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Das fliegende Auge

Kopterflug untersucht Industrieanlagen auf Schäden, indem sie mit Drohnen durch Tanks und Schornsteine fliegt. Dabei konnte der Firmengründer mit seinem heutigen Arbeitsgerät zunächst nichts anfangen.
28.07.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Das fliegende Auge
Von Stefan Lakeband
Das fliegende Auge

Gut gerüstet: Ein Gestell schützt die 25 000 Euro teure Drohne bei Einsätzen in Industrieanlangen.

DIMITROPOULOS/Flyability

Komplette Dunkelheit. Nur ein schmaler Lichtkegel fährt über die Wand, zeigt Rost und Ablagerungen. Die Bilder wackeln, Ton gibt es nicht. Für die meisten dürfte das Video aus dem Brenner eines Kohlekraftwerks langweilig und befremdlich sein. Wer aber ein solches Kraftwerk betreibt, für den sind es seltene Einblicke – und Bilder, die viel Geld sparen.

Der Mann hinter diesem Video ist Christian Engelke, Unternehmer, Drohnenpilot und Gründer von Kopterflug. Sein Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, den Zustand von Industrieanlagen zu untersuchen. Kraftwerke, Gastanks, Schornsteine – alles muss regelmäßig inspiziert werden. Bislang haben Menschen den Job übernommen, sind in die abgeschalteten Anlagen gestiegen, auf hohe Gerüste geklettert.

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Engelke geht einen anderen Weg: Er lässt seine Drohnen fliegen. „Es ist schneller und sicherer.“ Besonders bei großen Industrieunternehmen seien die Kosten für die Inspektion der Anlagen bislang enorm, allein der Aufbau von Gerüsten könne jährlich Hundertausende Euro kosten. Außerdem müssen die Anlagen abgeschaltet werden; bevor Menschen sie betreten, muss klar sein, dass sich keine gefährlichen Gase gebildet haben. „Bis man sich ein Bild gemacht hat, wie der Zustand ist, dauert es fünf Tage“, sagt Engelke. In einer Welt, wo der Spruch „Zeit ist Geld“ tatsächlich eine Bedeutung hat, ist das eine halbe Ewigkeit. Denn je länger eine Industrieanlage stillsteht, desto weniger Geld lässt sich mit ihr verdienen.

„Wake up, Kick Ass, Repeat“

Viele Unternehmen haben das erkannt. „Die Auftragslage ist gut“, sagt der 37-Jährige. „Geld verdienen lässt sich damit aber nicht.“ Nach Abzug aller Kosten und Gehälter bleibe nur ein kleiner Gewinn übrig. „Start-up-Situation“ nennt er das. Beunruhigend findet er das nicht. Engelke ist schon sein halbes Leben lang Unternehmer, seitdem er 19 ist. 2002 gründet er einen Onlineshop mit Ersatzteilen für Drucker und Kopierer. E-Commerce ist damals nur den wenigsten ein Begriff. Frei käufliche Software, um den eigenen Onlineshop zu gestalten, gibt es damals noch nicht. Also entwickelt Engelke selbst etwas. Die Firma wächst langsam, aber sie wächst. Mittlerweile hat sein Unternehmen 70 000 Kunden in 16 Ländern. Engelke ist zwar immer noch Geschäftsführer, die meiste Zeit widmet er inzwischen aber Kopterflug – obwohl er Drohnen eigentlich skeptisch sieht.

Als die ersten Drohnen für den Privatgebrauch auf den Markt kamen, konnte er ihnen nichts abgewinnen. „Wofür braucht man die?“, fragte er sich. Dabei begleitet die Fliegerei Engelke fast sein ganzes Leben. Als Jugendlicher steuert er Modellflugzeuge durch die Luft, später macht einen Pilotenschein und fliegt selbst. 2015 kauft er sich dann doch eine Drohne, um zu sehen, wie schwierig es ist, sie zu steuern. Und um Luftaufnahmen zu machen. Nur aus Spaß. Weil er es schön findet, die Welt von oben zu sehen.

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Er baut eine Website und stellt ein paar Bilder online. Dadurch wird Arcelor-Mittal auf ihn aufmerksam. Ob er nicht einen Salzsäuretank von außen inspizieren könne, fragen das Stahlwerk an. Engelke fährt hin, umfliegt den Tank, macht Aufnahmen. Dann die nächste Frage: Können Sie auch im Tank fliegen? Engelke ist sich nicht sicher, bastelt einen Kollisionsschutz an seine Drohne und probiert es einfach aus. Es klappt. Nebenbei erfährt er, wie aufwändig und teuer es ist, solche Tanks auf herkömmliche Art zu überprüft. „Da war mir klar: Das ist ein Geschäftsmodell.“

Das Wenigste gibt es von der Stange

Während er von den Anfängen erzählt, sitzt Engelke an zwei zusammengeschobenen Schreibtischen, auf denen er sonst an seinen Drohnen bastelt. Das Wenigste gibt es von der Stange, vieles hat er selbst entwickelt. Die Büros von Kopterflug sind in dem Haus, in dem er auch wohnt; in der Ecke steht eine kleine Leuchtreklame: „Wake up, Kick Ass, Repeat“. Seine Firma sei keine Pflicht für ihn, Work-Life-Balance kein Thema – sondern eher, wie sich beides miteinander verbinden lässt. Auf Montage freue er sich, weil er weiß, dass dann die E-Mails beantwortet werden, die er am Wochenende verschickt hat. „Ich liebe das einfach“, sagt er. Seinen vier Mitarbeitern gehe es da nicht anders.

Deswegen schreckt er auch nicht vor hohen Kosten zurück. In Kopterflug hat er 100.000 Euro investiert. Privatvermögen. Allein die Spezialdrohne, mit der er durch Tanks, Silos und Schornsteine fliegt, kostet 25 000 Euro; es gibt sie nur 300 Mal auf der Welt. Auch die Konkurrenz sei überschaubar. Firmen, die Außenaufnahmen anfertigen, gebe es zwar etliche. „Bei Innenaufnahmen sind wir aber die einzigen nördlich von Frankfurt“, sagt Engelke. Auch im Ausland und auf Schiffen ist Engelke schon geflogen.

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Die Unternehmen sind dennoch zurückhaltend. „Deutschland ist ein schwieriger Markt“, sagt er. Bei vielen Aufträge gehe es momentan darum zu testen, ob die Inspektion mit Drohnen überhaupt möglich ist. Deswegen erarbeitet Engelke zusammen mit den Unternehmen auch Lösungen, entwickelt Richtlinien. Sein Ziel: Nicht abwarten, bis ein Markt mit Regeln da sei, sondern ihn selbst mitgestalten. Engelke bastelt.

Info

Zur Sache

Drohne überwacht Wacken

Nicht nur in Industrieanlangen sorgen Drohnen für mehr Sicherheit, auch beim Heavy-Metal-Festival „Wacken Open Air“ Anfang August soll ein solches Fluggerät eingesetzt werden. Es soll Übersichtsaufnahmen vom Gelände und dem Campingbereich in Schleswig-Holstein liefern, um kritische Situationen frühzeitig zu erkennen, teilte die Polizei mit. Die Drohne unterstützt die Einsatzkräfte in Wacken in dieser Art zum ersten Mal. Im Vorjahr seien bereits Testflüge gemacht worden, sagte ein Polizeisprecher. Auch auf der Kieler Woche war bereits eine Drohne im Einsatz.

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