituation war für uns ja ebenso neu wie für jedes andere Unternehmen. Wir haben aber festgestellt, dass derzeit viele Firmen selbst den Bedarf sehen, uns Informationen im Sinne einer aktiven Finanzkommunikation zur Verfügung zu stellen.

So komprimiert in einem so kurzen Zeitraum gab es das nicht.

Vor Corona waren einige Unternehmer hier tatsächlich zurückhaltender. Wir wollten aber auf keinen Fall einzelne Branchen pauschal vorverurteilen. Insoweit sind Gespräche und die individuelle Bonitätsbewertung eines jeden Unternehmens wichtig.

Inwiefern sind Sie da mit den Kollegen aus anderen Regionen stärker in Kontakt gewesen als das sonst der Fall ist?

Wir alle arbeiten auf einer einheitlichen Datenbank. Allein darüber ist der Austausch im Tagesgeschäft schon gegeben. Auch die Bewertungskriterien sind standortübergreifend einheitlich. Die Creditreform-Gesellschaften sind ja stets inhabergeführt. Dadurch kennt man die Kollegen sehr gut. Durch unseren Verband war der Austausch aber schon intensiver als sonst.

Wieviel besser oder schlechter steht da die Weser-Ems-Region als andere Regionen?

Zu Anfang der Corona-Pandemie waren die Maßnahmen ja bundesweit einheitlich. Da machte es keinen Unterschied, ob jemand ein Hotel in Bremen oder in München betreibt. Beim Blick auf die Insolvenzen gab es aber auch schon vor der Krise je nach Bundesland spezifische Unterschiede. Die Flächenbundesländer sind statistisch gesehen nicht so stark von Firmeninsolvenzen betroffen wie die Stadtstaaten. Das wird sich sicherlich bei der zu erwartenden Insolvenzwelle zum Jahresende und auch im kommenden Jahr entsprechend widerspiegeln.

Wenn ein Unternehmer infolge der Corona-Pandemie Insolvenz beantragen muss, wie könnten Sie sich da eine Regelung vorstellen für einen Neubeginn?

Grundsätzlich soll eine Insolvenz ja eine Sanierung und eine Fortführung ermöglichen. Aktuell prüft der Gesetzgeber aber auch eine EU-Vorgabe, die eine präventive Restrukturierung vorsieht. Ziel soll es sein, dass ein Unternehmen in einem frühen Krisenstadium Schritte der Sanierung geht und damit den Insolvenzfall verhindern kann. Daraus könnte eine entsprechende Chance erwachsen, ohne dass es einen Neubeginn bedarf.

Wie sehr sieht die Politik eine Insolvenz als Schreckgespenst?

Man muss bei den Sachverhalten schon differenzieren: Eine pandemiebedingte Insolvenz ist ja absolut neu in der Wirtschaftshistorie und letztlich unverschuldet. Das ist schon der bedeutende Unterschied zu allen bisher erlebten Situationen im Wirtschaftsleben, weil es hier nicht um ein unternehmerisches Fehlverhalten oder Marktversagen geht. Dieser Aspekt treibt die Politik momentan stark um. Aber man muss eben auch die andere Seite betrachten. Denn jeder Insolvenz stehen die Zahlungsausfälle der Gläubiger gegenüber. Diese gilt es zu schützen, damit sie nicht auch noch in den Sog der Insolvenz hineingezogen werden.

Trotz Corona bleibt es am Ende eine Insolvenz.

Letztendlich schon. Die einzige Differenzierung, die man da machen kann, sind die sogenannten Zombieunternehmen, also Firmen, die schon vor Corona unrentabel und weitgehend unterkapitalisiert waren. Sie wurden aufgrund der lockeren Zins- und Geldpolitik der vergangenen Jahre quasi am Leben gehalten. Darüber ist eine volkswirtschaftliche Debatte zu führen. Denn wachstumsträchtige Unternehmen werden möglicherweise in ihrer Entwicklung behindert, wenn chancenlose Wettbewerber den Markt nicht verlassen und Kapital und Fachkräfte binden.

Inwiefern kam für solche Unternehmen das Mittel der Kurzarbeit gerade gelegen als Mitnahmeeffekt, wodurch sie weiter am Leben erhalten werden?

In der Tat gibt es da Trittbrettfahrer - sowohl durch das Mittel der Kurzarbeit als auch durch die Corona-Hilfen. Aufgrund des zeitlichen Drucks für die Politik konnte das aber nur sehr schwer in irgendeiner Form verhindert werden. War die Beantragung der Corona-Hilfen anfangs sehr einfach, läuft das ja nun über den Steuerberater oder den Wirtschaftsprüfer.

Wie bereiten Sie sich nun auf die kommenden Monate vor?

Wir stellen bei unseren Kunden fest, dass das Informationsbedürfnis aktuell sehr hoch ist und der Bedarf an verlässlichen Wirtschaftsinformationen steigt. Denn die Bonität eines Geschäftspartners kann sich tagtäglich verändern. Was den Inkassobereich angeht, haben wir zu Beginn der Pandemie festgestellt, dass einige Unternehmen zurückhaltender in ihrem Forderungsmanagement agierten und Mahnläufe ausgesetzt haben.

Also auch hier mit Augenmaß?

Wenn die Unternehmen hier anfangs mit Augenmaß agiert haben, kehren sie nun doch wieder zur herkömmlichen Geschäftspraxis zurück. Denn wenn bei ihnen die Außenstände steigen, können sie selbst irgendwann in finanzielle Schieflage geraten. Da kam das Umdenken dann doch recht schnell.

Und im privaten Bereich?

Bei Rechnungen gegenüber Privatpersonen war sogar eine verbesserte Zahlungsmoral zu verzeichnen. Das lässt sich vielleicht damit erklären, dass die Leute mehr zu Hause waren und dadurch schneller auf Rechnungen und Mahnungen reagiert haben. Allerdings sind die Auswirkungen hier immer erst zeitverzögert zu beobachten. Die Arbeitslosenzahlen steigen an und auch unsere Analysen zeigen, dass Arbeitslosigkeit einer der Hauptgründe für eine Überschuldung ist. Daher rechnen wir damit, dass die Zahl der privaten Überschuldung durch Corona steigen wird. Das wird leider für so manchen zum Problem werden.

Das Gespräch führte F. Schwiegershausen.

Info

Zur Person

Peter Dahlke (46)

und seine Frau Verena führen Creditreform Bremen. Das Büro ist eines von bundesweit 128 inhabergeführten Standorten. Creditreform ist seit mehr als 140 Jahren spezialisiert auf Wirtschaftsauskünfte und Inkassoservices.

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